Auf einem Ryanair-Flug nach Deutschland kommt es zu einem Fensterbruch und dramatischen Szenen. Nun äußert sich der Passagier.
„Keiner vom Personal hat geholfen“Überlebender schildert gefährlichen Ryanair-Vorfall – und erhebt Vorwürfe

Ein Passagierjet der Fluggesellschaft Ryanair steht auf dem Vorfeld am Flughafen Memmingen. (Archivbild)
Copyright: picture alliance/dpa | Jason Tschepljakow
Es war ein Vorfall, der internationale Schlagzeilen zur Folge hatte – und bei dem ein oder anderen die Flugangst befeuert hat: Auf einem Ryanair-Flug nach Deutschland gab es Anfang Juli einen lauten Knall, dann brach eine Fensterscheibe – und es folgten dramatische Szenen. Ein Passagier, der nahe des Fensters saß, wäre fast aus der Maschine gesaugt worden.
„Sein Kopf und seine Schultern ragten aus dem zerbrochenen Fenster heraus“, sagte eine Augenzeugin im griechischen Rundfunk ERT. Andere Passagiere hätten den Mann zurückziehen können. In der Kabine fielen Sauerstoffmasken herab, wie auf Fotos und Videos in sozialen Netzwerken zu sehen war.
„Die Explosion ist das, woran ich mich erinnere“
Der Pilot habe daraufhin den Flug nach Memmingen abgebrochen und sei zum Flughafen Thessaloniki zurückgekehrt, berichtete die Passagierin. Nach dem Zwischenfall habe der Rückflug noch etwa 20 Minuten gedauert. Der Passagier, der neben der beschädigten Scheibe gesessen haben soll, sei vom Rettungsdienst in ein Krankenhaus in Thessaloniki gebracht worden, berichtete der griechische Rundfunk.
Nun hat sich der Mann, der fast aus dem Flugzeug gesogen worden wäre, erstmals zu dem dramatischen Vorfall an Bord der Ryanair-Maschine geäußert. „Die Explosion ist das, woran ich mich erinnere“, sagte der serbische Unternehmer Ljubisa Karovic jetzt dem britischen „Guardian“ über die bedrohliche Situation an Bord. „Es ist das Geräusch vor dem Chaos, das Geräusch, das immer da ist, wenn ich meine Augen zum Schlafen schließe.“
Fensterbruch bei Ryanair-Flug: Sicherheitsgurt als Lebensretter?
An den Vorfall, der ihn fast das Leben gekostet hätte, erinnert sich Karovic nach eigenen Angaben nur lückenhaft. „Ich erinnere mich nicht an viel und mein Kopf und mein Hals schmerzen immer noch, aber ich lebe noch“, sagte der Serbe der britischen Zeitung.
Ein großer Faktor dafür, dass er noch lebt, „könnte der Sicherheitsgurt gewesen sein“, erzählt der Mann, der bei dem Vorfall Verbrennungen und Prellungen erlitten hatte. „Aber vielleicht ist es Schicksal. Ich glaube an Gott und danke ihm jeden Tag.“
„Er blickte dem Tod, dieser anderen Welt, ins Auge und kehrte zurück“
Auch Karovics Anwalt, Vasilis Tsiaras, beschreibt den Vater von zwei Kindern als jemanden, der „nur durch einen Zufall noch am Leben ist“. Sein Mandant habe „immer wieder zwischen Leben und Tod“ geschwebt, findet der Anwalt eindringliche Worte.
