Schreiben ist Folter“, sagt Åke Edwardson. „Aber es ist nun einmal das, was ich am besten kann.“ Wir stehen in seinen Arbeitsräumen im „Konstepedemin“, dem ehemaligen Seuchenkrankenhaus von Göteborg. Heute ist der weitläufige Gebäudekomplex ein Kunstzentrum und beherbergt rund 100 Galerien, Ateliers, Bühnen und Musikstudios. Auf dem Boden von Edwardsons Zwei-Zimmer-Atelier stapeln sich CDs und alte Schallplatten. Die Hüllen sind verblasst und abgewetzt. Ein deckenhohes Regal ist bis obenhin vollgepackt mit Büchern.
James Ellroys Thriller sind darunter, was kein Wunder ist. „Die schwarze Dahlie“, das bekannteste Werk des amerikanischen Noir-Autors, war maßgeblich beteiligt am Karrierestart Edwardsons. Inzwischen hat der Mann aus Vrigstad in Småland, Vater zweier erwachsener Töchter, mehr als 20 Bücher geschrieben und sie wurden weltweit millionenfach verkauft: Kinderbücher, Kurzgeschichten, Essays, Sachbücher, Romane. Und natürlich Krimis, darunter eine bestsellerträchtige Reihe um den melancholischen Göteborger Kriminalkommissar Erik Winter.
Åke Edwardson ist einer der erfolgreichsten Krimiautoren Schwedens. Bekannt wurde er durch seine Reihe um Kommissar Erik Winter. Der elfte Band „Das dunkle Haus“ ist kürzlich in deutscher Übersetzung erschienen.
Lesung: Mittwoch, 24.9., 21 Uhr, Rautenstrauch-Joest-Museum, Cäcilienstraße 29-33, Köln. Eintritt: VVK 14,90, AK 18,90 Euro.
In Schweden ist im vergangenen Jahr der zwölfte Teil der international erfolgreichen Serie erschienen. In Deutschland kam kürzlich Band Nummer elf auf den Markt, „Das dunkle Haus“, aus dem der Autor am 24. September anlässlich der „Crime Cologne“ lesen wird.
Das Schreiben jedes einzelnen Romans sei eine Qual gewesen, sagt Edwardson. Auf seinem Kopf sitzt ein alter brauner Hut, den er nur selten abnimmt, seine Beine stecken in abgewetzten Jeans. Auch sie haben schon bessere Tage gesehen. „Ich glaube, ich bin eine Borderline-Persönlichkeit. Vormittags mache ich mich selber fertig. Abends tanze ich auf dem Tisch, weil ich wieder ein paar Seiten geschafft habe.“
Heute morgen erst, vor unseren Treffen, habe er sich zwei, drei Seiten eines neuen Romans von der Seele gequält. „Mein bislang schwierigstes Projekt.“ Ein Mann, nicht mehr jung, reist nach Südostasien, um das Verschwinden seiner Tochter aufzuklären. Nein, kein Krimi, sagt Edwardson, sondern „die Geschichte von der Suche eines Mannes nach sich selbst und nach seinem jüngeren Ich“.
Mehrere Monate ist der 61-Jährige im vergangenen Jahr durch Südostasien gereist, um für den Roman zu recherchieren, auch er ein Mann auf den Spuren seiner Selbst. Mit 20, nach dem Zivildienst, war Edwardson ein Jahr lang in Asien unterwegs: Afghanistan, Pakistan, Indien, Kaschmir, Thailand – die frühere „Hippieroute“, die längst zu gefährlich geworden ist für junge Reisende. Anschließend ein Journalistikstudium in Göteborg. Lehraufträge an der dortigen Uni. Recherchereisen für diverse Zeitungen. Reportagen, die immer länger wurden.
