Abo

Garten im HerbstÜberraschungen im Beet

3 min

Samenschoten des Ausdauernden Silberblattes

Es ist die Sehnsucht nach der möglichst unberührten Natur, die viele Hobbygärtner heute antreibt. Das zeigt sich in der Pflanzenauswahl, aber auch in der Gestaltung der Beete. Strenge Ordnung im Beet ist passé, Gräser und Wildstauden halten Einzug. Einen Schritt weiter geht, wer die Pflanzen selber mitspielen lässt. Viele versamen sich selbst, finden einen neuen Platz im Garten.

Wolfram Kunick ist Experte, wenn es um diese Art des Gärtnerns geht. Es ist keine Naturromantik, die ihn antreibt – sein Interesse ist wissenschaftlich. Die Eigendynamik von Pflanzen hat den Botaniker und Landschaftsplaner schon immer interessiert.

In seinem Garten und auf einer weiteren Fläche in Bornheim arbeitet er mit Stauden, deren Entwicklung er mehr oder weniger freien Lauf lässt. Einst lieferten sie Material für Blumensträuße. Heute gewinnt Kunick vor allem Saatgut von den Stauden, um es für seine Pflanzungen zu nutzen.

In seinem Garten stehen die Herbst-Alpenveilchen in voller Blüte. Im Schatten hoher Bäume leuchten die rosa und weißen Blüten, die Blätter kommen erst später dazu. Langsam breiten sie sich aus. Mit einem Stöckchen hat der Gärtner markiert, bis wohin sie im vergangenen Jahr vorgedrungen sind. Inzwischen finden sich die ersten Pflänzchen schon jenseits der Markierung. Auch das hoch wogende Chinaschilf steht in voller Blüte: manche Pflanzen haben rötliche, andere weiße Wedel. Über die Jahre hinweg haben sie sich verkreuzt, neue Formen sind entstanden. An vielen Stellen im Garten blüht jetzt im September eine Aster mit großen weißen Dolden, „aber die kommt nur dort, wo sie will“, hat Kunick beobachtet.

Der gebürtige Leipziger war schon nach dem Krieg fasziniert davon, wie sich die Trümmer der zerstörten Stadt von alleine begrünten. Er erforschte die spontane Vegetation in Städten, wurde Professor für Landespflege an der Universität Leipzig. Seit mehr als 20 Jahren lebt er in Bornheim. Als Experte ist er zum Beispiel bei der Landesgartenschau Zülpich gefragt, wo er Flächen am See mit einer sich selbst erhaltenden Mischung aus Wildpflanzen eingesät hat.

Lange war Kunick in Köln aktiv, hat zum Beispiel die Staudenbeete im Vorgebirgspark angelegt und gepflegt und den Felsengarten am Fort VI neu bepflanzt.

Unglaubliche Fülle von Pflanzen

Schon der Innenhof seines Wohnhauses, die Auffahrt und der Garten zeigen, wie eine Pflanzung aussehen kann, wenn nur lenkend eingegriffen wird. Eine Ordnung, wie sie klassischerweise im Hausgarten zu finden ist – hier Rasen, dort Beete – gibt es nicht. Dafür eine unglaubliche Fülle von Pflanzen. Bloße Erde ist nicht zu sehen, wie in der freien Natur ist jedes Fleckchen besiedelt. Vor dem Haus dürfen Königskerzen und Nachtkerzen an den Plätzen wachsen, die sie sich selbst ausgesucht haben.

An der Auffahrt sprießen Glockenblumen und die Spanische Ochsenzunge, denn dort landen die Spelzen, wenn Wolfram Kunick selbst geerntetes Saatgut säubert – hin und wieder ist auch ein Samenkorn darunter. Der 2000 Quadratmeter große Garten mit Miscanthus und Alpenveilchen, wenige Autominuten vom Haus entfernt, ist sein Experimentierfeld. Längst hochgewachsen sind Bäume wie eine Esskastanie, die sich selber angesiedelt haben. Hier wachsen Schätze wie der Pfirsich „Kernechter vom Vorgebirge“ , eine weiße Kitaibelie – eine Scheinmalve – und graziler Eibisch.

„Es geht um einen Dialog mit den Pflanzen“, sagt Wolfram Kunick. „Statik ist öde, da bewegt sich nichts.“ Seine Art der Gestaltung überlässt vieles dem Zufall und setzt eine gewisse Offenheit voraus. Ein solcher Garten ist dynamisch, ständig im Wandel. Natürlich besteht die Gefahr, dass eine Pflanzung aus dem Ruder läuft. „Aber man lernt, in dem man es tut“, sagt Kunick. „Man muss jedoch auch den Willen haben, sich darauf einzulassen. Man muss beobachten und im richtigen Moment das Notwendige tun, um ein Gleichgewicht zu erhalten.“