Kinofilm „Paranza”Umweltdrama von Mafia-Autor Roberto Saviano verfilmt

Unterwegs zum nächsten Coup
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Ein riesiger Weihnachtsbaum steht im prächtig geschmückten Einkaufszentrum. Der 15-jährige Nicola (Francesco Di Napoli) und seine Bande haben es auf das große Schmuckstück abgesehen, als eine konkurrierende Gang herbeistürmt. Nicola klettert in den Baum und lässt sich nicht abschütteln, bis seine Freunde die Feinde in die Flucht geschlagen haben. Die Trophäe wird mit vereinten Kräften aus der Shopping-Mall gezerrt und der Sieg mit einem großen Feuer gefeiert, um das die Jungs in Kriegsbemalung herumtanzen.
Das kindliche Ritual zu Beginn von Claudio Giovannesis „Paranza – Clan der Kinder“ zeigt die enorme, pubertäre Energie der Jugendlichen, die sich mit tollkühner Entschlossenheit nehmen, was ihnen nicht gehört. Es sind Kinder, die Gefahr als Spiel begreifen, und es sind Jungs, die sich danach verzehren, endlich Männer sein zu können.
In ihrer Heimatstadt Neapel liefert das System der Mafia ihnen eine Abkürzung. Nicola und seine Freunde bieten sich dem lokalen Paten als Drogenhändler an und verticken vor der Uni Marihuana. Aber Nicola ist ein Heranwachsender mit Ambitionen: Als der Großteil des Clans bei einer Hochzeit von der Polizei festgenommen wird, besorgen sich die Minderjährigen automatische Waffen, um die drei verbliebenen Statthalter aus dem Viertel zu jagen. „Spiel doch Fußball. Die verdienen viel Geld“, sagt der ausrangierte Don, der unter Hausarrest steht und die hungrigen Nachwuchsmafiosi schließlich mit Pistolen und Maschinengewehren ausstattet. Ein paar Anschläge später haben die Jungs die kriminelle Macht im Viertel Sanità an sich gerissen. Auf Schutzgelder verzichten sie. Aber schon bald merkt Nicola, dass der Bandenkrieg kein Spiel mehr ist und ihn die ersehnte Macht nicht nur zum Mann, sondern auch zum Mörder werden lässt.
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Mit „Paranza“ verfilmt Giovannesi den gleichnamigen Roman von Roberto Saviano. Seit seinem 2006 erschienenen Buch „Gomorrha“ gilt Saviano als ausgewiesener Mafia-Experte, dessen sorgfältig recherchierten Werke regelmäßig als Vorlage für Kinofilme und TV-Serien dienen. Dieser Hauch von Authentizität weht auch durch „Paranza“, der vornehmlich mit jungen Laiendarstellern aus Neapel besetzt wurde. Und so sind die jungen Schauspieler auch das eigentliche Kapital des Films. Vor allem der fabelhafte Franceso Di Napoli verkörpert die Entschlossenheit, Fragilität und adoleszente Energie seiner Figur mit enormer Leinwandpräsenz. Diese Energie treibt auch den dynamischen Erzählfluss an, der erfolgreich verschleiert, dass sich die Story mehr an Genrevorlagen orientiert als an der Widerspiegelung der Wirklichkeit.
Dazu gehört vor allem die Zwangsläufigkeit, mit der die kriminelle Karriere der Minderjährigen kein gutes Ende nimmt. Innerhalb dieser narrativen Begrenzungen zeichnet Giovannesi dennoch ein genaues Bild einer Gesellschaft, in die sich das organisierte Verbrechen tief eingeschrieben hat und sich kriminelle Gewalt für Jugendliche als naheliegende, selbstverständliche Alternative zum Leben an der Armutsgrenze erscheint.