Irgendwann habe er angefangen, Personen und Ereignisse zu erfinden, um seine Artikel noch bunter und lebendiger zu machen, erinnert sich Edwardson. „Das ging natürlich überhaupt nicht. Einerseits gab ich an der Uni Kurse über Journalismus. Andererseits schrieb ich Artikel, in denen nicht alles der Wahrheit entsprach. “ Edwardson überlegte, auszusteigen aus dem Zeitungsgeschäft. „Ich wollte testen, ob ich auch Fiction verfassen kann. Ob ich in der Lage bin, überzeugende Charaktere zu erfinden, Dialoge zu verfassen.“
Anfang der 90er Jahre setzte er seinen Wunsch in die Tat um. Er schrieb – nachts und an den Wochenenden – seinen ersten Krimi: „Allem, was gestorben war.“ Zwei Jahre später wurde die Geschichte um den Göteborger Privatdetektiv Jonathan Wide von einem kleinen Verlag veröffentlicht – und erhielt prompt den Schwedischen Krimipreis für das beste Debüt des Jahres 1995. Auch der Folgeband „Geh aus, mein Herz“ wurde ein Achtungserfolg.
„Anfangs haben sich alle darüber totgelacht, dass meine Krimis im beschaulichen Göteborg spielten“, erinnert sich Edwardson. Inzwischen hat die Wirklichkeit seine fiktiven Schreckensszenarien sogar noch überholt. Göteborg ist die Stadt mit der größten Bandenkriminalität in Schweden. „Es gab Zeiten, da hatten wir jede Woche einen Toten.“ Autos brannten, der Drogenhandel explodierte. „Dinge, von denen ich vier, fünf Jahre zuvor geschrieben hatte, fanden plötzlich realiter auf unseren Straßen statt. Irgendwann dachte ich: Vielleicht hörst du lieber auf, so ein Zeug zu schreiben. Wer weiß, was sonst noch alles passiert.“
Mit dem ersten Band der Eric-Winter-Reihe „Tanz mit dem Engel“ begann 1997 die unaufhaltsame Erfolgsgeschichte des Krimiautors Åke Edwardson. „Anfangs mochte ich den Kerl nicht einmal“, erinnert der sich. „Ein Snob, der sich hinter seinen italienischen Maßanzügen verschanzte wie hinter einer Ritterrüstung. Beziehungsunfähig, arrogant, sexbesessen.“ Er habe Winter mit Bedacht genau so angelegt, sagt Edwardson: als Unsympathling mit Entwicklungspotenzial. „Eine Figur muss ausbaufähig sein, wenn sie als Serienheld taugen soll. Man muss immer wieder neue Seiten an ihr entdecken können, sonst wird sie langweilig.“
Heute ist ihm „der Kerl“, inzwischen ein zweifacher Familienvater, ans Herz gewachsen. „Winter ist mein Freund geworden. Immerhin habe ich in den vergangenen 17 Jahren mehr Zeit mit ihm verbracht als mit meiner Familie.“ Mehr noch: Zwischen dem Autor und seiner Figur scheint eine fast symbiotische Beziehung zu bestehen. „Wenige Monate nachdem Winter ein Burn-out hatte, passierte mir etwas Ähnliches. Ich brach zusammen. Seinen Tinnitus habe ich inzwischen ebenfalls geerbt.“
Dennoch hat Edwardson den Freund vor sechs Jahren vor die Tür gesetzt. Der zehnte Band war beendet, das Ende der Serie beschlossen. Winter, ausgebrannt und erschöpft, geht mit seiner Familie nach Spanien. „Ich wollte keine Krimis mehr schreiben“, erinnert sich Edwardson. „Ich hatte mit dieser Serie mein Bestes gegeben und gezeigt, wie ein guter Krimi aussehen kann: vielschichtig, empathisch, voller Emotionen.“
Doch Winter ließ sich nicht so leicht abschieben. „Ich stelle mir vor, dass mein alter Freund allein und stocksteif wie eine Statue in einem dunklen Zimmer sitzt und nur darauf wartet, dass ich ihn wieder zum Leben erwecke.“ 2012 tat Edwardson dem Freund den Gefallen. Er schrieb einen elften Band.
„Das dunkle Haus“ erzählt die Geschichte der Wiederkehr Winters nach Göteborg in den Polizeidienst. Eine alleinerziehende Mutter und ihre Kinder werden ermordet in einem einsamen Haus aufgefunden. Nur die jüngste Tochter überlebt. Ist der getrennt von der Familie lebende Vater der Täter?
Ein Buch so düster wie sein Titel. Edwardson grinst. „Alle meine Bücher sind düster.“ Er zieht die Tür seines Arbeitszimmers hinter sich zu. Vielleicht wird er später zurückkommen und noch ein paar Seiten schreiben. Damit er auch heute Abend vor Freude auf dem Tisch tanzen kann.
