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Jagd in NRWDie Lust am Jagen

7 min

Beobachten, Anschleichen, Überlisten und Beute machen - unzählige Menschen sind davon fasziniert.

Es ist im Wald gewesen. Eine Szene aus Jugendtagen. Mit dem Jäger auf der Pirsch. Er scheucht einen Hasen auf, der seine Haken schlägt und im Gehölz verschwindet. Solange wir auf dem klapprigen Hochsitz warten, bleibt noch Zeit für gute Geschichten mit reichlich Jägerlatein. Die vom Dorfgastwirt, der selten trifft, dafür aber berüchtigt ist für seine bewaffneten Waldspaziergänge und der die Stellen mit den dicken Pilzen kennt. Von den Treibjagden der lokalen Waldbesitzer, die jedes Mal auch ein gesellschaftliches Ereignis sind. Gespickt mit Einzelheiten über den sicheren Blattschuss, der das Wild im besten Fall zur Strecke und zugleich die schönsten Fleischstücke hervor bringt.

Im nächsten Augenblick verstummt der Jäger und hält den Atem an. Ein Moment, der wie in Zeitlupe vergeht. Er zielt, drückt ab – und trifft. Der Schuss hat gesessen. Parasitenbefall, eine kranke Ricke, konstatiert er nüchtern und routiniert. Später, als das Tier aufgebrochen und blutig-nass vor uns im Gras liegt, wird er die Würmer in der Lunge zeigen.

Rehrücken als Festtagsbraten

Es schwingt ein Hochgefühl in seiner Stimme. Und man erkennt den Glanz von Glück in seinen Augen. Viel später erst habe ich gelesen, dass selbst einer wie Otto von Bismarck behauptet haben soll, er sei nur einmal in seinem langen Leben wirklich glücklich gewesen. Und zwar zehn Minuten lang – nach dem Erlegen seines ersten Hasen.

Bis heute gilt ein frischer Rehrücken als Festtagsbraten, Paradestück der deutschen Küche, und Großmeister der internationalen Grand Cuisine halten Rehfleisch aus Deutschland für unerreicht. Doch während dem Liebhaber von Wildgerichten schon beim Gedanken an Preiselbeeren und geschmorter Holzbirne zum Braten das Wasser im Mund zusammenläuft, ist für andere das Ergebnis von Jagd schlichtweg Mord. „Unsere besten Imageträger in der Öffentlichkeit sind Wildbret und Waldpädagogik“, sagte Ralph Müller-Schallenberg einmal voller Optimismus über seine Zunft. „Bei köstlichem Rehbraten habe ich schon vermeintliche Jagdgegner weich werden sehen.“

87272 Jagdberechtigungen in NRW

Da war der Rechtsanwalt und Jäger aus Leverkusen im Jahr 2012 gerade neu gewählter Präsident des Landesjagdverbandes NRW. Und das heftig umstrittene ökologische Jagdgesetz, das im letzten Frühjahr gegen den Willen der Jäger in Kraft trat, war noch Zukunftsmusik. Seither ist viel passiert im Land mit den bundesweit meisten Jägern. Deren Zahl ist in Nordrhein-Westfalen zuletzt auf Rekordhöhe gestiegen – die Jägerschaft wuchs im Vorjahr um 4500 auf 87272 Menschen mit Jagdberechtigung. Laut Statistik töteten diese Jäger in NRW rund eine Million Wildtiere im Jagdjahr 2013/14.

Zwar ist die öffentliche Debatte um ihr Tun im Wald lauter und vor allem kontroverser geworden, doch die Aussage, dass Jäger aus purer Lust am Töten auf die Jagd gehen, fand zuletzt kaum einer richtig – 87 Prozent der Deutschen sind da anderer Meinung.

Gutes Image der Jäger

Das Image von Jägern in der Öffentlichkeit könnte besser kaum sein. Rund 80 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage des Instituts für Marktforschung und Kommunikation überzeugt, dass die Jagd notwendig ist, um Wildbestände zu regulieren und Wildschäden in Wald und Feld vorzubeugen. Dass Jäger die Natur lieben, denken sogar fast 90 Prozent. Den meisten ist bewusst: Deutschland ist immer noch ein waldreiches Land, aber Wildtiere lieben nun mal kleine Bäumchen, Eicheln und Bucheckern – so kann kein Laubwald sprießen. Ohne Büchse also wenig Naturverjüngung im Wald und auch kein Getreide- und Maisanbau im Feld. Bei so viel Konsens kam es einigermaßen überraschend, wie die Änderungen, die der grüne NRW-Umweltminister Johannes Remmel zuletzt ins Jagdrecht eingebaut hat, doch noch für derart heftige Verwerfungen sorgen konnten. Jäger gingen zu Tausenden auf die Straße. Viele halten die neuen Regeln für unsinnig und praxisfern, Tierschützer und Forstwirte haben sie jedoch seit Jahren gefordert.

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Verboten sind jetzt Totschlagfallen, die Fallenjagd an sich wird eingeschränkt. Auch dürfen Jäger ihre Hunde nicht mehr in den Bau von Füchsen oder Dachsen schicken. Der Grundsatz lautet „Wald vor Wild“, weshalb die Jagdzeit auf Rehböcke verlängert ist – ganz im Sinne der Waldwirtschaft. Da könnte die Luft etwas bleihaltig werden, möchte man unken. Aber nein, auch bleihaltige Munition ist künftig verboten. Giftiges Schwermetall soll nicht länger ins Grundwasser gelangen.

