Herr Feder, warum Pflanzen – und nicht zum Beispiel Tiere?
Jürgen Feder: Als Kind habe ich mich für Vögel interessiert. Aber ich war zu ungeduldig. Ich bin jemand, der nicht nur warten, sondern die Dinge gerne sehen will. Also bin ich zu den Pflanzen übergegangen. Schon als Schüler konnte ich viele identifizieren, in meiner Gärtnerlehre habe ich dann immer mehr kennen gelernt. Es hat sich stetig entwickelt. Das Schöne ist: Es gibt so viele Arten, viel mehr als bei den Vögeln. Und ich mag die Farben, ich ziehe mich auch selber gerne bunt an. Dazu kommt: Pflanzen verändern sich das Jahr über, das ist spannend. Sie bekommen Blätter, Knospen, Blüten, Früchte. Meine Eltern hatten immer einen schönen Garten, mein Vater hatte Weinstöcke. Das hat mich wohl auch geprägt.
Was fasziniert Sie denn besonders an einem Gewächs?
Feder: Da gibt es so vieles. Haben Sie sich schon mal mit der Lupe Öldrüsen angeschaut, die zum Beispiel der Steinbrech hat? Das sind Mini-Stiele mit einer kleinen Kugel drauf. Ein Verdunstungsschutz. Der Sonnentau ist zum Beispiel total drüsig, denn im Moor, wo er wächst, kann es im Sommer sehr heiß werden. Andere wie Edelweiß haben feine Haare, wie Filz. Damit schützen die sich gegen Hitze. Aber Pflanzen am Teich zum Beispiel, die haben zu viel Wasser. Die wollen was loswerden, die wollen verdunsten. Die sind völlig kahl, die haben keine Haare!
Die Überlebensstrategien der Pflanzen interessieren Sie?
Feder: Ja. Mich fasziniert, wie die das schaffen. Ein Mensch kann weggehen, ein Tier kann weglaufen, ein Insekt wegfliegen, wenn ihm was nicht passt. Eine Pflanze kann nicht weg, überlebt trotzdem – und blüht auch noch so toll. Ich bewundere das. Eine Birke wirft im heißen Sommer zum Beispiel ihre Blätter ab. Die ist schlau und sagt sich: „lieber erst nächstes Jahr wieder“.
Gibt es Pflanzen, die Sie besonders mögen?
Feder: Mich interessieren vor allem die Kleinen. Die Krähenfuß-blättrige Laugenblume zum Beispiel, sie wird nur etwa zehn Zentimeter hoch. Sie wächst auf Weiden, die an der Nord- und Ostsee auch schon mal von Wasser überspült werden. Da komme ich auf eine Wiese und sehe Millionen dieser kleinen gelben Punkte, das ist einfach ein toller Anblick! Aber auch Große mag ich. Zum Beispiel die Hundsrose mit ihren einfachen, aber so gut riechenden Blüten. Die finde ich einfach viel schöner als eine Kulturrose.
Bisher hatten Botaniker, wenn sie nicht gerade Weltreisende waren, kein Abenteurer-Image. Doch Sie meistern jede Widrigkeit, um an eine Pflanze zu kommen. Muss man unerschrocken sein?
Feder: Ja. Wenn ich unterwegs bin ist das schon etwas anderes, als einfach in der Stadt zu bleiben. Zäune interessieren mich nicht. Wenn ich mich daran hielte, könnte ich ja nichts mehr entdecken. Das meiste mache ich mit dem Fahrrad, früher bin ich bis zu 100 Kilometer am Tag gefahren und habe draußen übernachtet. Heute habe ich das Rad mit in meinem Auto. Ich habe es auch schon mal durch einen Bach getragen, da ging mir das Wasser bis zum Bauchnabel.
Was treibt Sie in solchen Situationen an?
Feder: Die Neugier. Außerdem steht ja dahinter: Wir Botaniker erfassen die Arten. Über Vergleiche können wir einen Wandel beobachten, erkennen, wenn Arten seltener werden, sie auf die Rote Liste der vom Aussterben bedrohten Arten nehmen und sie schützen.
Warum ist die Artenvielfalt denn wichtig?
Feder: Man zieht ja auch nicht immer die gleichen Klamotten an. Und Pflanzen bekleiden unsere Welt. Wir Botaniker wollen möglichst alles retten. Man weiß ja nie, wozu es noch mal gut ist. Die Inhaltsstoffe von Pflanzen, die jetzt bedroht sind, könnten irgendwann mal wichtig sein, was wir jetzt überhaupt noch nicht ahnen. Der Verlust einer Pflanzenart ist wie die Zerstörung von Weltkulturerbe im Kleinen. Sie ist ein Teil von unserer Welt, irgendwie entstanden, daher sollten wir sie erhalten. Jeder ist gerne in der Natur und erfreut sich daran, jeder hat das Recht, sich inmitten von Schönheit aufzuhalten.
