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Tobias Korenke zur AfD„Meine Aktion war Ausdruck einer Übelkeit, die mich überfiel“

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Tobias Korenke (M), Großneffe von Dietrich und Klaus Bonhoeffer und Enkel von Rüdiger Schleicher, zerstört während einer Gedenkveranstaltung der Bundesregierung den Kranz der AfD.

Tobias Korenke (M), Großneffe von Dietrich und Klaus Bonhoeffer und Enkel von Rüdiger Schleicher, zerstört während einer Gedenkveranstaltung der Bundesregierung den Kranz der AfD. 

Der Großneffe von Dietrich und Klaus Bonhoeffer im Interview über den von ihm zerstörten AfD-Kranz bei einer Gedenkveranstaltung und ein AfD-Verbot.

Herr Korenke, alljährlich nehmen Sie als Großneffe Dietrich Bonhoeffers und Enkel Rüdiger Schleichers an den Gedenkfeiern der Bundesregierung zu Ehren des Widerstands gegen das NS-Regime vom 20. Juli 1944 teil. In diesem Jahr kam es bei Ihrem Versuch, den Kranz der AfD-Bundestagsfraktion vor der Feier zu entfernen zu einem Handgemenge mit dem Sicherheitsdienst. Ihre Protestaktion löste bundesweit ein großes Echo aus. Die AfD-Bundestagsfraktion hat Sie öffentlich zu einem Gespräch über Programm und Ziele der Partei eingeladen. Haben Sie schon geantwortet ?

Tobias Korenke: Ich nehme diese Einladung hiermit gerne an, um die Motivation für mein Handeln zu erklären. Ich finde, es spricht nie etwas gegen einen Austausch auch mit politischen Gegnern. Ich werde offen in das Gespräch gehen.

Werden Sie allein an dem Gespräch teilnehmen oder zusammen mit anderen Mitgliedern der „Stiftung 20. Juli 1944“?

Das ist noch nicht sicher. Jetzt warte ich erst mal auf die konkrete Einladung der AfD, und dann werden wir das entscheiden.

Über welche Themen wollen Sie mit der AfD sprechen?

Ich werde meine Position deutlich machen und ganz sicher kritisieren, wie die AfD mit dem Erbe der beiden deutschen Diktaturen umgeht und wie sie die Verbrechen des Nationalsozialismus relativiert. Ich werde sagen, was ich davon halte, dass die AfD einen sogenannten Schuldkult beklagt. Angeblich behindert dieser „Schuldkult“ – übrigens ein rechtsextremistischer Kampfbegriff – die Identitätsbildung in unserem Land. Außerdem werde ich erläutern, wie bedeutend meiner Meinung nach Gedenkstätten sind, die an die Geschichte des NS erinnern.

Wird das Treffen noch vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September stattfinden?

Das weiß ich leider nicht.

Ihr Protest gegen den AfD-Kranz bei der Gedenkfeier im Bendler-Block ist bald einen Monat her. Wie blicken Sie mit diesem zeitlichen Abstand auf Ihre Aktion?

Ich glaube, dass ich es wieder so machen würde. Es hängt natürlich auch von der konkreten Situation ab. Meine Aktion war ja Ausdruck einer Übelkeit, die mich überfiel, als ich den AfD-Kranz bei dieser Feier plötzlich sah. Ich hatte das Gefühl, der gehört nicht dahin, und wollte ihn still und dezent entfernen. Ich habe gar nicht bemerkt, dass die Presse schon da war. Es war eine impulsive Handlung, weil ich nicht ertragen kann, dass die AfD die Widerstandskämpfer für ihre Zwecke instrumentalisiert. Die Partei behauptet, man müsse heute Widerstand leisten gegen Friedrich Merz oder früher gegen Angela Merkel und Olaf Scholz so wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg und seine Verbündeten gegen Hitler. Die AfD leugnet damit die Unterschiede zwischen Diktatur und Demokratie. Das ist eine Gleichsetzung, die an Geschmacklosigkeit nicht zu übertreffen ist. Um es ganz deutlich zu sagen: Heute ist Widerstand überhaupt nicht notwendig. Wir leben in einer freiheitlichen Demokratie, in einem großartigen Rechtsstaat.

Sie haben nach Ihrer Protestaktion eine Welle an Zustimmung bekommen. Haben Sie damit gerechnet?

