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Gesundes EssenWarum manche Trendfoods einfach nerven

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In den knackigen Grünkohlblättern stecken so viele Vitamine und Nährstoffe, dass Grünkohl als das gesündeste Gemüse überhaupt gilt.

Kale

In meiner Welt hieß das struppige Gemüse, das gekocht mit Mettwurst auf den Tisch kommt, immer Grünkohl. Und ich fand es lange erstens eklig und zweitens extrem öde. Inzwischen hat sich das geändert, ich habe mich eng angefreundet mit alten, sperrigen Gemüsesorten. Aber beinahe fängt der arme Grünkohl jetzt schon wieder an zu nerven: Bereits vor einigen Jahren wurde er von New Yorker Hipstern entdeckt, steckt seitdem in jedem grünen Smoothie, Kale-Salad wiederum ist der Lunch schlechthin für gestresste Großstädter. Es sei dem grünen Gemüse gegönnt – bloß kommt es jetzt zurückgeschwappt als Super-Trendfood. Und heißt nun eben auch bei uns plötzlich nicht mehr Grünkohl, sondern „Kale“. Der höhere Glamourösitätsfaktor liegt auf der Hand, wir kennen das noch vom armen Salat, der irgendwann nicht mehr Rauke heißen durfte. „Kale Mix“ gibt es jetzt jedenfalls fein zerpflückt im Supermarkt in bunten, kleinen Tüten zu kaufen. Liegt gleich neben dem Rucola. (hah)

Ingwer

Alles begann, als meine frühere beste Freundin ihrerseits plötzlich übersinnliche Freunde hatte, die ihr dieses Rezept für das ewige Leben direkt aus dem Jenseits vermittelten: klein geschnittener Ingwer mit Zitronensaft beträufelt. Unter diesen Voraussetzungen hätten die Knolle und ich uns nie entspannt kennenlernen können. Ich habe das Zeug von Anfang an gehasst! Zuerst aus Prinzip, dann aus echter Überzeugung. Einen letzten Versuch gab ich ihm während der Schwangerschaftsübelkeit. Ich hätte ALLES getan, um die zu eliminieren. Und probierte auf Anraten der Apothekerin den Ingwertee. Mir wurde sogar noch schlechter. Über die Jahre war es ein wenig wie mit den Woody Allen-Filmen, die ich auch hasse, und die mir seit Jahren immer wieder jemand schmackhaft machen will: „Probier doch mal! Es ist so schön scharf, das magst du doch! Und so gesund!" Bitte, bitte geht mir weg mit dem gelben Zeug. Ihr habt keine Chance. Leider entwickelt sich die Ingwer-Präsenz in meinem Leben ganz und gar umgekehrt proportional zu meinen Vorlieben: Es gibt ihn einfach überall! Kein Café, wo nicht ein Stück Knolle mit heißem Wasser übergossen und für drei Euro die Tasse verkauft wird. Jetzt taucht das Zeug auch noch in grünen Smoothies und Essen auf. Es ist ja sooo gesund! Egal, wie lange sich die Knolle noch auf dem Hipstermarkt hält: Von mir bekommt sie keine Beachtung. (twe)

Pulled Pork

Zunächst mal – Pulled Pork ist eigentlich eine Spitzensache. Superzart-zerrupftes Fleisch, dass ewig lange bei Niedrigtemperatur gegart wird. Das Gegenteil von Fastfood also, das jeden Streetfood-Markt aufwertet und mal was anderes ist als das übliche Fleischpatty im Brötchen. Deshalb ist es auch so schade, dass dieses Slowfood inzwischen so trendy ist, dass es schon wieder über den Zenit hinausgeschossen ist. Pulled Pork ist der neue Bubble Tea. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass neulich in der Auslage eines Bäckers im Deutzer Bahnhof der superhippe Tagestipp angepriesen wurde: Pulled Pork im Brötchen. Da lag es, blassrosa, auf welkem Salat. Ist das der Anfang vom Ende? Wir werden es sehen, wenn bald die ehemaligen Bubble-Tea-Läden, die jetzt Frozen Yoghurt verkaufen, bald auf die Niedriggar-Methode umrüsten… (hah)

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Bio-Wasser

Gibt es etwas, das noch reiner ist als Mineralwasser? Ja, Biowasser! Sie fragen sich jetzt vielleicht, was an Wasser Bio sein kann. Oder, ob Wasser nicht ohnehin Bio ist, weil es ja nicht hergestellt wird und seine Qualität nicht beeinflusst werden kann. Und sind damit nicht alleine. Auch die Stiftung Warentest findet, dass Bio beim Wasser einfach keinen Sinn macht. Trotzdem entschied der Bundesgerichtshof, dass Anbieter ihr Wasser Bio nennen dürfen, wenn ihre Grenzwerte noch strenger sind als ohnehin schon. Wer Bio kauft, zahlt auch das gute Gefühl, und das gilt auch für Wasser, sinnvoll oder nicht. Und so reihen sich in den Kühlregalen zahlreicher Cafes kleine, teure Flaschen Biowasser nebeneinander - und finden Abnehmer. Und das, obwohl das fast kostenlose Leitungswasser von der Qualität her meist besser ist, sofern es nicht aus Uralt-Bleirohren fließt.

Aber natürlich hat die Branche auch hier etwas gefunden, mit dem sich Geld machen lässt: Für rund 400 Euro gibt es Filter, die aus normalem Leitungswasser dank Turmalin-Keramikkugeln und Korallensand "Pi-Wasser" machen. Auf dem Weg durch den Filter wird das Wasser nämlich restrukturiert und von Schadstoffen befreit. Wenn es dann herauskommt, wirkt es harmonisierend und kann irgendwas biologisch verfügbar machen. Zauberei! Jetzt noch ein Stängel frischer Minze in die Flasche Pi-Wasser, mich damit beim Yoga fotografieren und der Welt zeigen, wie rein und gesund ich bin. Auch hier gibt es jedoch wieder Spielverderber: Die Verbraucherzentrale erklärt dazu, dass Leitungswasser keiner weiteren Filterung bedarf und Filtersysteme sogar die Qualität des Wassers verschlechtern können, weil sie zum Beispiel Nährboden für Keime darstellen. Naja, bleibt immer noch das gute Gefühl. Oder? (jam)

Chia-Samen

Chia-Samen. Ich habe sie noch nie probiert und kann doch das Wort schon nicht mehr hören. Trendsetter und Foodblogger streuen die geschmacklosen Dinger (dass die nach nichts schmecken, weiß ich zugegebenermaßen nur vom Hörensagen) auf Müsli, Joghurt oder Obst. Schließlich ist es ein #Superfood und #Powerfood. Trotzdem habe ich ihnen eine Chance gegeben und mal nachgeforscht. Heraus kam Folgendes: Chia-Samen haben schon die Azteken und Mayas gegessen. Hört sich gut an, die werden schon gewusst haben, was gut ist, oder? Tatsächlich scheinen einige wertvolle Inhaltsstoffe in Chia-Samen zu sein, auch wenn sie recht kalorienreich sind und man dazu viel Wasser trinken muss, weil sie Flüssigkeit binden. Ähnliche Eigenschaften und Inhaltsstoffe hat übrigens Leinsamen. Den hat schon meine Oma gegessen. Die wusste auch, was gut ist. Er ist viel billiger - vermutlich auch weil er nicht aus Mexiko oder Südamerika importiert werden muss. Heißt aber eben nur: Leinsamen. (jam)