Herr Reß, was sieht der Besucher, wenn er Ihren Flur betritt?
Michael-Jochen Reß: Eine schwarze Schubkastenkommode. Wände und Boden sind grau gehalten. Wir haben das Glück, dass unser Eingangsbereich quadratisch ist und ein Oberlicht hat. Die meisten Flure sind ja eher schmal.
In vielen Teilen der Welt steht man nach dem Eintreten in die Wohnung direkt in einem Zimmer. Ist der Flur eine europäische Sache?
Nein. Oder sagen wir so: Der Zuschnitt eines Flurs unterscheidet sich je nach Kultur und Region. Aber der Übergang zwischen innen und außen ist überall irgendwie gestaltet. Eine japanische Wohnung zum Beispiel betritt man niemals mit Schuhen. Es gibt dort eine Art Pufferzone, die meistens mit einer Stufe abgetrennt ist. Oben auf der Kante liegen schon die Hausschuhe parat. In den USA, das stimmt, befinden sich im Eingangsbereich oftmals begehbare Schränke und kein Flur, wie wir ihn kennen.
Und generell: Je südlicher die Wohnung liegt, desto weniger Bedarf gibt es, Mäntel, Stiefel und Regenschirme zu verstauen.
Gibt es einen typisch deutschen Flur?Klar ist, dass in Deutschland vor allem funktionale Möbel für den Flur nachgefragt werden. Aber einen typisch deutschen Flur gibt es nicht, was auch auf dessen geringe Bedeutung hinweist. Wenn der Architekt ein Schlafzimmer baut, dann weiß er, dass ein Schrank mindestens 60 Zentimeter tief und drei Meter breit sein soll, um dort ordentlich etwas unterbringen zu können. So wird nicht kalkuliert, wenn es um Flure geht. Sie sind Restteile der Wohnung – und fallen immer anders aus.
Wenn wir in Deutschland von Fluren sprechen, meinen wir meist die länglichen Altbau-Gänge, von denen die Räume abgehen.
Welchen Stellenwert hat der Flur in künftigen Grundrissen?
Mit dem Anstieg der Preise pro Quadratmeter wird der Wohnraum optimiert und als solcher gilt der Flur nur eingeschränkt. Der wird so klein wie möglich gehalten und das ist auf Dauer ein Problem. Es müssen mehr Funktionen untergebracht werden, als man denkt, was man erst beim Einziehen merkt.
Viele Leute kommen mit ihren Plänen zu uns auf die Messe auf der Suche nach Funktion und Gestaltung: Wohin mit den Jacken, Schuhen, Schlüsseln, Handtaschen, den Fahrradhelmen der Kinder, dem Sportequipment – wo lade ich das Handy auf, wo stelle ich den Einkauf ab, wo setze ich mich, um Schuhe an- und auszuziehen? Wohin mit dem Kleingeld, das die Männer aus ihren Hosentaschen holen und so weiter.
Und dann liefert der Flur auch den ersten Eindruck, den man von der Wohnung bekommt.
Ja. Wir nennen das den Aspekt von „feel welcome“: Der Flur soll den Gast und einen selbst in der Wohnung willkommen heißen. Und zwar mit Ordnung und Klarheit. Verstauen und Ankommen – darum geht es. Das ist eben die Kunst: Bei immer kleiner werdenden Räumen gute Lösungen zu finden.
Wie haben sich die Anforderungen an die Branche geändert?
Klassisch sah der Eingangsbereich so aus: Spiegel, Kommode und ein Garderobenelement, an dem drei oder vier Mäntel hingen. Heute sind die Möbel variabler: Haken können ein- oder ausgeklappt werden, je nachdem, wie viel man gerade ablegen muss. Die Einrichtung des Eingangs ist dekorativer, farbiger, spielerischer geworden. Es gibt mehr spezifische Einbauten für mehr Stauraum: Schränke mit geringerer Korpustiefe und beruhigender Optik. Oder platzsparende Kombinationen aus Spiegel und Garderobe.
Wie hat die Elektronik Ihre Branche beeinflusst?
Früher stand auf der Kommode ein Telefon mit Schnur in der Wand. Das Telefonbuch lag für gewöhnlich in der obersten Schublade. Heute liegen überall Kabel herum. Deshalb sieht man nun auch im Flur zum Beispiel Möbel, die entweder die Elektroverteilung verstecken oder elektrifizierte Möbel, wo Handys, Kameras oder Tablets aufgeladen werden können.
Werden neue Materialien nachgefragt?
Es hat in den vergangenen Jahren ein Glas-Revival gegeben. Darauf haben wir reagiert und zum Beispiel mundgeblasene Garderobenhaken produziert. Was die Oberfläche betrifft, sind Kupfer und mattes Messing sehr in Mode.
Sie produzieren seit Jahrzehnten Flur- und Dielenmöbel und richten auch ein. Welche Aufträge sind Ihnen im Gedächtnis geblieben?
Es gibt immer mal wieder Anfragen von Prominenten und internationalen Kunden, die zum Beispiel eine Eingangshalle von 100 Quadratmetern haben. Oder es werden Schuhschränke in Größenordnungen in Auftrag geben, bei denen man denkt, das muss die Tochter von Imelda Marcos sein.
Das muss Spaß machen.
Kennen Sie die Szene in „Sex and the City“, in der Carrie Bradshaw den begehbaren Kleiderschrank öffnet? Im Kino hat das weibliche Publikum entzückt aufgeschrien. Solche Kunden haben wir manchmal auch: Die ihre Passion für schöne Kleidung zelebrieren und die Auswahl gerne auf einen Blick sehen. Aber es gibt auch sehr kleine enorm kreative Lösungen, die wir schaffen. Das freut mich meist noch mehr.