Warum Jürgen Feder am liebsten Grieche wäre, lesen Sie auf der nächsten Seite.
Wie können Sie bei einer Kartierungs-Exkursion sicher sein, alles erfasst zu haben?
Feder: Man kann nie alles sehen. Man muss ein bisschen ein Näschen haben, wo interessante Pflanzen sein können. Ich gucke mir zum Beispiel einen Acker an, total intensiv. Dann erkenne ich, was auf dem Boden in Betracht kommt und was nicht. Danach gehe ich in einen Wald: ist es ein Laub- oder ein Nadelwald, ist er feucht, ist er trocken? Dann weiß ich schon ungefähr, was zu erwarten ist. Danach gehe ich zum Gewässer. Auf den Kartierungslisten, die es für jedes Gebiet gibt, hake ich ab, was ich gesehen habe.
Aber es gibt doch zu unterschiedlichen Jahreszeiten unterschiedliche Pflanzen?
Feder: Ich bin in jedem Gebiet drei bis vier Mal pro Jahr unterwegs. Im Mai brauche ich zum Beispiel noch gar nicht an die Gewässer. Das Wasser muss sich erst erwärmen. Dafür kann ich bis Oktober hin und Pflanzen bestimmen. Herrlich, wenn im Herbst das Wasser wärmer ist als die Luft und Nebel aufsteigt! In die Alpen fahre ich erst im Sommer. Vorher blüht da nix. Aber die Vegetation ist dort schnelllebig. Im Juli sind da ganz andere Pflanzen als im September. Vieles erkenne ich inzwischen schon lange bevor es blüht.
Sie sind in Deutschland unterwegs, Ihr Schwerpunkt als Kartierer liegt auf Bremen und Niedersachsen. Reizt Sie nicht auch die Flora anderer Länder?
Feder: Am liebsten wäre ich Grieche. In Deutschland gibt es etwa 7000 Pflanzenarten, in Griechenland 28 000. Alleine auf Rhodos existieren 150 Arten, die es nur dort gibt. Ich würde mich freuen, die mal erforschen zu können. Aber ich brauche die Pflanzen in meiner Nähe, will sie immer mal wieder sehen. Daher beschränke ich mich auf Deutschland. Hier bin ich auch Experte. Setzen Sie mich in Italien aus – da kenne ich nichts. Aber ich lerne immer noch was dazu. In Bayern gibt es zum Beispiel tolle Arten – da habe ich mal an einem Tag 60 neue gesehen. Im Herbst will ich an die Oder.
Wenn man Sie über Pflanzen sprechen hört, wird man von Ihrer Begeisterung richtig angesteckt. Warum gehen Sie erst jetzt, mit über 50, an die Öffentlichkeit?
Feder: Es hat mich vorher keiner entdeckt. Dafür gibt es jetzt einige Fans, die immer wieder mitwandern, wenn ich eine Exkursion mache. Viele junge Leute sind dabei, Teens und Twens, die kennen mich von Stefan Raab. Ich will mich menschlich zeigen, als Naturfreak, aber nicht als Fachidiot. Ich komme vielleicht mal skurril rüber, aber damit spiele ich auch. Wenn ich ein bisschen was erreichen kann, bin ich froh. Das wird keine Welle, die alles mitreißt. Aber es ist gut so, wie es ist.
Was ist Ihre Mission?
Feder: Letztens saß ich im Zug. Alle im Abteil starrten auf ihre Handys. Keiner guckt mehr raus, keiner geht mehr raus. Ich versuche den Leuten zu sagen: Geht raus, entdeckt selber was! Fahrt los und wartet ab, was passiert. Ich sehe zum Beispiel selten Männer, die sich mit Blumen, mit etwas so Zartem, beschäftigen. Das ist schade, denn so eine Seite hat doch jeder. Ich bin ja auch nicht nur so, kann auch ganz raubeinig sein und über meine Grenzen gehen.
Haben Sie einen Garten?
Feder: Nein, ein Garten ist für mich unnütz, weil ich ja so gerne woanders bin. Ich habe auch keine Lust, darin zu arbeiten. Das ist mir lästig. Klar, im Garten meiner Freundin mache ich schon mal was. Aber heute Abend fahren wir an die Aller, da blüht gerade die Schwanenblume. Es wird ein rosa Band von Blüten geben, das sich am Fluss entlangzieht!
Das Gespräch führte Ina Sperl