Das Rad kann nicht neu erfunden werden“, heißt es. In den letzten Jahren schien ein Trend dem zu widersprechen: Das E-Bike. Auch bei der Branchenvorstellung der Neuheiten für den Fahrradsommer 2015 war der elektronische Antrieb allgegenwärtig. „Das E-Bike lässt keine Radgattung aus – dennoch wird das analoge Rad nicht aussterben“, führt Gunnar Fehlau vom Pressedienst Fahrrad in die Veranstaltung im Sportmuseum in Köln ein. Das Gros – und zwar zwei Millionen – sind Räder ohne Motor, die im Jahr verkauft werden. Aber Innovation und Trend geht kaum ohne das „E“ davor.
So hält auch die Automatikschaltung Einzug: Hersteller Sram entwickelte mit Bosch die „DD3 Pulse“, bei der drei Hauptgänge vom Antrieb selbstständig gewählt werden, zehn Feinabstufungen schaltet der Radler eigenhändig.
Auffällig ist auch, dass Neuheit nicht gleichbedeutend mit Nie-da-gewesen ist. Bekannte Sachen werden gut kombiniert, wie eine Federgabel mit Kanal für das Lichtkabel und Montagegewinde für eine Lampe – damit das Licht nicht behelfsmäßig montiert werden muss („Paragon Gold“ von Rock Shox, 225 Euro). Solch eine Systemintegration findet sich auch bei Klassikern wie Hollandrädern. Da verschmelzen das LED-Rücklicht und der Gepäckträger zu einem Bauteil und sind gleichzeitig auch Halterung für das Schutzblech.
Die Entwickler seien so etwas wie Barkeeper, erklärt Experte Gunnar Fehlau: „Sie mixen aus bekannten Zutaten stimmige Neuheiten.“ Welche Kreationen dabei zustanden kommen, kann ab Mittwoch, 27. August, in Friedrichshafen auf der Eurobike 2014 bestaunt werden. Ich (täglicher Allwetter-Rad-Pendler) hatte vor der internationalen Radmesse die Möglichkeit, die interessantesten Rad-Cocktails zu testen.
Motorisierte Lässigkeit
Die Hersteller wollen im nächsten Jahr mit lässigeren E-Bikes einen Schritt auf junge Radfahrer zu gehen. Bisher nutzen eher rüstige Menschen einen Zusatzmotor, demnächst sollen auch Auszubildende es leichter haben, zum Job zu kommen: Kompakträder (keine Klappräder) sollen sie ansprechen – klein, handlich und praktisch. Das „Pony“ von Blue Label (Foto, ab 2999 Euro) nähert sich optisch dem BMX-Rad an.
Noch so ein wendiger Stadtflitzer ist das „Flogo“ von Flyer. Auch ab 2999 Euro kommt man mit ihm trocken statt schwitzt am Schreibtisch an. Dazu passt auch das neuentwickelte kleine Bügelschloss von Abus: Das Granit Plus 640 (ab 69,95 Euro) passt locker in eine Tasche und ist optimal für das schnelle Sichern eines Rads nur mit dem Rahmen.
Mein Fazit: Cool wie ein BMX ist es zwar nicht, aber handlich und flott.
Box statt Korb
Kein Draht- oder Weidengeflecht, sondern mit einem gradlinigen Design kommt die nächste Korb-Generation daher: Der „Me“ (59,90 Euro) von Racktime ist aus Plastik in rot, grün, blau oder schwarz, hat einen Schultergurt und ist mit einem Klick gesichert – jedoch nur an Racktime-Trägern, die aber an neuen Rädern oft Standard sind.
Mein Fazit: Sehr leicht und ein Hingucker – leider nicht für alte Räder.
