Zwei Verleger-Generationen über Journalismus in schwierigen Zeiten und die digitale Zukunft.
DuMont-Familie„Wir müssen uns immer wieder neu erfinden“

Zwei Verleger-Generationen im Gespräch: Christian DuMont Schütte, Isabella Neven DuMont, Hannibal DuMont Schütte und Robin Neven DuMont (von rechts).
Copyright: Uwe Weiser
Wir erleben gerade politisch herausfordernde Zeiten. Welche konkrete Verantwortung trägt der Journalismus heute für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft?
Isabella Neven DuMont: Eine Zeitung muss Ereignisse einordnen, damit Menschen sich eine eigene Meinung bilden können. Das gilt besonders, wenn soziale Netzwerke Nachrichten aus dem Zusammenhang reißen und Algorithmen geschlossene Blasen erzeugen. Wir müssen erklären, wie politische Entscheidungen zustande kommen und was in Parteiprogrammen tatsächlich steht – nicht nur, welche Parolen Politiker verbreiten. Gerade angesichts des Erfolgs der AfD wäre es sicher falsch, die Partei oder ihre Wähler zu beschimpfen. Wir müssen vielmehr sachlich aufzeigen, wofür die AfD steht und welche Folgen ihre Forderungen haben können. Leserinnen und Leser brauchen Argumente für die Diskussion.
Hannibal DuMont Schütte: Und dabei müssen wir verhindern, einen belehrenden Ton anzuschlagen und den Eindruck zu erzeugen, wir wollen unseren Lesern unser Weltbild erklären. Das ist der falsche Weg, denn dadurch werden unsere Leser resistent unseren Inhalten gegenüber. Noch stärker gilt dies für Menschen, die wir aktuell mit der klassischen Zeitung nicht erreichen. Die Frage ist deshalb auch: Wie kommen wir mit diesen Menschen ins Gespräch?
Isabella Neven DuMont: Journalismus kann außerdem nicht jeden Morgen nur schlechte Nachrichten liefern. Eine Zeitung darf die Wirklichkeit nicht beschönigen, kann aber gleichzeitig immer wieder auch konstruktive Lösungen aufzeigen. Wir weisen darauf hin, wo es neben dem Schatten Licht gibt. Und wir erzählen auch positive Geschichten!
Der „Stadt-Anzeiger“ ist 150, den „Express“ gibt es inzwischen auch schon 62 Jahre – jetzt ist auch noch die „Kölnische Rundschau“ ins Haus DuMont gekommen. Wie ergänzt die „Rundschau“ die Zeitungsfamilie aus Ihrer Sicht?
Christian DuMont Schütte: Die „Kölnische Rundschau“ rundet unser Zeitungsportfolio ab. Wichtig ist, dass beide Titel journalistisch weiterhin eigenständig betrieben werden. Nur so bewahren wir die publizistische Vielfalt. Gemeinsame Arbeit ist etwa bei Sportthemen oder auch bei überregionalen Nachrichten sinnvoll. Bei bestimmten Themen muss die Rundschau aber ihr eigenes Profil behalten. Das gilt insbesondere für Kommentare und Leitartikel. Wenn zwei Zeitungen zu einer Wahl unterschiedliche Leitartikel veröffentlichen, ist das der Sinn von zwei Marken. Der „Stadt-Anzeiger“, die „Rundschau“ und der „Express“ haben verschiedene Tonlagen und Zielgruppen. Entscheidend ist, dass alle drei Zeitungen als verlässliche Begleiter wahrgenommen werden.
Welche Bedeutung hat die gedruckte Tageszeitung heute noch – für die Leserinnen und Leser, aber auch für Sie persönlich?
Christian DuMont Schütte: Wenn wir über 150 Jahre „Kölner Stadt-Anzeiger“ sprechen, sollten wir uns an seine Entstehung erinnern. Am 14. November 1876 erschien er als kostenloses Anzeigenblatt, das der „Kölnischen Zeitung“ beigelegt und an die Haushalte verteilt wurde. Die „Kölnische Zeitung“ war überregional so stark geworden, dass die Kölner Anzeigenkunden nicht mehr für Leser außerhalb der Stadt bezahlen wollten. Unsere Vorvorfahren mussten reagieren und schafften damit einen riesigen Erfolg. Auch nach dem Krieg handelten sie innovativ und entschieden sich aus finanziellen Gründen dafür, nur den „Kölner Stadt-Anzeiger“, nicht aber die überregionale „Kölnische Zeitung“, wiedereinzuführen – wie wir heute wissen, die richtige Entscheidung. Schon damals galt das Motto: Wir müssen uns immer wieder neu erfinden – es gilt bis heute.
