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„Die Kaffeetassen wackelten“Journalist liest im Seniorenstift die Zeitung vor und begeistert Bewohner

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Thomas Hallet liest in einer Senioreneinrichtung aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ vor.

Thomas Hallet sammelt eine Woche lang Meldungen aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“, um sie dann in einem Seniorenstift zu präsentieren.

Wenn Thomas Hallet Meldungen aus dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ präsentiert, führt das zu lebendigen Diskussionen und emotionalen Erinnerungen.

Jeden Donnerstag um zehn gibt es in einem Seniorenstift im Kölner Süden die „Zeitungsrunde“. So steht es im Wochenplan. Ich bin Journalist und habe mir diesen Job ausgedacht, aber ich bekomme kein Geld dafür. Eher zufällig war ich mal zu Besuch in diesem Haus und war gerührt von der freundlichen Atmosphäre dort: von Menschen, die mich mit Blicken willkommen hießen und die mich neugierig machten. Also beschloss ich, wiederzukommen und etwas Zeit mit ihnen zu verbringen, und mit Nachrichten aus dieser Zeitung. Ich war willkommen, der „Soziale Dienst“ der Einrichtung hat mich gerne eingeplant.

Im Lauf der Woche sammele ich also Meldungen aus dem „Stadt-Anzeiger“, die ich für geeignet halte. Es ist selten die große Weltpolitik. Es sind eher Themen, zu denen die Bewohner einen persönlichen Zugang haben könnten und die etwas aus unserer Stadt erzählen. Eine halbe Stunde ist zu füllen. Dafür reichen mir fünf Meldungen. Bis jetzt habe ich auch immer etwas Positives mitbringen können, zuletzt zum Beispiel einen Bericht über den Campus Kartause, der bald fertiggestellt wird, bis jetzt noch eine Großbaustelle gleich nebenan. Oder eine Geschichte über den Verein „Radelnohnealter“, der kostenlose Rikscha-Fahrten für Seniorinnen und Senioren anbietet. Die hätten doch ein „Recht auf Wind in den Haaren“.

Jede Meldung wird kommentiert

Anfangs habe ich noch einige Sätze komplett vorgelesen, die ich mir vorher sorgfältig markiert hatte. Aber ich hatte unterschätzt, wie erpicht meine Zeitungsrunde darauf war, das Vorgetragene zu kommentieren und selbst etwas beizutragen. Klar: Zur Zeitungsrunde kommen eher die Bewohner (es sind allerdings bis jetzt immer ausschließlich Bewohnerinnen gewesen), die am Zeitgeschehen interessiert sind und ihre Meinung sagen möchten. Aber sie haben doch ein Stereotyp widerlegt, das ich selbst mit mir herumgetragen hatte: dass ältere Menschen in dieser Lebenslage nicht nur (häufig) auf einen Rollator angewiesen seien, sondern auch auf gedanklichen Support.

Als der „Stadt-Anzeiger“ über die Neuregelung der Sterbehilfe in Frankreich berichtete, trug ich auch das in die Runde. „Das finde ich gut“, sagte Frau W., „das würde ich machen“. Und handelte sich den lautstarken Widerspruch von Frau F. ein: „Das können Sie doch so nicht sagen. Ich habe ein christliches Menschenbild!“ Am Frühstückstisch wackelten die Kaffeetassen.

Erinnerung an die Einschulung

Neulich hatte ich als „Aufmacher“ den Beginn des neuen Schuljahres. Der „Stadt-Anzeiger“ hatte eine ganze Seite über Kölns Schulen mit einigen interessanten Zahlen. Neben mir saß Frau H., die ganz unruhig wurde und unbedingt von ihrer Einschulung erzählen wollte. Die war nämlich im Dezember 1966. Es gebe ein Foto von ihr mit Mantel und Mütze. Im Dezember also – konnte das stimmen? Mir fiel ein, dass es in den 60ern mal „Kurzschuljahre“ gegeben hatte. Ich fragte kurz die KI in meinem Smartphone und konnte den Damen erzählen: Ja, bis ins Jahr 1966 begann hierzulande das Schuljahr nach den Osterferien, im europäischen Ausland aber nach dem Sommer. Das sollte angeglichen werden. Und deshalb gab es nach Ostern 1966 zwei kurze Schuljahre bis zum Sommer ´67. Ich fragte nach anderen Erinnerungen an den ersten Schultag und es kamen noch tolle Geschichten zusammen.

Die Zeitungsrunde ist also mehr als eine Presseschau. Die Meldungen regen zu Erinnerungen an, denen ich gerne zuhöre und bei denen ich einiges lernen kann. Es gibt so viel zu erzählen, dass die halbe Stunde manchmal nicht reicht.


Zur Person

Thomas Hallet lebt seit den 90er Jahren in Köln und ist freier Journalist. Zusammen mit seiner Partnerin Dagmar Kieselbach arbeitet er außerdem als Paartherapeut in Köln-Klettenberg.