Von 18 Millionen auf 17,4 Millionen: Die Bevölkerung von NRW wird in den nächsten 20 Jahren schrumpfen. In Köln zeigt sich jedoch eine gegenläufige Tendenz.
Studie des Berlin-InstitutsBevölkerung von Nordrhein-Westfalen wird bis 2045 schrumpfen

Menschen sitzen auf der Domtreppe am Kölner Dom
Copyright: IMAGO/Panama Pictures
Deutschland schrumpft stärker als gedacht. Bis 2045 sinkt die Bevölkerung voraussichtlich auf rund 81,8 Millionen Menschen – 1,7 Millionen weniger als Ende 2025. Das geht aus der „Demografischen Lage der Nation“ hervor, einer Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung.
Gut zwei Drittel der 400 Kreise und kreisfreien Städte Deutschlands müssen demnach mit einem Bevölkerungsrückgang rechnen. Die regionalen Unterschiede sind jedoch groß: Die Studie prognostiziert boomende Großstädte und entvölkerte ländliche Regionen. Besonders hart trifft es demnach Ostdeutschland, wo 42 der 50 Regionen mit den stärksten prognostizierten Bevölkerungsverlusten liegen. Thüringen und Sachsen-Anhalt schrumpfen besonders deutlich, während Bayern, Hamburg, Bremen und Berlin sogar wachsen. Auch für das Umland zahlreicher Großstädte erwarten die Forscher ein Bevölkerungswachstum.
„Schrumpfung ist kein ostdeutsches Phänomen“, sagt Adrián Carrasco Heiermann, Studienleiter am Berlin-Institut. „Auch im Westen gibt es große Unterschiede: Während das Saarland weiter Bevölkerung verliert, dürften Städte wie Frankfurt am Main wachsen.“
Die letzte Studie von 2019 sah für Deutschland noch eine stabile Einwohnerzahl voraus. „Seither sind jedoch die Geburtenzahlen und zuletzt auch die Zuwanderung zurückgegangen – zwei entscheidende Größen für die künftige Bevölkerungsentwicklung“, schreiben die Autoren in der Studie.
NRW: Von 18 Millionen Menschen zu 17,4 Millionen
Auch Nordrhein-Westfalen wird künftig bevölkerungsärmer und älter. Bis 2045 schrumpft die Bevölkerung voraussichtlich von 18 Millionen Menschen (Stand: 2024) auf 17,4 Millionen Menschen – ein Rückgang von 3,7 Prozent. Die Zahl der über 67‑Jährigen wird um knapp eine halbe Million Menschen steigen, während die jüngeren Altersgruppen deutlich schrumpfen. Damit liegt Nordrhein-Westfalen im Ranking der Bundesländer bei der Demografie im unteren Mittelfeld.
Dagegen soll die Zahl der Kölnerinnen und Kölner leicht um 1,5 Prozent wachsen. Noch mehr Leute zieht es laut Prognose allerdings in die Nachbarstädte: Bonn erwartet offenbar ein Wachstum von 1,7 Prozent bis 2045, Düsseldorf sogar um 4,7 Prozent. Auch Gelsenkirchen, Münster, Herne, Euskirchen sowie der Niederrhein um Kleve sollen demnach wachsen. Dagegen wird es in Südwestfalen leer: Der Märkische Kreis (–14,9 Prozent) und Olpe (–14,1 Prozent) schrumpfen in den kommenden 20 Jahren am deutlichsten. Auch im Hochsauerlandkreis, Siegen-Wittgenstein, Ennepe-Ruhr, Unna sowie Ostwestfalen zeichnen sich starke Verluste ab. Die Bevölkerungszahl in Leverkusen verändert sich demnach kaum.
Die Forscherinnen und Forscher des Berlin-Instituts erhoben gemeinsam mit der Wüstenrot-Stiftung zum fünften Mal, wie gut Deutschlands 400 Kreise und kreisfreie Städte für die Zukunft aufgestellt sind. Den Index Zukunftsfähigkeit rechnen sie für jeden Kreis und jede kreisfreie Stadt aus mehreren Indikatoren zusammen. Die demografische Situation bewerten sie zum Beispiel anhand der Kinderzahl, der Lebenserwartung und der Wanderung. Für die Wirtschaftskraft erfassen sie unter anderem das Haushaltseinkommen, das Bruttoinlandsprodukt, kommunale Schulden und die Arbeitslosenquote. Die Sozialnote ergibt sich aus Zahlen wie der Ganztagsbetreuung und Vereinsmitgliedschaften, und der Faktor Bildung ergibt sich unter anderem aus der Höhe der Jugendarbeitslosigkeit und der Zahl der Schulabbrecher. Das alles fließt zusammen in die Gesamtbewertung Zukunftsfähigkeit. So bekommt jede Region eine Schulnote, für die gilt: Je niedriger, desto besser.
