Köln – Herr Linz, ich wünsche mir, dass Sie mich motivieren, damit ich mich mehr bewege, weniger esse und dabei auch noch Spaß habe.Lothar Linz Wer motivieren will, der muss erst wissen, wie der andere tickt. Motivieren heißt nichts anderes, als Antriebe und Möglichkeiten zu aktivieren, die schon im Menschen angelegt sind.
Bewegungsfreude muss schon vorhanden sein. Tut sich sonst nichts?Linz Es gibt eben solche, die von Geburt an eine hohe Bewegungsmotivation haben. Und dann gibt es auch die anderen, denen das völlig abgeht.
Und mit diesen Anlagen muss ich mich abfinden?Linz Nur bedingt. Jeder hat einen gewissen Spielraum. In unserer Anlage sind wir einerseits genetisch geprägt, aber es kommen natürlich noch die Erfahrungen in der Kindheit, etwa im Elternhaus dazu.
Eltern sind Sport-Vorbilder
Was müssen Eltern denn tun, um Kindern Spaß am Sport zu vermitteln?Linz Sie müssen ihnen vorleben, dass es schön ist, sich zu bewegen. Dann klappt das auch noch im Erwachsenenalter, weil man mit Bewegung gute Gefühle verbindet. Vielen wurden aber die positiven Gefühle in der Schule beim Sportunterricht ausgetrieben. Wer bloßgestellt wird, merkt sich das fürs Leben und schlussfolgert: Sport ist nix für mich. Das sind teilweise irreparable Schäden, die man auch durch gute Motivation nicht ungeschehen machen kann. Die Persönlichkeit eines Menschen ist spätestens mit der Volljährigkeit komplett geprägt und nur begrenzt zu verändern, da können wir so lange motivieren, wie wir wollen. Trotz dieser Prägung hat jeder noch Spielraum und Potenzial.
Warum ist man in jungen Jahren aktiv und wird mit den Jahren immer bequemer?Linz Für Kinder ist Bewegung etwas völlig Normales. Das sieht man schon daran, wie ungerne sie ruhig sitzen. Vielen jungen Menschen ist später die Anerkennung wichtig, die sie beim Sport erfahren. Mit dem Eintritt in den Beruf ändern sich oft die Lebensumstände. Der Job frisst viel Zeit, Familie und Freunde auch. Es wird schwieriger, sich Freiräume zu schaffen, um sich zu bewegen. Darunter leidet auch das Körpergewicht. Der Alltag bringt mit sich, dass man schnell mal was isst, spätabends noch zuschlägt und nicht immer die gesunde Variante wählt.
Was lockt mich an?
Wie kriegt man die Kurve, ohne sich zu kasteien? Linz Ich muss mir überlegen, was mir Genugtuung und Anerkennung verschafft, wenn ich mich bewegen will. Ist es das Joggen im Wald oder der Spaziergang? Ist es der Zehn-Kilometer-Lauf durch die Stadt, weil ich Publikum brauche, oder der Sportkurs im schicken Studio mit anderen? Es ist nicht entscheidend, wie ich mich bewege, sondern, was mich lockt.
Wozu brauchen wir diese verlockenden Aussichten?Linz Weil wir für alles, was wir tun, immer eine schnelle Belohnung wollen. Deshalb greifen wir so gerne zum Essen. Nichts geht schneller als der belohnende Griff zu einem Stück Schokolade.
Das Gefühl, dass man sich endlich durchgerungen hat, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen, macht uns nicht glücklich? Linz Die Erkenntnis, sich diszipliniert zu haben, befriedigt uns nicht. Deshalb ist Durchhalten so schwer. Ich muss mir überlegen, wie ich mich auf meinem neuen Lebensweg schnell belohnen kann.
Belohnung ist der Zauber
Und das wäre wie?Linz Wenn ich zum Beispiel eine Woche lang durchgehalten habe, erfülle ich mir sofort einen Wunsch. Man kann sich auch ein Glas hinstellen und jedes Mal, wenn man weniger gegessen oder sich mehr bewegt hat, eine bunte Murmel reinlegen. Dann hat man den Erfolg täglich vor Augen. Es ist total befriedigend, wenn sich das Glas im Lauf der Woche füllt. Das bringt mehr, als sich jeden Tag auf die Waage zu stellen.
Rückfälle sind frustrierend.Linz Das ist total normal. Rückfällig wird man vor allem in Stress-Situationen. Dann fange ich wieder an zu futtern und höre auf, Sport zu treiben, weil ich genug anderes um die Ohren habe. Das muss man in seine Zielplanung einkalkulieren. Dann verurteile ich mich auch nicht für mein Versagen, sondern kann sagen: Wusste ich. Ist nicht so schlimm.
Fällt der Neuanfang nach Rückfällen besonders schwer?Linz Je länger ich zögere, wieder neu zu beginnen, desto schwieriger wird es.
Wie viele Rückfälle darf ich mir denn leisten?Linz Wichtig ist, dass die Rückfälle die Ausnahme bleiben. Wenn nicht, dann muss ich ernsthaft überlegen, ob ich wirklich will, was ich mir vorgenommen habe. Und: Der Leidensdruck muss groß genug sein, sonst ändere ich nichts.
Wann ist der Leidensdruck groß genug?Linz Wenn ich mir mit voller Kraft sage: So, jetzt reicht es. Dann packe ich es an. So ein diffuses Gefühl von „So geht das aber nicht weiter“ reicht eben nicht.
Sollte man sich nicht auch ein wenig zwingen?Linz Nein, ich werde kein anderer Mensch sein, als ich bin, sondern ich muss mich fragen, was kann ich mit den Fähigkeiten und Vorlieben anfangen, die mir liegen.
Woher weiß ich, was mir liegt?Linz Indem ich mir klarmache, womit ich Erfolg hatte, was mir gefallen hat und was nicht. Leider stellen wir uns diese Fragen viel zu selten. Viele leben mehr oder minder vor sich hin, ohne sich zu hinterfragen.
Wer hilft bei der Eigenanalyse?Linz Ich kann Freunde fragen, welche Stärken oder Schwächen sie bei mir sehen, welche Vorlieben ich in ihren Augen habe.
Wie unterscheidet sich denn unser Selbstbild vom Fremdbild?Linz Weder ich selbst noch die anderen haben ein objektives Bild von mir. Das Selbstbild kann nie realistisch sein. Wir sehen einen Teil von uns nicht. Das ist vergleichbar mit dem toten Winkel im Seitenspiegel. Ich benötige die Aussagen der anderen, um eine annähernd richtige Analyse zu erhalten.
Mit dieser Erkenntnis und der Hilfe der anderen kann ich durchstarten?Linz Wir sind soziale Wesen und brauchen andere Menschen. Fast alles kreist um die Frage: Werde ich gemocht, wenn ich das tue? Darf ich so sein, wie ich bin? Darf ich rebellieren, oder muss ich mich anpassen? Etwa 80 Prozent unseres Verhaltens wird unbewusst gesteuert.
Was erwartet die Gesellschaft von unserer Erscheinung?Linz Wir haben uns der Schönheit, der Mode und den Körperformen untergeordnet – mit einem hohen Anspruch. Man muss schlank, wohl geformt und trainiert sein.
Passen wir uns da alle an?Linz Es gibt Menschen, die sind frei von solchen Zwängen. Aber woran auch immer man sich orientiert, man hat Erwartungen zu erfüllen. Dann muss ich eben ein Elektroauto fahren, nur Bio-Lebensmittel einkaufen und Ähnliches.
Das Gespräch führte Marie-Anne Schlolaut