Individuelle Rahmenlänge
Nichts für den Gelegenheitsradler: Tourenradspezialist Velotraum passt die Rahmenlänge dem Fahrer an. Durch unterschiedliche Winkel von Sitz- und Steuerrohr musste bisher je nach Körpergröße oft ein sehr kurzer oder langer Lenkervorbau montiert werden, wodurch das Manövrieren erschwert wurde. Beim Cross 7005 EX Komfort gibt es bald Größen mit verlängertem Rahmen, was das Fahren von Hunderten Kilometern für jede Körpergröße angenehm machen soll. Rahmenpreis ohne Gabel: 780 Euro.
Mein Fazit: Ich kann von geplagten Rücken ein Lied singen – falls ich mal Hunderte Kilometer radeln muss, wäre das mein Ding.
Freundliches Blau
In den letzten Jahren standen die Farben Schwarz, Grau, Silber bei Rädern und Zubehör hoch im Kurs. Jetzt wird es freundlicher: Blaue Lackierung, Taschen oder Helme in Polar Matt, wie der „Hyban“ von Abus (54,95 Euro), der optisch etwas von einem Skater-Helm übernimmt und trotzdem luftig ist.
Mein Fazit: Mehr Farbe gegen Tristesse auf der Straße.
E-Fatbike
Das Trend-Rad „Fatbike“ kommt aus der Nische heraus, denn jetzt steigen die Teilehersteller ein, so dass der normale Kunde auch Reifen oder Gabeln ordern kann. Fatbikes sind mit den dicken Reifen und wenig Luftdruck für das Fahren auf weichem Gelände wie Schnee, Matsch oder Sand geeignet.
Auch hier hält jetzt der Elektromotor Einzug: US-Hersteller Felt bringt das E-Fatbike „Lebowsk-e“ heraus. Im schwierigen Terrain soll es zusätzlichen Schub bringen. Preis: 3799 Euro.
Mein Fazit: In Köln hiermit zu fahren, ist wie mit einem Hummer über die Ehrenstraße zu cruisen. Wer Lust auf neue Geländeerfahrung hat, sollte es ausprobieren.
Auf Augenhöhe
Ein Tritt in die Pedale des neuen Liegedreirads „Scorpion plus 26“ von HP Velotechnik, und samt Unterstützung des E-Motors saust man entspannt davon. Ein neuer Sitz hebt den Fahrer auf Augenhöhe mit Autoinsassen, was im Stadtverkehr wesentlich beruhigender ist als auf Radkappenhöhe Abgase zu atmen. Ab 3990 Euro. E-Trike: ab 6480 Euro.
Mein Fazit: Ein ganz anderes, außergewöhnliches und gemütliches Fahrerlebnis für mich als Zweiradler.
Alltagstaugliches Zubehör
Oft ist Radzubehör zwar praktisch, aber nicht alltagsfit. Ortlieb verarbeitet bei seiner „Urban Line“ keine Lkw-Plane, sondern ein ansprechendes, dennoch wasserdichtes Mischgewebe. Neben der „Velo-Pocket“ (79,95 Euro) fürs Lenkrad, die als Handtasche im Vintage-Look durchgeht, ist die „Commuter-Bag QL3“ (ab 139,95 Euro) zu erwähnen. Hier stören keine Haken mehr, denn die Zapfen sind am Rad montiert.
Mein Fazit: Brauche ich: Bei meiner Tasche bleiben die Haken immer an der Hosentasche hängen – nerv.
Angenehm wattiert
Für viele Pendler oder Mountainbiker ist das Rad ganzjährig im Einsatz, deswegen benötigt der Fahrer auch Kleidung für kühle Temperaturen, die zudem gut zu verstauen ist. Die wattierten Modelle aus der „Minaki“-Serie von Vaude sind dafür gut geeignet. Das Material speichert die Körperwärme, ist leicht und lässt sich gut komprimieren. Im Rückenbereich, wo meist ein Rucksack sitzt, und an beanspruchten Stellen sind Stretch-Einsätze. Die Jacke kostet 160 Euro.
Mein Fazit: Kann ich als Pendler gut gebrauchen, weil sie so klein zu verpacken ist und schön warm hält.
