Unweit von Amsterdam liegt die Festungsstadt Naarden, ein sternförmiges Juwel mit düsterer Geschichte und großer Kunst.
Juwel nahe AmsterdamWas die sternförmige Festungsstadt Naarden zu bieten hat

Die sternförmige Festungsanlage von Naarden ist ein beeindruckendes Beispiel europäischer Baukunst und zählt zu den am besten erhaltenen Festungsstädten Europas.
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Für einige Besucher ist eine Aufnahme aus der Luft der einzige Anlass für eine Reise nach Naarden. Die volle Pracht der Festungsstadt unweit von Amsterdam, die zu den reizvollsten des Kontinents zählt, wird nämlich erst aus der Luft sichtbar. Es ist ein sternförmiges Bauwerk, das gänzlich von Wasserläufen umschlossen wird. Weitere Besucher hingegen bevorzugen die Grote Kerk, welche aufgrund ihrer Deckenmalereien den Beinamen „Sixtinische Kapelle des Nordens“ trägt. Eine dritte Gruppe von Gästen sucht zielgerichtet das Museum auf, das sich dem Schaffen und der Vita des Universalgelehrten Johann Amos Comenius befasst.
Somit existieren diverse überzeugende Argumente, die für eine Besichtigung von Naarden sprechen. „Es ist ein verstecktes Juwel, selbst Holländer sind überrascht“, äußert Tammo ter Hark, der frühere Leiter des Festungsmuseums. Der Ort ist jedoch nicht ausschließlich für seine imposante Baukunst bekannt, sondern ebenso für eine düstere Historie: Ein Gemetzel ereignete sich dort im Jahr 1572, das sich fest in das gemeinschaftliche Bewusstsein der Niederlande eingebrannt hat.
Die historische Wehranlage im Detail
Wer sich Naarden über Land annähert, erblickt als Erstes eine doppelte Gracht sowie eine wuchtige Wehrmauer. Diese ist Teil des Turfpoorts, einer von sechs Bastionen der Wehranlage, deren Errichtung in den Zeitraum von 1675 bis 1685 fällt. Pfeilartig erstrecken sich diese in den Wassergraben und beinhalten gegenwärtig das Niederländische Festungsmuseum, welches pro Jahr etwa 20.000 Gäste verzeichnet. Mithilfe eines Audioguides können auch Besucher aus dem deutschsprachigen Raum in die bewegte Vergangenheit mit Spaniern und Franzosen eintauchen.
Hans van Mierlo ist häufig für detaillierte Auskünfte zur Stelle. Im Alter von 15 Jahren besuchte er erstmalig das Museum und bot sich ehrenamtlich für die Bedienung der Kanonen an. Dieser Tätigkeit geht er nun seit beinahe 50 Jahren nach. Der Rundgang startet auf einer Aussichtsplattform, die eine gute Übersicht über das Areal ermöglicht. Mit der sternförmigen Konstruktion wurde bezweckt, Feinde aus jeder Richtung unter Beschuss nehmen zu können. In den Kasematten, geschützt durch zwei Meter starkes Mauerwerk und eine noch mächtigere Erdschicht, waren die Geschütze positioniert.
Über die Munition und die Schussweite der Kanonen ist Hans van Mierlo bestens informiert. Er erläutert den Zweck der langen Gerätschaften, die zum Füllen der Rohre mit Pulver oder zur Säuberung mit Schafwolle nach dem Abfeuern dienten. Zwischen März und Oktober wird das Abfeuern der Geschütze von Ehrenamtlichen an jedem dritten Sonntag des Monats vorgeführt. „80 Gramm Pulver pro Schuss, mehr ist polizeilich nicht erlaubt“, erläutert van Mierlo. „Zum richtigen Schießen wären zwei Kilo gut, aber das ist ein bisschen viel.“ Heutzutage wird als Geschossladung lediglich Gras verwendet.
Die Gräueltat im Jahr 1572
Die Errichtung der gegenwärtigen Festungsanlage erfolgte, nachdem die Stadt ihre dunkelste Zeit bereits durchlebt hatte. Spanische Einheiten umzingelten Naarden im November 1572 inmitten des Achtzigjährigen Krieges. „Die Soldaten hatten Hunger, es war kalt und es gab keinen Sold“, berichtet van Mierlo. Die Stadt kapitulierte nach einer sechstägigen Belagerung, hoffend auf die von den Spaniern zugesicherte Milde.
Die Ereignisse nahmen jedoch eine andere Wendung. Von den schrecklichen Taten berichtet ein Relief an der Front des früheren Rathauses. „Die Männer mussten sich hier melden, um den Treueeid zu schwören, und sind dann abgeschlachtet worden. Das war grausam.“ Nach Angaben von van Mierlo blieben auch Frauen und Kinder nicht verschont. Rund 800 Personen kamen ums Leben, während lediglich 60 Bewohner überlebten. Der Ort brannte nieder; lediglich einige Bauten aus Stein, darunter die Kirche und das Kloster, blieben bestehen.
Arbeiten in der „Sixtinischen Kapelle des Nordens“
Besucher sollten bei ihrer Planung die Grote Kerk unbedingt berücksichtigen. Für die kleine Ortschaft erscheint das Gotteshaus beinahe überdimensioniert. Zwischen dem 20. Juni und dem 23. August 2026 können Interessierte hier die Instandsetzung des circa 700 Quadratmeter umfassenden hölzernen Tonnengewölbes aus unmittelbarer Nähe beobachten. Die Bemalung mit Motiven aus dem Alten und Neuen Testament, die unter anderem von den Arbeiten Albrecht Dürers angeregt wurde, erfolgte in den Jahren 1510 bis 1518.
In 20 Metern Höhe befestigt der Restaurator Maurice Steemers auf einer Arbeitsbühne winzige Holzpartikel mittels eines Leims aus Haut und Knochen. Dies sei eine ungewöhnliche Aufgabe, „weil das Objekt sehr alt ist“, meint Steemers. Stündlich haben Besucher die Möglichkeit, in kleinen Gruppen und in Begleitung eines Führers über eine Treppe an die Gemälde heranzutreten und den Fachleuten bei ihrer Tätigkeit zuzuschauen.
Das Erbe des Gelehrten Comenius
Es ist nicht ungewöhnlich, in Naarden auf Gäste aus Tschechien zu treffen. Sie steuern das frühere Kloster an, in dem sich heute ein Museum befindet, das sich Johann Amos Comenius widmet. In Naarden fand der 1592 in Mähren zur Welt gekommene Theologe, Philosoph und Pädagoge, der seine Heimat schon in jungen Jahren verlassen musste, seine letzte Ruhestätte. Sein Konterfei schmückt in Tschechien die 200-Kronen-Banknote – gemeinsam mit einer Zeichnung der Festung von Naarden.
Die Lage von Naarden, circa 20 Kilometer im Südosten von Amsterdam, macht es zu einem idealen Ziel für eine Tagestour. Die Anreise per Zug ist bis zum Bahnhof Naarden-Bussum möglich. Die verbleibende Distanz von ungefähr zwei Kilometern zur Festungsanlage kann zu Fuß, per Leihfahrrad, Taxi oder mit dem Bus bewältigt werden. Der reguläre Eintrittspreis für das Niederländische Festungsmuseum beträgt 13,50 Euro, wobei eine Audiotour im Preis inbegriffen ist. (dpa/red)
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