Ruhrgebiet schmiert bei Zukunftsfähigkeit ab
Bei der Zukunftsfähigkeit belegt Nordrhein-Westfalen von allen Bundesländern den 10. Platz. Damit liegt NRW zwar im leicht unteren Mittelfeld, hat aber im Vergleich zu 2019 immerhin einen Platz gutgemacht. Köln bekommt die Zukunftsnote 3,45 und ist damit leicht besser als der Bundesdurchschnitt von 3,49. Kölns Nachbarstädte im Norden und Süden schneiden jedoch besser ab: Düsseldorf bekam die Note 3,1, Bonn sogar eine 3,0. Damit ist die ehemalige Bundeshauptstadt Spitzenreiter in Nordrhein-Westfalen, zusammen mit Gütersloh (ebenfalls 3,0). Leverkusen liegt im Zukunftsindex bei 3,5.
Für das Ruhrgebiet sieht es dagegen meist eher düster aus. Oberhausen bekommt mit 4,5 die miserabelste Zukunftsnote aller NRW-Städte und liegt auch im Bundesranking auf dem drittletzten Platz. Mit Herne und Gelsenkirchen und dem Kreis Recklinghausen landeten drei weitere Ruhrgebietsregionen auf den untersten 20 Plätzen. Bundesweites Schlusslicht ist der Kreis Mansfeld-Südharz in Sachsen-Anhalt (Zukunftsnote 4,76).
Nordrhein-Westfalen schneidet im Ranking der Bundesländer insbesondere bei der Zwischenbewertung Wirtschaft schlecht ab (Platz 14 von 16). Mit Ausnahme vom Einkommen und der Innovationskraft ist NRW in allen Indikatoren unterdurchschnittlich. Besonders negativ fallen die kommunale Verschuldung und die Arbeitsmarktteilhabe von Frauen ins Gewicht. Nur 65 Prozent der Frauen im Alter von 25 bis 49 sind sozialversicherungspflichtig angestellt. Zum Vergleich: In Bayern liegt dieser Wert bei 72 Prozent, in den ostdeutschen Bundesländern ist er rund 10 Prozentpunkte höher als in NRW.
Aus NRW-Regierungskreisen heißt es, man werde sich in der Landesregierung die Studie genau anschauen. „Festzuhalten ist bereits jetzt: Unterm Strich hat Nordrhein-Westfalen gegenüber der letzten Erhebung von 2019 einen Platz gutgemacht. Die Richtung stimmt.“ Nordrhein-Westfalen sei ein Land mit unterschiedlichen Regionen, Stärken und Herausforderungen. Das zeige auch die Studie: „Wirtschaftsstarke Standorte wie Düsseldorf, Gütersloh oder Leverkusen gehören genauso zu Nordrhein-Westfalen wie Regionen, in denen der jahrzehntelange Strukturwandel bis heute nachwirkt.“ Das Berlin-Institut messe Wirtschaftskraft nicht im klassischen Sinne, sondern beziehe auch etwa die Verschuldung der Kommunen ein. Aus Regierungskreisen wird diesbezüglich auf die Altschuldenlösung verwiesen, die in der Studie noch nicht abgebildet sei. Das Ruhrgebiet habe sich in den vergangenen Jahren zu einem internationalen Wissenschafts- und Innovationsstandort entwickelt, heißt es weiter. „Neben der Universität zu Köln hat vor wenigen Tagen auch der Verbund der Ruhr-Universität Bochum und TU Dortmund den Exzellenzstatus erhalten.“
Unterallgäu ist Spitzenreiter in der Zukunftsnote
Bayern baut derweil in der aktuellen Studie seine Führung im Index Zukunftsfähigkeit weiter aus. 18 der 20 bestplatzierten Kreise und kreisfreien Städte liegen in Bayern, nur zwei in Baden-Württemberg. 2019 waren es noch 12 bayerische Regionen. Auch in den bundesweiten Top 100 nimmt Bayern mehr als die Hälfte aller Plätze ein. Spitzenreiter ist der Kreis Unterallgäu mit einer Zukunftsnote von 2,4, gefolgt von München (2,48) und Ebersberg (2,49).
„Die entscheidende Frage ist nicht mehr nur, ob Deutschland wächst oder schrumpft, sondern wo“, sagt Catherina Hinz, Direktorin des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Manche Regionen müssen Wohnungen und Infrastruktur für mehr Menschen schaffen, andere dieselben Aufgaben mit weniger Einwohnern und Arbeitskräften bewältigen. Eine Politik nach einem Muster wird dieser Entwicklung nicht gerecht.“
Bis 2045 schrumpft die Bevölkerung im Erwerbsalter bundesweit um 4,7 Prozent. In Thüringen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und dem Saarland beträgt der Rückgang sogar rund 12 bis 18 Prozent.