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PHILOSOPHIEEthik gegen die Epidemie

6 min

Ein Mädchen in der liberischen Hauptstadt Monrovia.

Professor Pogge, anstatt als Schreibtischphilosoph zu arbeiten, wollen Sie die Welt verändern. Sie setzen sich für die globale medizinische Gerechtigkeit ein, was angesichts der Ebola-Epidemie in Afrika besondere Aktualität hat. Warum sollten Pharmafirmen ihrem Konzept folgen, Medikamente zum günstigsten Preis anzubieten, wenn es auch teurer geht?

Thomas Pogge: Der Hauptgrund ist, dass sie statt des verlorenen Aufpreises ja eine andere Belohnung bekommen, nämlich eine jährliche Prämie, deren Höhe sich nach den durch das jeweilige Medikament erzielten Gesundheitsauswirkungen richtet. Bei wirklich wichtigen Medikamenten für häufig auftretende Krankheiten kann dabei schon eine recht ansehnliche Summe herausspringen. Hinzu kommt, dass eine Firma, die ein Medikament zum Kostenpreis und damit auch für arme Patienten in aller Welt erschwinglich verkauft, natürlich in der Öffentlichkeit ein weit besseres Ansehen genießt als eine andere, die auf die Herstellungskosten 4000 Prozent draufschlägt. Auch Angestellte solcher Firmen, Forscher zum Beispiel, würden viel lieber an Projekten arbeiten, deren Ergebnisse der großen Mehrheit der Menschheit zugute kommen. Momentan ist es mit dem Ansehen der Pharmaindustrie nicht gerade weit her, was diese Firmen politisch verwundbar macht.

Prof. Thomas Pogge lehrt Philosophie und internationale Angelegenheiten an der Yale University in New Haven (USA).

Was ist also zu tun?

Pogge: Um diese weit verbreitete Ablehnung zu überwinden, müssten die Hersteller viel mehr für Kranke in den armen Ländern tun. Der Health Impact Fund (eine Stiftung, die Thomas Pogge vorschlägt, d. Red.) würde es ihnen ermöglichen, genau dies zu tun und das noch auf profitable Weise. Viele Pharmafirmen tun ja schon auf freiwilliger Basis etwas für arme Patienten, aber halt nur so ein bisschen. Und was sie machen, kostet sie Geld. Im Gegensatz hierzu könnten sie mit Hilfe des Health Impact Fund viel mehr ausrichten und daran sogar noch verdienen.

Was beinhaltet dieser Health Impact Fund genau?

Pogge: Der Health Impact Fund (HIF) bietet einen zweiten Weg an, auf dem sich die erheblichen Kosten der Erforschung und Entwicklung eines neuen Medikaments rentieren können. Der erste Weg ist der konventionelle: Man lässt das Medikament patentieren und verkauft es bis Ablauf des Patents mit einem sehr hohen Aufpreis. Der zweite Weg ist die von uns vorgeschlagene, zusätzliche Option: Man verpflichtet sich, das Mittel zum Kostenpreis zu verkaufen, und erhält im Gegenzug zehn Jahresprämien für den gemessenen Gesundheitsgewinn. Die Prämien kämen aus einem mit zunächst zirka sechs Milliarden Dollar pro Jahr ausgestatteten Fond.

Wer finanziert ihn?

Pogge: Die Kernfinanzierung käme von Regierungen. Das bietet Unternehmen die Sicherheit, dass sie über ein Jahrzehnt lang die Prämien auch wirklich erhalten. Die Pharmafirmen werden so in die Lage versetzt, ihre HIF-gemeldeten Medikamente zu niedrigen Preisen anzubieten. Das bisherige System schafft die falschen Anreize: Medikamente an möglichst viele Menschen möglichst teuer zu verkaufen. Der HIF belohnt hingegen die Hersteller für die Wirkung ihrer gemeldeten Produkte: für durch sie gewonnene Lebensjahre und verbesserte Gesundheit.

Ist das auch aus Sicht der betroffenen Länder günstig? So gibt es für sie doch keine Anreize, selbst solche Unternehmen zu gründen.