Nein, die vielen Reaktionen haben mich sehr überrascht. Ich wollte den AfD-Kranz ja – wie gesagt – eigentlich möglichst unbemerkt wegtragen. Meine kleine symbolische Aktion war nun wirklich nichts Besonderes. Ich brauchte dafür weder Mut noch Heldentum, wie das manche Menschen meinen. Ich hoffe, dass ich auch so gehandelt hätte ohne meinen familiären Hintergrund. Einfach als Christ, der das Menschenbild der AfD zutiefst ablehnt. Es gibt ein Erlebnis einige Tage nach der Gedenkfeier, das mich sehr berührt und nachdenklich gemacht hat. In einem Berliner Café hat der Barista, eindeutig mit Migrationshintergrund, zu mir gesagt: „Der Kaffee geht heute auf mich. Du hast am 20. Juli so viel für mich getan.“ Da bin ich sehr demütig geworden. Es war mir gar nicht bewusst, dass ich mit meiner Aktion gegen die AfD, die eine „Remigration“ von Geflüchteten fordert, etwas für diesen Menschen getan habe. Aber er hat es so verstanden. Ich habe natürlich auch viel Kritik für meine Handlung bekommen, vor allem in den sozialen Medien und zum Teil äußerst diffamierend und vulgär.

Tobias Korenke (M), Großneffe von Dietrich und Klaus Bonhoeffer und Enkel von Rüdiger Schleicher, entfernt während einer Gedenkveranstaltung der Bundesregierung im Ehrenhof des Bendlerblocks anlässlich des Nationalen Gedenktags an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft den Kranz der AfD. Der Tag erinnert an das missglückte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.

Tobias Korenke (M), Großneffe von Dietrich und Klaus Bonhoeffer und Enkel von Rüdiger Schleicher, entfernt während einer Gedenkveranstaltung der Bundesregierung im Ehrenhof des Bendlerblocks anlässlich des Nationalen Gedenktags an den Widerstand gegen die nationalsozialistische Gewaltherrschaft den Kranz der AfD. Der Tag erinnert an das missglückte Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944.

Die AfD in Sachsen-Anhalt steht in den Umfragen aktuell bei mehr als 40 Prozent, die CDU auf Platz zwei mit rund 24 Prozent. Je weniger Parteien in den Landtag einziehen, desto größer sind die Chancen der AfD auf eine Alleinregierung. Die Partei kündigt in ihrem „Regierungsprogramm“ einen radikalen Umbau des Landes an. Welche Aussagen und Pläne beunruhigen Sie dabei besonders?

Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist ein Einschnitt für die ganze Bundesrepublik. Die gesichert rechtsextremistische AfD in diesem Bundesland spricht in ihrem sogenannten Regierungsprogramm von der angeblichen „Verewigung eines Schuldkomplexes“ und will Schülerfahrten zu KZ-Gedenkstätten streichen. Die gesamte geschichtspolitische Dimension dieses Programms halte ich für absolut falsch und fatal. Ich habe mich zudem wahnsinnig geärgert über die Ankündigung, an den Schulen die Inklusion einstellen zu wollen. Das würde bedeuten, Behinderte nicht mehr zu integrieren, sondern in eigene Einrichtungen abzuschieben, weil Menschen mit Handicap angeblich den Unterricht stören würden. Das ist für mich mit meinem christlichen Menschenbild und als Geschäftsführer der Krebsinitiative „yeswecan!cer“ unerträglich. Ich kümmere mich genau darum, dass Menschen mit Behinderung oder mit schwerer Krankheit ganz selbstverständlich zu unserer Gesellschaft gehören. Sie haben gleiche Pflichten, aber auch gleiche Rechte wie alle anderen Menschen. Die AfD in Sachsen-Anhalt führt auch absurde Kämpfe gegen die evangelische und katholische Kirche, bezeichnet sie als „Regenbogenkirchen“ und greift Wohlfahrtsverbände wie Caritas und Diakonie an. Das alles ist ungeheuerlich.

Tobias Korenke

Tobias Korenke

Ihr Großvater Rüdiger Schleicher, die beiden Brüder Ihrer Großmutter Ursula, Dietrich und Klaus Bonhoeffer, und auch der Schwager Ihrer Großmutter, Hans von Dohnanyi, haben sich am Widerstand gegen das NS-Regime beteiligt und wurden nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 hingerichtet. Was bedeutet das über die Generationen hinweg für Ihre Familie und für Sie?

Der Tod der Widerstandskämpfer prägt natürlich die ganze Familie und auch noch uns Enkel. Wir waren mit meiner Großmutter sehr eng verbunden, haben zeitweise mit ihr unter einem Dach gelebt. Für meine Großmutter und für meine Mutter war die Ermordung der Angehörigen ein Trauma. Ich würde beiden heute gern viele Fragen stellen. Auch, wie sie es eigentlich in einem Land ausgehalten haben, das ihre Liebsten ermordet hat. Ermordet von Deutschen in Deutschland. Das ist in unserer Familie ein großes Thema, aber es geht dabei nicht um Stolz auf die Vorfahren, sondern um Trauer und Schmerz über diese Verluste. Ich wollte lange Zeit nicht über meine Familiengeschichte sprechen. Aber angesichts der politischen Entwicklung und des Aufstiegs der AfD, die das völkische Denken der Nazis reaktiviert, habe ich das Gefühl: Ich muss den Mund aufmachen. Ich möchte einfach nicht, dass Leben und Tod der Widerstandskämpfer vergebens waren.

