Bernd Stollenwerk kocht jetzt lateinamerikanisch. Wie das gelingt.
Henns GeschmackssacheIm „El Barrio“ in Ehrenfeld gibt es Burritos vom Spitzenkoch

„El Barrio“ in Ehrenfeld: Bemerkenswert ist auch die Cocktail-Karte.
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Bisher habe ich nie innerhalb eines Jahres zweimal ein Restaurant desselben Kochs bewertet. Tatsächlich ist Bernd Stollenwerk aber auch ein Koch, der wie wenig andere für stetigen Wandel steht. Unter anderem kochte er in seiner langen Karriere im Ambiance am Dom, im Nada, im Victorian in Düsseldorf, im Casino Zollverein in Essen und natürlich im Gut Lärchenhof in Pulheim, wo er einen Michelin-Stern erhielt. Diesmal hat Stollenwerk aber nicht das Restaurant gewechselt, sondern dieses hat sich verpuppt.
Im letzten Januar schrieb ich über das recht frisch eröffnete Lokal unter seinem Namen „Herr Stollenwerk“, schon im Juni 2025 wurde daraus das „El Barrio“ samt neuem Interieur. Statt französischer nun lateinamerikanische Speisen. Statt Doradenfilet mit Oktopus-Bolognese jetzt Nachos. Das nenne ich mal einen heftigen Wechsel, erst recht für einen Koch, den man mit Haute Cuisine in Verbindung bringt.

Barrio-Inhaber Ramazan Palanli
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Schönes Interieur, herzlicher Service
Hübsch ist das „El Barrio“ auf jeden Fall geworden. Großformatige Gemälde von Musikern und Künstlern wie Frida Kahlo zieren die Wände, aber auch Che Guevara hat einen Platz hier gefunden. Dazu kommt passende Musik aus den Boxen, die Espresso-Maschine röhrt laut, der Service ist herzlich. Die Speisekarte listet 16 Tapas, fünf Vorspeisen, fünf Salate, an Hauptspeisen Burritos, Burger, Fajitas, sowie Steaks vom Grill, und als süßes Finale zwei Nachtische. In der Vorweihnachtszeit gab es eine Zusatzkarte, die unter anderem Maronensuppe, Hirschragout mit Spätzle, Gänsebraten und – noch überraschender – Wok-Gemüse in Thai Curry auflistete. Das mochte saisonal zum Teil passen, war stilistisch aber doch sehr weit weg von Lateinamerika und wirkte dadurch etwas wahllos.

Die Albondigas - Hackfleischbällchen - gelingen mit der Tomaten-Paprika-Sauce angenehm fruchtig.
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Bei den Tapas der festen Karte liefert Stollenwerk auf jeden Fall souverän ab. Ob es die Pimientos de Padrón mit Flor de Sal sind, oder die klein gewürfelten und knusprigen Patatas Bravas mit Salsa-Sauce. Bei den Albondigas (Hackfleischbällchen) gelingt ihm die Tomaten-Paprika-Sauce angenehm fruchtig. Einzig den Gambas al ajillo mangelt es sowohl an Knoblauch- wie an Chili-Geschmack, dafür ist die Meeresfrucht nicht übergart, wie es sonst oft andernorts zu erleben ist.
Kulinarische Herkunft Stollenwerks zeigt sich im Dressing
Alles ist ganz klassisch zubereitet. Einzig beim gemischten Salat mit Bohnen, Mais, Zwiebeln, Paprika, Tomaten, Gurken und ein paar – allerdings recht harmlosen – Jalapeños, zeigt Stollenwerk seine kulinarische Herkunft, indem er ein fein austariertes Honig-Thymian-Dressing kreiert. Saucen, ob warm oder kalt, beherrscht er seit jeher traumwandlerisch sicher.
Umso bedauerlicher, dass diese in der lateinamerikanischen Küche keine vergleichbare Rolle wie in der Frankreichs spielen. Eine Hauptspeise ist der Burrito mit Chili con Carne. Zu der gefüllten Weizentortilla gibt es Reis, ein Salatbouquet und Dips. Wiederum ist alles handwerklich souverän, die Portion groß, aber zu echter Begeisterung mangelt es dem Chili dann doch etwas an Schärfe und aromatischem Aufspiel.

Echter Hingucker: Hähnchen-Füllung für den Tex-Mex-Klassiker Fajita
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Kurz danach wird ein echter Hingucker verlockend zischend und dampfend an den Tisch gebracht. Die Füllung für den Tex-Mex-Klassier Fajita wird nämlich in einer heißen Gusspfanne mit Zwiebeln und Paprika serviert. In der Version mit Hähnchenstreifen gelingen Stollenwerk diese saftig, mit schöner Röstaromatik. Dazu werden warme Tortillas gereicht, Sour Cream (ich würde stattdessen allerdings zur überzeugenderen Aioli raten), wie auch eine Salsa (vorher wurde gefragt, wie scharf diese sein soll). Die in der Speisekarte vermerkte Guacamole fehlte dagegen. Auch hier: große Portion.
Bei nur zwei Nachtischen wird nicht der Eindruck erweckt, sie hätten hier Priorität. Aber dann straft die in einer Tonschale servierte Crema Catalana alle Erwartungen Lügen. Herrlich cremig, mit einer dünnen, knusprigen Karamellschicht. Dazu reicht Stollenwerk eine Art rote Grütze, die ein schönes Säue-Süße-Spiel aufweist.

Herrlich cremig, mit einer dünnen, knusprigen Karamellschicht: die Crema Catalan
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Alles in allem also eine sehr solide Küchenleistung. Allerdings fragt man sich, ob ein so begabter Koch wie Bernd Stollenwerk damit nicht unterfordert ist. Ich würde mir wünschen, dass er ab und an ein Pop-Up im El Barrio macht und seine Klassiker auftischt.
Beim Bier gibt es eine größere Auswahl, unter anderem Estrella Galicia vom Fass, die Weinkarte ist dagegen sehr klein. Unter den 15 ohne Jahrgang gelisteten offenen Tropfen zwischen 4,90 bis 8,40 Euro (0,2l) ist nichts, was Weintrinker-Herzen höherschlagen lässt. Beeindruckend dagegen die Cocktail-Auswahl! Das „El Barrio“ ist schließlich auch Bar, weshalb an mehreren Tagen bis 3 Uhr geöffnet ist.
Fazit: Überzeugende lateinamerikanische Küche und große Cocktail-Auswahl.
Bewertung: 3 von 6
El Barrio, Eichendorffstraße 25, 50823 Köln, Tel.: 0221 – 50 60 19 49, geöffnet Di-Do 16 bis 1 Uhr, Fr-Sa 16-3 Uhr, So 16-24 Uhr
Henns Auswahl
Pimientos de Padrón 6,80 Euro
Gambas al ajillo 10,80 Euro
Patatas Bravas 6,80 Euro
Albondigas 7,90 Euro
Ensalada mixta 12,90 Euro
Burrito con Chili 16,90 Euro
Fajitas de Pollo 18,90 Euro
Crema Catalana 7,80 Euro