Pogge: Das sehe ich nicht so. Im Moment ist die Pharmaindustrie auf wenige Länder konzentriert. Der Health Impact Fund würde die Balance zugunsten der Entwicklungsländer verschieben, dadurch, dass er Anreize zur Erforschung der vorwiegend arme Menschen betreffenden Krankheiten gibt. Bei dieser Forschungsarbeit sind Firmen in den Entwicklungsländern viel wettbewerbsfähiger. Denn zum einen sind das Krankheiten, bei denen die westlichen Firmen noch keinen Forschungsvorsprung haben. Zum anderen muss die Arbeit dort durchgeführt werden, wo die Menschen mit diesen Krankheiten leben.

Karl Marx sagte, die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt aber darauf an, sie zu verändern. Ist es nicht ein Problem, dass die Philosophie nicht die eine Antwort auf die Frage nach Gerechtigkeit geben kann, sondern unzählige?

Pogge: Es ist schon richtig, dass wir keine einheitliche Gerechtigkeitskonzeption haben, über die wir uns einig sind, zumindest nicht auf globaler Ebene. Aber was passiert denn? Die Philosophen betonen ihre Unterschiede, denn das zeigt Kreativität. Man will auf keinen Fall, dass man dieselbe Meinung vertritt wie irgendein anderer, denn dann würde man ja nur als ein kleines Anhängsel erscheinen. Dadurch geben wir Philosophen der Welt den Eindruck, dass wir uns auf nichts einigen können. Besser wäre es, wenn wir in der Öffentlichkeit wichtige Übereinstimmungen betonen würden. Ich versuche, eine solche weithin teilbare Position zu artikulieren. Sie basiert auf der minimalistischen Prämisse, dass wir eine schwerwiegende Pflicht haben, die Menschenrechte nicht zu verletzen. Allerdings versuche ich zu zeigen, dass man selbst mit dieser minimalistischen Prämisse sehr starke Folgerungen begründen kann.

Thomas Pogge: „Weltarmut und Menschenrechte“, De Gruyter, 389 Seiten, 39,95 Euro

John Rawls: „Eine Theorie der Gerechtigkeit“, Suhrkamp, 688 Seiten, 23 Euro

Sie haben von einem Gespräch mit Ihrem Lehrer John Rawls erzählt, in dem Sie ihn gefragt haben, wie viel er von seiner Theorie umgesetzt habe. Er antwortete: Fragen Sie die Ökonomen. Sie sind ein Denker gegen die Armut. Wie steht es mit Ihrer Theorie?

Pogge: Sicherlich bin auch ich mit der Umsetzung nicht weit gekommen. Das ist frustrierend. Ich spreche oft mit Menschen, die politische Macht haben, Politikern oder Geschäftsleuten. Auch wenn sie meine Ideen teilen, tun sie nichts, weil sie der Meinung sind, dass sich nichts verändern lässt. Die große Demoralisierung der vergangenen 30 Jahre macht es sehr schwer, Menschen für etwas zu mobilisieren. Gemeinsam könnten wir mit einigen zehntausend Menschen sehr leicht die Bundesregierung zu einer anderen Politik bewegen. Aber es gibt nicht einmal 20 000 Menschen in diesem Land, die bereit wären, sich wirklich zu engagieren, um die unglaublich große Zahl von armut- und hungerleidenden Menschen zu reduzieren. Jeder ist privat gegen die Armut, aber nur ganz wenige sind zu ernsthaften Versuchen bereit, dagegen anzugehen.

Wie sähe der Protest denn aus?

Pogge: So, wie wir in den 60er und 70er Jahren aktiv geworden sind gegen den amerikanischen Krieg in Vietnam. Wir haben Demonstrationen organisiert, Teach-ins gemacht, versucht, Menschen im Gespräch zu überzeugen, wir waren präsent in den Medien. 20 000 standhafte Menschen könnten das Armutsthema an die Öffentlichkeit bringen und sich dafür einsetzen, dass die neuen Entwicklungsziele ambitionierter formuliert und ehrlicher überwacht werden als das bei den Millenniumszielen, die 2015 auslaufen, der Fall war.

Das Gespräch führte Michael Hesse