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Liebe und Sex im AlterDie Lust endet nicht an der Tür des Pflegeheims

8 min
Zwei ältere Menschen sitzen Händchen haltend auf einem Sofa in einem Wohnzimmer.

Gertrud Moritz und Karlheinz Schuster haben sich im Seniorenheim in Würselen kennen- und lieben gelernt. 

Wie Bewohnerinnen und Bewohner mit Gefühlen und körperlicher Nähe umgehen, und vor welchen Herausforderungen die Einrichtungen stehen

Gertrud Moritz nimmt die Hand von Karlheinz Schuster und drückt sie leicht. Sie erinnert sich daran, wie sie ihren Partner das erste Mal gesehen hat: „Doch da hat er noch nicht mit mir gesprochen, und ich dachte: Was ist denn das für ein sturer Kerl?“, sagt sie. Inzwischen ist das ganz anders. Jetzt sind sie ein Paar.

Kennengelernt haben sich die beiden auf Moritz’ 90. Geburtstagsfeier. Auf der Terrasse des Marienhaus-Seniorenzentrums St. Franziskus in Würselen. Moritz hat da erst wenige Wochen im Seniorenheim gewohnt. Zuerst habe es niemand mitbekommen, dass sie sich annähern. Erst als sie bei einem Fest im Heim gemeinsam tanzen, kommt den Mitarbeitern ein Gedanke. Beide waren mehrere Jahrzehnte allein, beide verwitwet. Schuster ist 85. Abends kommt Moritz auf sein Zimmer, dann sehen sie gemeinsam fern. Sie helfen sich gegenseitig bei ihren Problemen. Moritz ist endlich wieder jemand, mit dem er sich unterhalten könne.

Erst habe er sich daran gewöhnen müssen, wieder liiert zu sein, wieder eine feste Frau in seinem Leben zu haben: „Aber irgendwie hat einem das dann doch auch gefehlt.“ Moritz ihrerseits musste erst wieder lernen, sich für einen anderen zu öffnen. Jetzt genießt sie es, jemanden in ihrem Leben zu haben, „dem man alles anvertrauen kann“.

Eine Beziehung mit über 80 unterscheidet sich von einer mit Anfang 20, die Familienplanung ist längst abgeschlossen. Kinder zu bekommen, eine Familie zu gründen, darum geht es nicht mehr. Über Sex haben die beiden trotzdem schon gesprochen. „Etwas altmodisch“ nennt Schuster seine Partnerin in der Hinsicht.

Sexualität endet nicht an der Tür des Pflegeheims

Wer im Pflegeheim lebt, hat keine sexuellen Bedürfnisse mehr. Dieses Vorurteil ist der Seniorenheimbewohnerin Beate Hadrian schon mehrfach begegnet: „Ab einem bestimmten Alter hat man keinen Sex mehr, und schon gar nicht im Seniorenheim. Das ist ein Tabu“, erzählt sie von ihren Erfahrungen im Austausch über das Thema. „Darüber denke ich aber anders.“ Hadrian ist 79 Jahre alt und wohnt seit gut zwei Jahren in der Senioreneinrichtung. Fast genauso lange ist sie mit ihrem Partner zusammen. Gemeinsam machen die beiden gerne Ausflüge, er hat ein Auto, sie gehen essen oder sehen fern. Sie sei zufrieden mit ihrer Beziehung. „Auch sexuell, wenn Sie das meinen“, fügt sie hinzu und nickt bestimmt.

Eine Frau in blauer Jacke blickt in die Kamera

Beate Hadrian ist 79 Jahre alt und lebt seit zwei Jahren im Seniorenheim. Über Sex redet sie nicht mehr viel, dennoch spielt er in ihrem Leben eine Rolle.

Sexualität hört nicht auf, nur weil jemand ins Altersheim zieht. Das findet auch Claudia Müller, die die Einrichtung der Marienhaus-Gruppe in Würselen leitet. Sie hat zuvor lange als Pflegerin im Krankenhaus und im Seniorenheim gearbeitet. In den 1980er- und 1990er-Jahren sei Sexualität im Altersheim kein Thema gewesen. Darüber sei einfach nicht gesprochen worden.

2017 hat die Marienhaus GmbH ein Konzept zum Umgang mit Sexualität entwickelt. „Sexualität leben“ soll den Mitarbeitenden in den 18 Senioreneinrichtungen helfen, offen, neutral und wertfrei mit dem Thema umzugehen. Bewohnerinnen und Bewohner sollen damit ihre Sexualität selbstbestimmt leben können.

Müller sagt, sie erlebe tagtäglich, dass Sexualität ein Thema ist. Seit vier Jahren arbeitet sie in Würselen. In dieser Zeit hätten sich allein vier Paare gefunden. Manche von ihnen teilen sich inzwischen auch ein Doppelzimmer, schlafen im selben Bett. Der Wechsel von einem Einzelzimmer in ein Doppelzimmer lasse sich bei entsprechender Verfügbarkeit in der Regel unkompliziert organisieren, sagt Müller.