29 Tierarten dürfen gejagt werden

„Purer Lobbyismus“, urteilt Ralph Müller-Schallenberg, der von Verbotspolitik gegen Jäger und Grundeigentümer spricht und findet, jahrzehntelang bewährte Jagdpraxis in Nordrhein-Westfalen sei „zum Abschuss freigegeben“ worden. Kaum einer kennt die Fallstricke im neuen Gesetzbuch besser als der Verbandschef. Im Kern der Jäger-Kritik stehen die Liste jagdbarer Arten und neue Jagdzeiten auf Haar- und Federwild. Nur 29 von ehemals hundert Tierarten fallen noch unter das Jagdrecht und die Hege der Jäger, für viele – darunter Greifvogel und Luchs – sind jetzt Tierschutz-Experten zuständig. NRW ist Hasenland Nummer eins in Deutschland, aber die Bestände sind rückläufig, weshalb Feldhasen nur im Herbst bejagt werden dürfen. Schonzeit auf fünf Jahre haben das gefährdete Rebhuhn und die Waldschnepfe.

Auch Katzen geraten vor die Flinte

Auch streunende Katzen – nach Meinung der Jäger eine nennenswerte Bedrohung für Brutvögel am Boden und im Baum – sind für die Flinte tabu. Artenschutz gehe anders, schimpfen die Jäger und prognostizieren fatale Folgen. Noch vorige Saison haben sie in NRW mehr als 7000 wildernde Katzen zur Strecke gebracht. Nur eine einzige, rechnen sie vor, erbeute bis zu tausend Vögel im Jahr. Die Empörung ist groß.Wer das politische Gezerre zwischen Naturfreunden, Tierschützern und Jägern ergründen will, der muss zur Kenntnis nehmen: Der Wald und was im Schutz der Bäume vor sich geht, hat die Deutschen schon immer heftiger bewegt als andere Nationen. Der Waidmann als tüchtiger Held mit Herz und Verstand genießt schon in den Märchen der Brüder Grimm einen tadellosen Ruf. Vom vielleicht spezifisch deutschen Naturbewusstsein zeugen die Lieder der Romantik, die Überhöhung des Waldes bei den NS-Ideologen, ja auch die Horrorvision vom Baumsterben in den Achtzigern. Und die wachsende Zahl von Friedhöfen im Forst, der jüngste Trend im waldverrückten Deutschland.

"Ich bin Jäger und stolz darauf"

Ein hochemotionales Thema: Es geht um die Beziehung zwischen Mensch und Wildtier. Es geht um das Wesen der Jagd. „Wir müssen den Mut haben, zu sagen: Ich jage, weil es mir Spaß macht!“, meint Filippo Segato, Generalsekretär des europäischen Jagdverbandes „Federation of Associations for Hunting & Conservation Europe“: „Wir müssen die kulturellen Werte und das Menschliche hervorheben. Wir brauchen Menschen, die sich bekennen: Ich bin Jäger und stolz darauf.“

Mehr Frauen, mehr junge Menschen

Da ist es wieder, das Pathos: Es gibt eben keine Lieder und Gedichte über Schalenbewirtschaftung, Wildtiermanagement und wildbiologische Lebensraumverbesserung. Aber über die Jagd. Deutschlandweit stieg die Zahl der Jagdscheinbesitzer vergangenes Jahr auf fast 370000. Nur etwa 1000 von ihnen sind Berufsjäger, der Rest geht in der Freizeit jagen, manche in jeder freien Minute. „Die Jagd wird immer beliebter – zunehmend auch unter jungen Leuten, die die Natur und das traditionelle Handwerk für sich entdecken“, sagt Hartwig Fischer, Vorstand im Bundesverband der Jäger. Ihn freut, dass mehr Frauen dabei sind: In den Jungjägerkursen liegt ihr Anteil bei etwa 20 Prozent.

Viele kommen über ihren Hund zur Jagd – wenn sie merken, dass sie sich einen Jagdhund zugelegt haben und der Jack-Russel-Terrier im Wald begeistert an der Leine zieht. Hauptmotiv der Anwärter sei aber das „Zurück zur Natur“, sagt ein Verbandssprecher. Den meisten gehe es um gesundes Essen, selbst geschossenes Fleisch und angewandten Naturschutz.Viele scheuen die Aussage, dass es eine Lust ist, Beute zu machen. „Wir gehen nicht zur Jagd nur um zu töten, aber es ist natürlich schöner, wenn man Beute macht“, erörtert Europa-Chef Segato vorsichtig im Interview. Selbstverständlich auf nachhaltige Weise.

Fleischgenuss für das Hirn

In Wahrheit aber ist es wohl eine archaische Freude am Beobachten, am Anschleichen, Überlisten, Nachstellen und Erlegen, die die Faszination ausmacht. Schließlich, und darauf berufen sich die Waidwerker, übe die Menschheit die Jagd seit Tausenden Jahren aus. Mehr noch: Ohne Jagd kein Homo Sapiens, sagen Wissenschaftler. Das moderne Raubtier Mensch wurde aus der Jagd geboren. Erst Fleischgenuss ließ das Hirn des frühen Ahnen wachsen, sodass er sich entwickeln konnte. Für den Urjäger war das Wild Lebensgrundlage. Für den passionierten Freizeitjäger des 21. Jahrhunderts ist es immer noch dies: Lebensinhalt.