Der frühere Chef des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB), Michael Vesper, erklärt die Entscheidung für die Münchner Olympiabewerbung – und warum sie gut für alle ist.
Olympia-BewerbungKöln hat verloren – und doch gewonnen

Der Moment der Kölner Niederlage: DOSB-Präsident Thomas Weikert öffnet den Umschlag mit dem Kandidaten München für die deutsche Olympia-Bewerbung. Links Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, in der Mitte die Sportmoderatorin Esther Sedlaczek.
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Köln-Rhein-Ruhr hat bei der Abstimmung des DOSB am Samstag den Kürzeren gezogen: Deutschland bewirbt sich mit München um die Austragung Olympischer Spiele ab 2036. Kann man da zugleich enttäuscht und doch hoffnungsvoll sein? Ja, man kann – und man sollte.
Natürlich ist das schade für die Kölnerinnen und Kölner und für die Menschen in NRW, die sich mit großer Mehrheit für die Spiele in unserem Bundesland ausgesprochen haben. Besonders die „Macher“ unserer Bewerbung, allen voran Kölns Oberbürgermeister Torsten Burmester (SPD) und Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) mit ihren Teams, sind enttäuscht. Sie haben sich mit aller Kraft für die Bewerbung unserer Region eingesetzt und leider verloren.

Michael Vesper, ehemaliger Vorstandsvorsitzender des Deutschen Olympischen Sportbunds DOSB
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Niederlagen gehören zum Sport. Entscheidend ist, wie man damit umgeht – nicht nach hinten schauen, sondern nach vorn, mit Respekt vor dem Sieger und entschlossen, daraus Energie zu schöpfen. Es lohnt nicht, nun nach möglichen Fehlern zu suchen – wo haben wir etwas verpasst, an welchen Stellen hätten wir es besser machen können? Es war eine großartige Bewerbung. Sie folgte dem neuen regionalen Ansatz der Spiele, wie er auch 2032 in Brisbane zur Anwendung kommt. Sämtliche beteiligten Kommunen waren hochmotiviert. Sportfachlich, aber auch emotional hat die Bewerbung zu Recht sehr viele Menschen überzeugt: Sie war nachhaltig und innovativ. Sie machte ein attraktives Angebot.
In Baden-Baden standen sich zwei unterschiedliche Konzepte gegenüber: Während Köln-Rhein-Ruhr die veränderten Rahmenbedingungen des IOC nutzte, die nachhaltige Bewerbungen einer Metropolregion ausdrücklich ermutigen, setzte München auf das eher traditionelle Profil, auf Kompaktheit und Nähe, vor allem auch auf die Erinnerung an 1972, als hier zuletzt Spiele auf deutschem Boden stattfanden, und deren Übersetzung in die heutige Zeit.
Das Versprechen kurzer Wege
Fachlich lagen beide Konzepte gleichauf, sie waren exzellent (übrigens ebenso wie die beiden zurückgezogenen Bewerbungen von Hamburg und Berlin). Dafür, dass die olympischen Verbände mit den persönlichen Mitgliedern und dem Präsidium des DOSB sich dennoch mit einer Zweidrittel-Mehrheit für München entschieden, sehe ich vor allem zwei Gründe: Zum einen zogen sie ganz offensichtlich das Versprechen kurzer Wege in einer Stadt, wie es 2024 in Paris begeisternd umgesetzt wurde, der Aussicht regionaler Vernetzung vor; das wünschen sich auch viele Athletinnen und Athleten.
Noch wichtiger war zum anderen die Erwartung vieler Verbände, im entscheidenden internationalen Wettbewerb mit europäischen, asiatischen und afrikanischen Metropolen mit „MUNICH 20xx“ besser punkten zu können als mit dem etwas sperrigen „COLOGNE-RHINE-RUHR 20xx“. München ist spätestens seit 1972 weltbekannt, bekannter jedenfalls – das muss ich auch als Kölner einräumen – als meine Heimatstadt. Den Verbänden ging es in allererster Linie darum, sich mit einer deutschen Bewerbung endlich durchzusetzen, dafür sahen sie die Chancen mit München besser.
Erfahrungen mit Niederlagen
In der Tat sind sie jetzt besser denn je. Ich selbst habe einige Erfahrungen mit Niederlagen sammeln dürfen – zunächst mit der Bewerbung von DüsseldorfRheinRuhr, die 2003 im innerdeutschen Wettbewerb an Leipzig scheiterte (das freilich nicht einmal die technische Hürde des IOC übersprang), dann mit den Winter-Bewerbungen von München 2018 (verlor im IOC gegen PyeongChang) und 2022 (Referendum knapp negativ) und schließlich mit der Bewerbung Hamburgs um die Sommerspiele 2024 (ebenfalls knapp negatives Referendum). Die Sehnsucht nach einem Erfolg ist nicht nur bei mir riesengroß!
Mit etwas Abstand wird klar werden: Wir haben nicht nur verloren, wir haben auch etwas gewonnen. Jetzt beginnt nämlich eine neue Phase. Deutschland startet einen Anlauf, der sich von den früheren wesentlich unterscheidet: Er wird getragen von einer Zweidrittel-Mehrheit der Münchener und nicht nur von Landtag und Staatsregierung in Bayern unterstützt, sondern im Gegensatz zu Hamburg 2024 auch ohne Wenn und Aber von der Bundesregierung. Das geschieht über Parteigrenzen hinweg, grüne und rote Oberbürgermeister ziehen mit schwarzen und roten Verantwortlichen an einem Strang. Es gibt keine innerdeutschen Befindlichkeiten – Köln-Rhein-Ruhr, Hamburg und Berlin stellen sich dahinter. Dass fünf Ministerpräsidenten und Sport-Staatsminister Ronald Rauhe in Baden-Baden präsent waren, ist ein starkes Signal: Die Bewerbung wird von ganz Sportdeutschland getragen.
Die entscheidenden Fragen für das IOC
Für das IOC sind die entscheidenden Fragen: Kann der Kandidat die Spiele so ausrichten, dass die Wettbewerbe optimal im Sinne der Athletinnen und Athleten stattfinden? Sind wir dort willkommen – oder wollen beträchtliche Teile der Bevölkerung uns gar nicht? Welche Geschichte erzählen die Spiele? Bringen sie den Sport, die Olympische Bewegung weiter?
Auf all diese Fragen hat die deutsche Bewerbung gute Antworten. Niemand zweifelt daran, dass München Spiele auf höchstem sportfachlichen Niveau ausrichten kann. Mindestens zwei Drittel der Menschen freuen sich darauf. Ihre Story knüpft an das Erbe der Spiele von 1972 an: Spiele der kurzen Wege, Nutzung der Anlagen von damals, kein Gigantismus, sondern trotz des schrecklichen Attentats eben auch Leichtigkeit und Freude.
Deutschland geht mit einer starken Bewerbung ins Rennen. Sie braucht weder Istanbul noch Doha zu fürchten. Die Chance ist da, wir müssen sie nun gemeinsam nutzen. Denn wir sind stronger together!