„Als die Kabine an Druck verlor, wurde er von der Brust aufwärts aus dem Fenster geschleudert und verlor sofort das Bewusstsein. Er war in diesem Flugzeug auf dem Weg nach Deutschland, um den Geburtstag seines Bruders zu feiern“, berichtet Tsiaras. „Stattdessen hing er in 15.000 Fuß Höhe mit dem Kopf und dem rechten Arm aus dem Flugzeug, während es mit mehr als 600 km/h unterwegs war. Stellen Sie sich das einmal vor! Er blickte dem Tod, dieser anderen Welt, ins Auge und kehrte zurück.“
Passagiere als Retter – Vorwürfe gegen Ryanair-Personal
Karovics Frau berichtet unterdessen vom großen Einsatz mancher Passagiere an Bord, um ihren Mann zu retten. „Keiner vom Kabinenpersonal hat geholfen. Es waren die Passagiere“, erklärte sie im Gespräch mit der britischen Zeitung. „Ein Mann, ich glaube, er war ein Albaner, war unglaublich. Er tat alles, was er konnte, um ihn hereinzubringen, und versuchte dann, das Fenster zu blockieren, zuerst mit einer Tasche, die sofort herausgesaugt wurde, und dann mit einem Koffer, der funktionierte. Wir sind ihm ewig dankbar.“
Rund zweieinhalb Minuten habe sich ihr Mann „halb im und halb außerhalb des Flugzeugs“ befunden, erinnert sich Svetlana Karovics. „Sie sagen mir, dass ich zweimal und wieder im Flugzeug ohnmächtig wurde und dass mein Gesicht wegen des Drucks kurz geschwollen und deformiert war“, berichtet unterdessen ihr Mann.
„Zu keinem Zeitpunkt bot die Kabinenbesatzung an, zu helfen“
Dass Ryanair nach dem Vorfall das Engagement des Kabinenpersonals gelobt hatte und von einem „phänomenalen Job“ der eigenen Mitarbeiter gesprochen hat, stößt dem Serben und seinem Anwalt unterdessen sauer auf. „Zu keinem Zeitpunkt bot die Kabinenbesatzung an, zu helfen“, berichtet Anwalt Tsiaras etwa. Ryanair weist diesen Vorwurf unterdessen zurück.
„Nachdem das Flugzeug in eine sichere Höhe abgestiegen war, kümmerte sich unsere Kabinenbesatzung um Herrn Karović, half, ihn auf alternative Plätze (neben seiner Frau) zu bringen, und arrangierte, dass ein Arzt an Bord mit ihnen saß.“ Die Crew habe auch dafür gesorgt, „dass medizinische Hilfe bei der Landung in Thessaloniki bereitsteht“, erklärte die Airline gegenüber dem „Guardian“.
Turbinenschaden könnte Auslöser für Fensterbruch gewesen sein
Anwalt Tsiaras schildert unter Berufung auf Zeugenaussagen derweil eine andere Lage an Bord. „Alle waren sich einig, dass die Besatzung unter Schock stand und befürchtete, das Flugzeug würde gleich abstürzen. Es waren die anderen Passagiere, die sich zusammengetan und Ljubisa Wasser gegeben haben“, sagt er.
Nach Angaben eines von Karovics Familie beauftragten Gutachters soll sich ein Bauteil einer der Turbinen gelöst haben. Die Trümmer hätten das Fenster getroffen und zerstört. Durch den plötzlichen Druckunterschied sei eine starke Sogwirkung entstanden, wodurch der Passagier zeitweise mit dem Oberkörper aus dem Flugzeug gezogen worden sei. Das griechische Verkehrssicherheitsgremium sowie der technische Gutachter der Familie unterziehen das Flugzeug griechischen Medienberichten zufolge nun einer Prüfung.
Fensterbruch: Ryanair-Chef äußert sich zu möglicher Ursache
Bereits zuvor hatte der Luftfahrtexperte und Pilot Grigoris Konstantelos im griechischen Fernsehen (ERT) eine ähnliche Vermutung geäußert. Er geht davon aus, dass die Passagiere großes Glück hatten: In größerer Flughöhe hätte der höhere Druckunterschied zu einem deutlich heftigeren, möglicherweise explosiven Druckverlust führen können.
Auch Ryanair hat sich mittlerweile zu dem Fensterbruch geäußert: Der schwere Zwischenfall an Bord der Boeing des Billigfliegers am 10. Juli wurde womöglich durch einen Fremdkörper verursacht. Dies habe eine erste Untersuchung ergeben, sagte Ryanair-Chef Michael O'Leary am Montag (20. Juli) bei der Vorlage der Quartalszahlen, einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters zufolge. (das/dpa)
