Carsten Henn spricht im Interview über das kulinarische Jahr 2025 und seinen aktuellen Roman „Sonnenaufgang Nr. 5“.
Gastrokritiker und Autor„Für die Kölner Gastroszene war 2025 kein gutes Jahr“

Gedeckte Tische in der Kölner „Fioretto Weinbar und Ristorante“.
Copyright: Alexander Schwaiger
Herr Henn, wenn Sie auf das kulinarische Jahr in unserer Region zurückblicken: Was war für Sie die größte positive Überraschung?
Es war insgesamt kein Jahr, das man in der Kölner Gastroszene als gut einordnen wird. Wir haben weniger Angebot als früher, und für eine Millionenstadt wäre definitiv mehr drin. Das hängt natürlich mit der sehr schwierigen gastronomischen Lage zusammen. Es gab wenig spektakuläre Neueröffnungen oder Wagnisse, weil auch Köche in diesen Zeiten lieber auf Nummer sicher gehen. Besonders emotional war für mich, dass Joachim Wissler im Restaurant Vendôme in Bensberg nach so vielen Jahren aufgehört hat.
Das war jetzt alles nicht so positiv. Hat Sie denn gar nichts gefreut?
Doch! Ich habe mich für Köln über das neue Restaurant „Vunky“ am Eigelstein gefreut, das eine ambitionierte, gemüsebasierte Küche macht. Ich habe mich fürs Rheinland gefreut, dass Nelson Müller nach Bergisch Gladbach gekommen ist, weil solch ein Name auch auf die anderen Restaurants ausstrahlt.
Was haben Sie 2025 häufiger auf Speise- oder auf Weinkarten gesehen, als Ihnen lieb war?
Ich finde, dass die meisten Weinkarten total lieblos geworden sind. Viele Restaurants leisten sich keine Sommeliers mehr, weil sie denken, die kosten nur Geld. Aber ein guter Sommelier oder eine gute Sommelière, die bringen Geld! Wenn jemand wirklich aktiv für Weine wirbt, ist das für ein Restaurant ein großer Wert. Zudem habe ich in Spitzenrestaurants häufig sehr austauschbare Lebensmittel gefunden. Diese Parade an Edelzutaten langweilt irgendwann. Dazu passt, dass der Kaviar zurückgekehrt ist. Wenn er gut eingesetzt wird, finde ich Kaviar super. Aber oft hatte ich ihn jetzt auf Gerichten, wo ich dachte: Den haut ihr jetzt doch nur drauf, weil das irgendwie edel und luxuriös sein soll. Denkt doch lieber drüber nach, wie das Gericht Sinn ergibt! Das hat mich dann geärgert.
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Spiegelt das, was auf die Teller kommt, unsere gesellschaftliche oder politische Lage?
Definitiv. Die Spitzenrestaurants sind konservativer geworden in dem, was sie servieren. In Krisenzeiten sehnt man sich nach Bewährten. Beim Essen möchten Gäste momentan nicht mit wilden Ideen überfordert werden. Das ist beim Wein auch so. Da sucht man aktuell nicht nach den abgefahrenen neuen Weinregionen.
Zumindest eine gute Nachricht gab es für die Gastronomen: die Senkung der Mehrwertsteuer. Wird das an die Gäste weitergeben?
Nach allem, was ich höre: Nein. 90 bis 95 Prozent der Gastronomen werden diese Steuererleichterung komplett für sich behalten müssen, um ihr Geschäft überhaupt weiterführen zu können. Vielen steht das Wasser bis zum Hals.
Sie sind nicht nur Gastrokritiker, sondern auch ein sehr erfolgreicher Buchautor. Ihr Roman „Der Buchspazierer“ ist ein Millionen-Bestseller und wurde auch verfilmt. Hat der Erfolg Ihr Leben verändert?
Eigentlich nicht, mein Leben verläuft noch genauso wie vorher. Die höhere finanzielle Sicherheit lässt mich etwas ruhiger schlafen und es gibt mehr Nachfragen nach Interviews und Fernsehauftritten, aber im Freundes- und Familienkreis ist alles beim Alten. Und auch meinen Katzen ist es völlig wurscht, dass der Roman so erfolgreich war. Gut so.
Und schriftstellerisch?
Gibt mir der Erfolg mehr Freiheit. Die Erwartungshaltung ist jetzt zwar definitiv größer, aber dafür durfte ich mein erstes Kinderbuch „Die Goldene Schreibmaschine“ verfassen, was mir große Freude bereitet hat. Auch weil direkt so ein Grundvertrauen des Verlags vorhanden war: Sie haben den „Buchspazierer“ geschrieben, da können Sie bestimmt auch für Kinder schreiben.
Sie schreiben sehr unterschiedliche Bücher, mal einen Krimi, dann einen Roman, dann ein Sachbuch. Welches Genre reizt Sie gar nicht?
Horror. Oder historische Romane. Die Recherche dafür würde mich in den Wahnsinn treiben. Auch für einen Thriller wäre ich nicht der richtige Autor.
Sie sind ein Vielschreiber. Wie disziplinieren Sie sich?