Sofern die räumlichen Voraussetzungen gegeben sind, ziehen die beiden betreffenden Personen gemeinsam in ein Doppelzimmer. Die bisherigen Bewohnerinnen oder Bewohner können im Gegenzug jeweils in ein frei werdendes Einzelzimmer wechseln. Oft seien es die Kinder, die damit zunächst nicht umgehen könnten, dass die Eltern einen neuen Partner haben. Da helfe dann nur ein offenes Gespräch, sagt Müller.

Eine Frau mit Brille steht auf einem großen Balkon.

Claudia Müller leitet das Marienhaus-Seniorenzentrum in Würselen und hat vor fast 20 Jahren verstanden, dass Lust und Begehren nicht vor der Heimtür enden.

An eine Begegnung erinnert sich Müller noch gut. „Eine Bewohnerin ist zu mir gekommen und hat sich einen Vibrator gewünscht. Da habe ich verstanden: Die Lust auf Sex, auf Befriedigung, auf Nähe und Berührung hört ja nicht vor der Tür der Einrichtung auf.“ Müller hat den Vibrator bestellt, das Paket wurde der Empfängerin ins Heim geliefert.

Das Thema habe sie danach ausführlich mit ihren Kollegen und Kolleginnen besprochen. Gut 20 Jahre später vermittelt die Marienhaus-Gruppe bei Bedarf und sensibler Absprache sogenannte Kuschelassistenzen. Eine Form der Sexarbeit, bei der Bewohnerinnen und Bewohner auf Wunsch sexuelle Handlungen von Sexarbeiterinnen erhalten, manchmal aber auch nur das Bedürfnis nach Nähe und Zärtlichkeit gestillt wird.

Die einfachste Möglichkeit, den Bewohnerinnen und Bewohnern Raum für Sexualität zu schaffen, sei, vor dem Betreten ihrer Zimmer anzuklopfen und die Tür erst zu öffnen, wenn eine Aufforderung erfolgt, sagt Müller. Dazu gehöre eine Haltung des Respekts – für das Thema Sexualität und die Bedürfnisse der Bewohnenden.

Zu wenig Forschung, zu viel Schweigen

Dass es ein großes Bedürfnis gibt, über Sexualität zu sprechen, auch im Pflegekontext, hat Professorin Birgitta Sträter von der Katholischen Hochschule in Köln bei ihrer Forschung festgestellt. 21 Interviews haben sie und ihre Kolleginnen in einem Pflegeheim geführt. Entstanden ist die Broschüre „Let's talk about Sex – Sexualität im Kontext von Pflegeheimen“.

Das Thema werde kaum aktiv von Pflegekräften wie Bewohnern angesprochen. Es habe sie auch überrascht, wie wenig wissenschaftliche Forschung es in Deutschland gebe. Bislang seien vor allem im englischsprachigen Raum vereinzelt Publikationen erschienen.

Menschen hätten nicht immer dieselbe Definition von Sexualität. Viele dächten sofort an den Geschlechtsakt. „Aber Sexualität heißt für uns auch: Kuscheln, Bindungen und Nähe eingehen und spüren.“ In den Gesprächen sei es viel darum gegangen, was sich die Bewohnerinnen und Bewohner wünschten in Sachen körperlicher Nähe, bei manchen aber auch darum, was sie sich bewahrt hätten. Besonders bei den Frauen sei deutlich geworden, dass sie verinnerlicht hätten, zu alt für Sex zu sein.

Solchen Stigmen sei Sträter während ihrer Forschung häufig begegnet. Eine Haltung, die sie nicht verstehe. „Wir werden im besten Fall alt und können nicht ausschließen, dass wir eine Form von Hilfe benötigen.“ Auch andere Lebenskonzepte müssten mitgedacht werden. Zwar sei die heterosexuelle Ehe noch die vorherrschende Beziehungsform in Seniorenheimen, doch es gebe auch schwule und lesbische Paare. Ebenso müssten Transmenschen mitgedacht werden.

Eine Frau im Blazer lächelt in die Kamera.

Professorin Birgitta Sträter: Die Forscherin der Katholischen Hochschule hat Sexualität im Pflegeheim wissenschaftlich untersucht, und dabei festgestellt: Es gibt kaum Studien dazu.