Die AfD bekommt in den Umfragen vor den Wahlen im September großen Zuspruch nicht nur in Sachsen-Anhalt. In Berlin, wo Sie leben, zeigt sich bei den Befragungen für die Wahl zum Abgeordnetenhaus ein knappes Rennen um die vorderen Plätze. Aktuell steht die AfD nach der Linken und der CDU auf Platz drei mit rund 18 Prozent. Welche Bedeutung hat Zivilcourage auch für Sie als Historiker?

Ich glaube, dass jede Demokratie von Zivilcourage und Engagement für die Gesellschaft lebt. Das können wir von den Frauen und Männern des Widerstands lernen. Wir müssen uns für unsere Demokratie einsetzen und dürfen sie nicht für selbstverständlich halten. Da haben wir in den letzten Jahren einiges versäumt. Meine Mutter hat mir klargemacht: Nichts zu tun ist auch eine Entscheidung. Wir haben im Moment eine große Unzufriedenheit über die Zustände in unserem Land, von der die AfD profitiert und die diese Partei benutzt, um das ganze politische System infrage zu stellen. Wir müssen gemeinsam an Lösungen arbeiten, die Stimmung drehen und unser Grundgesetz feiern, das so großartig funktioniert. Und wir müssen viel mehr für die politische Bildung tun: Ich träume davon, dass wir an einem 20. Juli mal in allen Schulen und Universitäten die wunderbaren Texte von Menschen aus dem Widerstand lesen, auch Texte von DDR-Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtlern. Wir haben so ein positives Erbe, das sollten wir endlich annehmen. Wir können von diesen Menschen unendlich viel lernen.

Sie waren immer gegen ein AfD-Verbot. Wie stehen Sie inzwischen dazu?

Die AfD versucht, sich als ganz normale Partei darzustellen, auch durch die Kranzniederlegung beim Gedenken an den Widerstand. Sie ist aber keine normale Partei, sie ist antidemokratisch. Die AfD nutzt die Freiheiten unserer Demokratie, um genau diese Freiheiten einzuschränken oder gar abzuschaffen. Trotzdem war ich gegenüber einem AfD-Verbot immer sehr kritisch eingestellt. Parteiverbote haben in einer Demokratie zu Recht hohe Hürden. Ich befürchte, dass viele AfD-Anhänger überhaupt nicht mehr inhaltlich erreichbar sind. Auf einer AfD-Veranstaltung in Dessau Mitte Juli hat der Kabarettist Uwe Steimle in Bezug auf Kanzler Merz gefragt: „Wo ist eigentlich Stauffenberg, wenn man ihn mal wirklich braucht?“ Die beiden Vertreter der AfD auf der Bühne, Tino Chrupalla und der Spitzenkandidat in Sachsen-Anhalt Ulrich Siegmund, haben nur gegrinst. Steimle hat dann noch die Nationalhymne der DDR angestimmt. Chrupalla war irritiert, hat versucht, einzuschreiten, dann aber nach kurzem Zögern zusammen mit Siegmund Teile des Liedes mitgesungen. Seit dieser Gewalt- und Mord-Fantasie beginne ich, neu zu denken. Ich halte jetzt ein AfD-Verbot für vernünftig. Leider.Seit dieser Gewalt- und Mordfantasie beginne ich, neu zu denken. Ich halte jetzt ein AfD-Verbot für vernünftig. Leider.*

Das Gespräch führte Claudia Dammann

* Transparenzhinweis: Tobias Korenke hat seine Antwort nach der Veröffentlichung des Interviews noch an zwei Stellen präzisiert und erweitert. Auf seine Bitte wurde die autorisierte Fassung angepasst. (ksta)


Zur Person

Tobias Korenke, geboren 1965, ist ein Enkel des Juristen Rüdiger Schleicher und ein Großneffe des Theologen Dietrich Bonhoeffer sowie weiterer Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime, die nach dem gescheiterten Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler vom 20. Juli 1944 hingerichtet wurden. Der Historiker ist Vorstand der Erinnerungs- und Begegnungsstätte Bonhoeffer-Haus e.V. in Berlin und Kuratoriumsmitglied der „Stiftung 20. Juli 1944“. Er war viele Jahre Kommunikationschef der Funke Mediengruppe und ist ehrenamtlicher Geschäftsführer der Krebs-Selbsthilfe-Initiative „yeswecan!cer“. Korenke lebt in Berlin.