So viel ist es gar nicht, in der Regel ein Roman pro Jahr, und der ist mit 200-250 Seiten schmaler als der von vielen Kolleginnen und Kollegen. Meine wichtigste Routine ist, jeden Tag schreiben – und wenn es nur zwei oder drei Zeilen sind, um im Roman drin zu bleiben. Es gibt Tage, da läuft es super rund, an anderen kommt man nicht weiter. Ich vergleiche das immer mit einem Surfer, der mit seinem Brett rauspaddelt und auf die Welle wartet. Wenn die Welle kommt, muss man sie reiten. Aber häufig kommt gar keine Welle, und man kehrt enttäuscht zum Strand zurück. Immerhin kann ich abschätzen, wie lange ich für einen Roman brauche.
Woher wissen Sie, wann Ihr Buch fertig ist? Verbessern kann man ja immer.
Mir hilft die Deadline. Irgendwann muss man einfach fertig werden, und irgendwann ist man es auch leid. Meine Magisterarbeit habe ich irgendwann gehasst, ich wollte nur noch abgeben. Ich würde nicht sagen, dass ich meine Bücher hasse, aber irgendwann habe ich sie so oft überarbeitet, dass ich weiß: Jetzt muss ich gut sein lassen. Sonst verrenne ich mich.
Ihr aktueller Roman heißt „Sonnenaufgang Nr. 5“. Darin geht es sehr viel um Erinnerungen. Aus welcher Idee heraus ist er entstanden?
Ich habe gemerkt, dass wir bei Familienfeiern wie gerade jetzt zu Weihnachten immer einige Geschichten haben, die bis zum Hauptgang auf den Tisch kommen - und jedes Jahr wieder erzählt werden. Teilweise sind das Erlebnisse, die meine Eltern gemeinsam gemacht haben. Dann berichtet erst meine Mutter, und mein Vater sagt: Ne, das war ganz anders! Jeder ist davon überzeugt, dass seine Erinnerung wahr ist. Das finde ich faszinierend: Wir denken ja, wir sind unsere Erinnerungen. Aber die sind ein schwammiger Boden. Manchmal belügen wir uns selbst unbewusst. Daraus ist dieser Roman über eine alte, exzentrische Filmdiva geworden, die ihre Autobiografie schreiben möchte und sich dafür einen 19-jährigen Ghostwriter holt, der noch völlig unerfahren ist.
Auch eine Zeitungsmeldung hat Sie inspiriert.
Das stimmt. Darin ging es um eine englische Dame, die in London immer zu einer U-Bahnhaltestelle geht, um die Stimme ihres verstorbenen Mannes zu hören, der die Ansage der einzelnen Stationen eingesprochen hat. Diese Meldung hat mich total berührt. Und bei mir kam die Frage auf, wie wir uns an Verstorbene erinnern, was zu sehr wertvollen Gesprächen mit meiner Familie geführt hat. So ist dieses Buch sicher mein bisher persönlichstes geworden. Es hat etwas bei mir selbst verändert, womit ich gar nicht gerechnet hätte.

Der Kölner Gastrokritiker und Autor Carsten Henn
Copyright: Marion Kroell
Der Roman spielt am Meer, das wiederum sehr schicksalhaft ist für etliche Protagonisten.
Ja, da stimmt, aber da will ich nicht zu viel verraten. Wenn ich ans Meer gehe, habe ich den wunderbaren Effekt, dass sofort eine Ruhe in mir ist. In der Stadt sehen wir immer erkennbare Geschichte, überall ist das Verrinnen der Zeit manifestiert. Dem Meer sieht man seine Vergangenheit und sein Alter dagegen nicht an. Diese große erinnerungslose Fläche im Spannungsfeld mit meinen Protagonisten, die mit ihren Erinnerungen kämpfen - das durchdringt für mich den ganzen Roman.
Man sieht beim Lesen auch dieses Buchs den Kinofilm schon im Kopf. Haben Sie beim Schreiben daran gedacht?
Nein, aber ich nehme das als Kompliment. Ich würde mich schon deshalb sehr freuen, wenn das Buch als Film umgesetzt wird, weil ich beim Schreiben meiner Hauptfigur immer an Iris Berben gedacht habe. Vielleicht schicke ich ihr das Buch mal.
Talk und Lesung mit Carsten Henn
In der Workstage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ gibt Carsten Henn am 15. Januar 2026 einen Einblick in seine Arbeit als Autor, stellt seinen Roman vor und steht dem Publikum für Fragen zur Verfügung. Es moderiert Sarah Brasack, stv. Chefredakteurin des „Kölner Stadt-Anzeiger“. Tickets für 18 Euro (inkl. VVK) gibt es hier.
Die Workstage des Kölner Stadt-Anzeiger, Amsterdamer Straße 192, 50735 Köln, ist sehr gut erreichbar mit dem ÖPNV (Linie 13/16, Haltestelle Amsterdamer Straße/Gürtel). Alternativ können die Gäste mit dem Auto auf dem Firmen-Parkplatz parken.