Susanne Zank, Professorin für Rehabilitationswissenschaftliche Gerontologie an der Universität zu Köln, sieht einen Grund für die überschaubare Datenlage auch bei der Wissenschaft selbst: „Man hat Angst, die potenziellen Befragten zu verprellen mit solchen intimen Fragen und möglicherweise der eigenen Karriere zu schaden, wenn man sich mit ,Schmuddelthemen‘ beschäftigt.“

Hinzu komme ein methodisches Problem, das viele Studien verzerre: Sexualität werde häufig auf Geschlechtsverkehr reduziert. „Da wird gefragt: ‚Haben Sie Geschlechtsverkehr gehabt im letzten Monat, im letzten Jahr?‘ Und das wird dann gleichgesetzt mit: ‚Ich habe noch Interesse an Sexualität oder nicht.‘ Das ist natürlich ziemlicher Unsinn, weil Sexualität sich ja nun nicht auf Geschlechtsverkehr beschränkt.“

Insgesamt sei Sexualität im Alter „generell noch ein Tabu“, auch wenn sich durch Filme und Serien inzwischen etwas ändere. Ein Grund für die anhaltende Verdrängung liege auch im eigenen Umfeld: Kinder müssten sich klarmachen, „dass ihre Eltern auch noch Bedürfnisse haben, selbst wenn sie 80 oder 85 sind“. Ein Gedanke, der viele überfordere.

Wenn Grenzen überschritten werden

Zur Auseinandersetzung mit Sexualität gehört auch der Diskurs über sexuelle Übergriffe. Aus ihrer Forschung nimmt Sträter mit, dass das Ermöglichen von Sexualität oft auch das beste Schutzkonzept sei. „Wir müssen junge Pflegekräfte darauf schulen und für das Thema sensibilisieren. Wenn wir es tabuisieren, kann es nur ungünstiger laufen.“ Das Thema müsse aufgegriffen werden, bevor jemand übergriffig werde. Besonders dann, wenn Betroffene sich selbst nicht mehr gut kontrollieren können.

Grenzen müssen immer wieder besprochen werden, sagt auch Elisabeth Römisch. Sie ist Fachbereichsleiterin für Senioren und Seniorinnen beim Kreisverband der Arbeiterwohlfahrt (AWO) Köln. Pflege sei ein sehr körperlicher Beruf. Das bedeute aber nicht, dass Übergriffe toleriert werden müssten. Jede und jeder ziehe die eigenen Grenzen individuell. Manche früher als andere.

Komme es zu Übergriffen eines männlichen Bewohners, besonders gegenüber jungen Frauen, stelle sie um: Dann wird geprüft, wie die Pflege so organisiert werden kann, dass die betroffenen Mitarbeiterinnen geschützt werden. Nach Möglichkeit wird die Versorgung beispielsweise durch männliche Pflegekräfte übernommen. „Stopp sagen. Sofort aus der Situation raus“, das sei in ihren Häusern die Devise. Im nächsten Schritt werde die Teamleitung informiert und besprochen, wie weiter vorzugehen ist. Das sei von Fall zu Fall verschieden.

Eine Frau mit weißen Haaren und Brille lächelt in die Kamera.

Elisabeth Römisch von der AWO Köln erinnert sich an eine Zeit, in der sexuelle Bedürfnisse von Pflegeheimbewohnern schlicht nicht existierten – zumindest offiziell.

Halte sich ein Bewohner oder eine Bewohnerin nicht an die Regeln oder belästige andere, sei es auch möglich, die Person in einem anderen Wohnbereich unterzubringen. Das komme hin und wieder vor: „Wir hatten einen Bewohner, der sich vollkommen auf eine Frau fixiert hatte, aber sich nicht mehr selbst regulieren konnte. Da haben wir gemerkt, wir bekommen die betreffende Bewohnerin nicht gut geschützt, und haben ihn auf einen anderen Wohnbereich verlegt.“

Stuhl an Stuhl

In der Senioreneinrichtung in Würselen sitzen Gertrud Moritz und Karlheinz Schuster im Gemeinschaftsraum nebeneinander. Viele der Möbel dort stammen aus Moritz’ Haus. Sie hat sie der Einrichtung nach ihrem Einzug überlassen. So könne sie sich ein wenig wie zu Hause fühlen.

Ein gemeinsames Zimmer haben die beiden nicht. Schuster sagt, das sei auch besser so: „So hat jeder die Möglichkeit, sich zurückzuziehen.“ Zeit zu zweit verbringen sie trotzdem viel: Sie sehen fern im Zimmer des einen, frühstücken gemeinsam, Stuhl an Stuhl. Wenn es warm genug ist, sitzen sie draußen auf dem Balkon, sonst an ihrem Stammplatz in der Ecke am Fenster im Gemeinschaftsraum und machen Kreuzworträtsel. Auf einer Familienfeier von Moritz war Schuster auch schon. Er war sogar selbst von ihren Töchtern eingeladen worden. Das habe sie sehr gefreut.

Karlheinz Schuster schaut seine Gertrud an. Zehn Jahre habe er schon allein im Heim gewohnt. „Durch Zufall habe ich sie dann kennengelernt. Und das war ganz gut, muss ich sagen.“ Seine Partnerin nickt. Damit gerechnet, sich noch einmal zu verlieben, habe sie nicht. Umso schöner sei es jetzt. Der Alltag im Seniorenheim könne einsam sein. Und zu zweit ist man eben weniger allein.