Isabella Neven DuMont: Gerade beim Blick in die Vergangenheit, aber auch in Bezug auf die Gegenwart, muss ich einen weiteren Punkt unbedingt hinzufügen: die Bedeutung der Zeitung für die Gesellschaft und unsere Verantwortung für die Demokratie. Das müssen wir uns gerade vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Ereignisse immer wieder bewusst machen.
Was kann die gedruckte Zeitung Ihrer Ansicht nach besonders gut, was digitale Angebote nicht in gleicher Weise leisten können?
Isabella Neven DuMont: Viele Leserinnen und Leser lieben die Zeitung wegen ihrer Haptik und ihrer Rituale. Morgens wird sie am Frühstückstisch auseinandergeblättert und geteilt: Einer liest das erste Buch, der andere den Lokalteil, später wird getauscht. Diese gemeinsame Zeremonie kann ein digitales Gerät nicht in derselben Weise ersetzen. Das heißt aber nicht, dass ich Print und E-Paper gegeneinander ausspielen will. Das E-Paper ist ebenfalls die Zeitung – nur viel früher verfügbar und ohne Papier.
Unsere Zeitungen bringen Menschen zusammen
Christian DuMont Schütte: Die gedruckte Zeitung schafft weiterhin eine andere Aufmerksamkeit als Online-Artikel. Viele Menschen studieren gedruckte Texte konzentrierter und erinnern sich besser an sie. Meine Frau liest weiterhin die gedruckte Zeitung, während ich mich überwiegend digital informiere. Sie fragt mich manchmal: „Hast du den Artikel gelesen?“ Und ich muss öfter zugeben, dass ich ihn online übersehen habe.
Robin Neven DuMont: Es ist schon richtig, dass die gedruckte Zeitung den Nachrichtenkonsum entschleunigt. Für viele Jüngere und den Großteil meiner Generation sind das Smartphone und digitale Plattformen jedoch das selbstverständlichere Medium. Als Nostalgiker kann man das schade finden, aber es ist ein Fakt, den wir akzeptieren müssen.
Was heißt das für unser Haus?
Hannibal DuMont Schütte: Im Moment ist es die richtige Strategie, beides anzubieten. Das heißt, dass wir den Printbereich nicht vernachlässigen, um unsere langjährigen Abonnenten, die bewusst nicht auf das Digitale umsteigen wollen oder können, auch weiterhin mit Informationen zu versorgen – Stichwort Verantwortung. Wir müssen es aber sukzessive schaffen, auch jüngere Menschen mit unseren Marken zu erreichen und im Digitalen für uns zu gewinnen. Ich kann einem Leser nicht vorschreiben, wie er Informationen konsumiert. Dafür gestalten wir aktuell unsere digitalen Angebote so nutzerfreundlich, interaktiv und relevant wie möglich, damit Menschen sie aus eigenem Antrieb nutzen und wir Menschen dadurch miteinander vernetzen.
Robin Neven DuMont: Die Herausforderung besteht darin, den Leser nicht zu erziehen, sondern ein attraktives Produkt zu machen. Früher konnte eine Zeitung eher behaupten: Wir erklären euch die Welt, und ihr lest, was wir ausgewählt haben. Heute gibt es zu viele andere Möglichkeiten der Informationsbeschaffung. Wir müssen also einen Mehrwert bieten, für den Menschen bereit sind, zu bezahlen – ob durch ein Abonnement, oder andere Wege der Monetarisierung in der Wertschöpfungskette, wie zum Beispiel Netzwerktreffen, exklusive Mitgliedschaften, Merchandising oder Events. Derzeit ist die vorherrschende Meinung noch, dass Informationen nichts kosten dürfen – da findet meines Erachtens gerade aber ein Wandel statt. Für Musik-, Streaming- und Sportangebote zu zahlen, wird mittlerweile akzeptiert. Das war vor 15 Jahren auch nicht denkbar, ist aber heute völlig normal.
