Abo

Arbeitsmarktbilanz 2025Mehr Insolvenzen und weniger Beschäftigte im Wirtschaftsraum Bonn/Rhein-Sieg

4 min
Eine Pflegekraft legt bei einem Patienten eine Infusion.

Eine Erkenntnis vom Arbeitsmarkt im Wirtschaftsraum Bonn/Rhein-Sieg: Die Zahl der Stellen im Gesundheits- und Sozialwesen ist zuletzt deutlich gestiegen.

Bei der Arbeitsagentur und den Jobcentern Bonn und Rhein-Sieg waren 2025 durchschnittlich 33.181 Frauen und Männer zeitgleich arbeitslos gemeldet.

Lieferwagen von Elektro- oder Heizungsinstallateuren, mit einem Schild auf der Hecktür: „Kollege gesucht!“, dazu eine Telefonnummer, unter der man sich bewerben kann: Das scheint für eine gute Wirtschaftslage zu sprechen. Doch ein Blick in die Statistik der Arbeitsagentur Bonn deutet anderes an: Die Arbeitslosigkeit in der Region Bonn/Rhein-Sieg hat sich im vergangenen Jahr erhöht, es gibt mehr arbeitslose junge Menschen, mehr Langzeitarbeitslose. Die Beschäftigtenzahl nimmt ebenso ab wie die Arbeitskräftenachfrage, dafür werden mehr Insolvenzen angemeldet: „Wir schauen auf einen paradoxen Arbeitsmarkt“, sagte Stefan Krause, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Arbeitsagentur, am Freitag bei der Vorstellung der Jahresbilanz.

Die sieht in Zahlen so aus: 2025 waren bei der Agentur und den Jobcentern Bonn und Rhein-Sieg durchschnittlich 33.181 Frauen und Männer zeitgleich arbeitslos gemeldet. Das entspricht einer Quote von 5,4 Prozent, 0,3 Prozentpunkte mehr als 2024. Bonn meldet eine Quote von 6,7 Prozent, der Kreis von 4,6 Prozent, Nordrhein-Westfalen von 4,5 Prozent. Im dritten Jahr in Folge sei damit die Arbeitslosigkeit gestiegen, berichtete Krause; sie spiegele anhaltende Probleme von Unternehmen wider.

Jobsuche wird für Jugendliche in Bonn und Rhein-Sieg schwieriger

Sie erzählt aber auch, wie es den betroffenen Menschen geht: 12.576 waren im Durchschnitt der vergangenen zwölf Monate länger als ein Jahr ohne Job, die Mehrzahl, 11.358, lebt von Grundsicherung (SGB II). 2655 junge Menschen unter 25 hatten keine Stelle (4,9 Prozent). Die bisher unter Arbeitsmarktexperten geltende Regel, dass jobsuchende Jugendliche nach ein paar Monaten schon eine Stelle finden, treffe nicht mehr zu, sagte Krause. Und das liege nicht an der mangelnden Qualifikation der jungen Leute, sondern an der allgemeinen Situation der Wirtschaft der Region.

Wir brauchen eine Erwerbsmigration, sonst bekommen viele Unternehmen große Schwierigkeiten
Stefan Krause, Vorsitzender der Geschäftsführung der Arbeitsagentur Bonn/Rhein-Sieg

Dafür ist die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigten ein Indikator: Sie ist um 1969 auf 366.565 gerutscht; zwei Drittel arbeiten Voll-, ein Drittel Teilzeit. Knapp 60.000 der Beschäftigten sind Ausländer, gut 20.000 kommen aus der Europäischen Union, 8487 haben Asyl, 2567 stammen aus der Ukraine, während der Anteil deutscher Staatsangehöriger um 4376 gesunken ist. Für Agentur-Chef Krause heißt das: „Die Beschäftigung wird durch ausländische Personen getragen. Wir brauchen eine Erwerbsmigration, sonst bekommen viele Unternehmen große Schwierigkeiten.“

Stefan Krause ist Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg.

Stefan Krause, der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Bonn/Rhein-Sieg, berichtet in seiner Jahresbilanz 2025 von einem „paradoxen“ Arbeitsmarkt in der Region.

13.387 freie Stellen wurden im vorigen Jahr der Agentur gemeldet, 7484 davon aus Bonn; das sind insgesamt 3136 weniger als in 2024. Die meisten (6181) waren ausgeschrieben worden für Facharbeiter, 4707 für höherqualifizierte Arbeitnehmer und 2499 für Hilfskräfte. Hier zeigt sich eine Besonderheit des regionalen Arbeitsmarktes: In der Bundesstadt mit der landesweit höchsten Abiturientenquote gab es mehr Angebote für Akademiker als im Kreisgebiet, dafür wurden auf dem Land mehr Hilfsarbeiter benötigt.

Erkennbarer Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt an Rhein und Sieg

Die Statistiker der Arbeitsagentur beobachten an Rhein und Sieg einen Strukturwandel, weg vom verarbeitenden Gewerbe, das 1000 Stellen abbaute, hin zum Gesundheits- und Sozialwesen (plus 2400 Stellen) sowie zu Informations- und Kommunikationstechniken (plus 600 Stellen). Stefan Krause macht das an den drei großen D für die Zukunft der Wirtschaft fest: „Dekarbonisierung, Digitalisierung, Demografie“. Soll heißen: weniger herkömmliche Industrie mit Treibhausgasausstoß, mehr Zukunftstechnologien und eine älter werdende Gesellschaft, die zunehmend auf Pflege- und haushaltsnahe Dienstleistungen angewiesen ist.

Bei der Kurzarbeit, mit der Unternehmen kurzfristige Engpässe ausgleichen können, zeigte sich Stand Juni 2025 ein leicht steigender Trend (78 Betriebe mit 1576 Kurzarbeitern); auch bei den Insolvenzen weist der Pfeil mit 193 Pleiten nach oben. Am meisten von Zahlungsunfähigkeit betroffen waren die Branchen Lager/Logistik, IT- und Softwareentwickler sowie Kfz-Zulieferer.

Den rund 33.181 Arbeitslosen standen 4437 offene Stellen gegenüber; 80 Prozent davon nur für Fachkräfte. Auf der anderen Seite hat die Hälfte der Arbeitslosen keine Ausbildung. Krause: „Das passt nicht zusammen.“ Die Agentur fördert also Qualifizierung durch Fort- und Weiterbildung und gibt dafür pro Jahr 20 Millionen Euro aus. Die Kurse würden in enger Abstimmung mit Arbeitgebern und den Wirtschaftskammern ausgewählt und angeboten. 

Und der Ausblick auf 2026? Andrea Nahles, die Chefin der Bundesagentur für Arbeit, sieht Anzeichen dafür, dass sich die Konjunktur zur Jahresmitte erholt. Ihr Bonner Geschäftsstellenleiter mag dieser Prognose nicht widersprechen.