Was muss eine Tageszeitung – Print wie digital – bieten, damit sie auch künftig unverzichtbar bleibt?
Hannibal DuMont Schütte: Vertrauen, Kompetenz und regionale Verbundenheit. Unsere Marken müssen für geprüfte Inhalte mit erkennbarem Wert stehen und sich so klar von der Flut an unqualifizierter Information abgrenzen. Gleichzeitig müssen wir die Bedürfnisse der Leser ernst nehmen, ohne unsere Werte aufzugeben. Das Digitale erlaubt mehr Interaktion und eine bessere Ausrichtung auf persönliche Interessen. Personalisierung darf aber nicht heißen, dass jeder nur noch bekommt, was er ohnehin lesen möchte. Auch ein personalisiertes Angebot muss an überprüfbaren Fakten und an der demokratischen Verantwortung der Marke festhalten. Unsere Stimme darf sich nicht verändern, nur um einen Klick mehr zu bekommen.
Das Digitale eröffnet neue Reichweiten und Erzählformen, verschärft aber auch den Wettbewerb um Aufmerksamkeit. Wie bestehen Zeitungsverlage da?
Christian DuMont Schütte: Im Digitalen konkurrieren wir mit Plattformen, die unsere Inhalte verbreiten, ohne selbst vergleichbare journalistische Arbeit zu leisten. Für faire Regeln und den Schutz geistigen Eigentums müssen wir eintreten – und treten wir im Digitalpublisher und Zeitungsverleger Verband NRW und beim BDZV energisch ein. Zwingend notwendig ist hier, dass der Regulator beziehungsweise die Politik uns endlich zur Seite steht und die rechtlich fragwürdigen Machenschaften und Gesetzeswidrigkeiten der sogenannten „Big Five“, also Alphabet (Google), Amazon, Apple, Meta (Facebook, Instagram, WhatsApp) und Microsoft, die sich durch die KI noch weiter verselbstständigen werden, auf deutscher beziehungsweise europäischer Ebene strikt unterbindet.

Die Verleger Christian DuMont Schütte, Isabella Neven DuMont, Hannibal DuMont Schütte und Robin Neven DuMont (von rechts) beim Gespräch im Pressehaus.
Copyright: Uwe Weiser
Hannibal DuMont Schütte: Aber wir müssen vor allem selbst attraktiv und relevant bleiben. Dabei geht es in Zukunft vor allem um Einordnung. Natürlich steht Aktualität an oberster Stelle – beispielsweise eine schnelle Push-Nachricht, dass der 1. FC Köln gewonnen hat. Danach kommt aber der viel spannendere Teil. Ich als Leser will wissen, wieso das Spiel so ausgegangen ist – und zwar von einem Experten, der den FC in- und auswendig kennt und von den Insights weiß. Der Job des Journalisten fordert viel mehr Fach- und Hintergrundwissen als früher – das wird durch KI noch verstärkt.
Sprechen wir über Künstliche Intelligenz. Welche Rolle spielt sie bei all diesen Themen – und wo liegen die Grenzen?
Isabella Neven DuMont: Wenn KI die Journalisten unterstützt und ihnen Zeit verschafft, sich wieder stärker nach draußen zu bewegen, die Storys auf der Straße zu finden, ist das sinnvoll. Ein Interview zu transkribieren, Daten zu sortieren oder Material zu sortieren, kostet viel Zeit, gehört aber nicht zum Kern journalistischer Arbeit. Dank des Hilfsmittels KI haben Journalisten mehr Raum für anderes: Sie können mehr Interviews führen, mehr sehen, noch mehr eigene Geschichten entwickeln und Recherchen vertiefen. Die Grenze ist klar: Am Ende muss ein Journalist für den Text einstehen – auch für das, was die KI dazu beigetragen hat. Wessen Name darunter steht, muss geprüft haben, ob die Fakten stimmen, die Quellen seriös sind und der Text fair formuliert ist. KI kann ein Werkzeug sein, aber darf nicht die Verantwortung übernehmen.
Hannibal DuMont Schütte: KI schafft also den Journalismus nicht ab, sondern macht den Beruf anspruchsvoller. Die einfache Beschreibung eines Sachverhalts kann automatisiert werden. Umso wichtiger werden eigene Hintergrundinformationen, Fachwissen, Kontakte und die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und für unsere Leserinnen und Leser verständlich aufzubereiten. Wenn etwa ein Schiff quer im Rhein liegt, kann eine Maschine die Meldung erfassen. Der Journalist selbst muss aber dann herausfinden: Was ist passiert, wer ist betroffen und welche Folgen hat das? Der Beruf wird künftig sicher weniger durch das Schreiben als durch die Qualität der Recherche definiert. Die regionale Verankerung wird in Zukunft nochmal an Bedeutung gewinnen – das sind in großen Teilen Informationen, die eine KI nun einmal nicht haben kann. Lokalberichterstattung ist unser Alleinstellungsmerkmal.
Was können der „Kölner Stadt-Anzeiger“ und die „Kölnische Rundschau“ darüber hinaus für die Stadt und die Region leisten?
Isabella Neven DuMont: Unsere Zeitungen sind viel mehr als Nachrichtenlieferanten. Sie können Menschen zusammenbringen und Hilfe organisieren. Das zeigt etwa die Aktion „Wir helfen“. Seit 25 Jahren spenden unsere Leserinnen und Leser jährlich bis zu 1,7 Millionen Euro für wohltätige Zwecke und zur Unterstützung toller und wichtiger Organisationen aus der Region. Je geringer öffentliche Fördergelder aufgrund leerer Kassen werden, desto wichtiger sind solche Unterstützungsvereine.
Eine Zeitung darf sich nicht aus der Gesellschaft zurückziehen, wenn die Zeiten schwieriger werden
Robin Neven DuMont: Auch Veranstaltungen gehören dazu. Lesungen, Podiumsdiskussionen zu spannenden Gesundheits- und Gesellschaftsthemen, Konzerte. Sie zeigen, dass Leserinnen und Leser den direkten Kontakt suchen. Diese Gemeinschaft müssen wir mit neuen Formaten auch für Jüngere öffnen. Wir dürfen nicht warten, dass diese Generation von selbst zur Zeitung kommt. Wir müssen zu ihnen gehen – mit digitalen Inhalten, Gesprächen vor Ort und kulturellen Angeboten, passgenau für die jeweilige Community.
Lassen Sie uns gemeinsam in die Zukunft blicken. Wenn Sie den „Kölner Stadt-Anzeiger“ zum 175. Geburtstag oder die „Kölnische Rundschau“ zum 100. Geburtstag betrachten: Was soll dann Bestand haben – und was muss sich grundlegend verändert haben?
Christian DuMont Schütte: Wir müssen sicherstellen, dass die Demokratie überlebensfähig ist und dafür auch weiterhin mit unserem Journalismus einstehen. Eine Zeitung darf sich nicht aus der Gesellschaft zurückziehen, wenn die Zeiten schwieriger werden. Sie muss gerade dann umso verlässlicher zuhören, informieren und Orientierung geben.
Isabella Neven DuMont: Das Motto bleibt dabei das gleiche, wie eingangs gesagt: Wir haben uns immer neu erfunden und werden uns immer wieder neu erfinden müssen, um dem Wandel standzuhalten. Das, was vor fünf Jahren funktioniert hat, ist heute schon überholt. Der Wandel geht immer schneller.
Hannibal DuMont Schütte: Was trotzdem Bestand haben sollte: Wenn du an Köln und die anderen Orte unseres Einzugsgebietes denkst, denkst du an den „Kölner Stadt-Anzeiger“, die „Kölnische Rundschau“ und den „Express“. Unser Anspruch ist es, das auch in 25 Jahren noch zu schaffen. Noch stehen die Namen unserer Zeitungstitel an jeder Ecke, auf Litfaßsäulen und in Kiosken. Künftig wird sich diese Sichtbarkeit stärker digital und über Veranstaltungen, soziale Netzwerke und gemeinschaftliche Projekte verbreiten. Die Marken müssen Bestandteil dieser Stadt bleiben, und wir müssen dem Anspruch gerecht bleiben: Wir liefern unseren Leserinnen und Lesern alles, was in Köln Relevanz hat.
Robin Neven DuMont: Damit einher geht die lokale Verwurzelung. Wir haben eine Verantwortung für Köln und gegenüber den Kölner Bürgern. Wir stehen weiterhin für unabhängigen Journalismus und informieren auch in Zukunft zuverlässig über das, was die Menschen in und um Köln herum bewegt: genau wie schon seit 150 Jahren.