Herr Felling, auf den Wunschzetteln vieler Kinder steht: Ich wünsche mir ein Smartphone. Sollten Eltern diesen Wunsch erfüllen?
Matthias Felling: Das ist schwer zu beantworten. Es hängt vom Alter des Kindes ab und wie fit es im Umgang mit Medien ist. Ein Smartphone ist eine riesige Verantwortung, denn es ist eine Kamera, ein MP3-Player, ein Internetzugang und eine Spielekonsole in einem.
Ab welchem Alter empfehlen Sie ein Smartphone?
Felling: Viele Experten sagen: nicht unter neun Jahren. Aber das hängt natürlich von den Umständen hab. Ist das Kind nachmittags bei der Oma, ist es praktisch, wenn es erreichbar ist. Aber das geht natürlich auch mit einem anderen Telefon. Überhaupt sollten wir auch nicht den ökologischen Aspekt aus den Augen verlieren: Wer jede neue Gerätegeneration mitmacht, produziert Unmengen an Elektroschrott.
Also raten Sie eher dazu, dem Kind ein gebrauchtes Handy zu schenken?
Felling: Das hängt davon ab, welche alten, funktionsfähigen Geräte es im Haushalt noch gibt. Ich kenne eine Fünfjährige, die hat einen alten MP3-Player bekommen. Damit kann sie Musik hören und Fotos anschauen – und fühlt sich, als hätte sie ein iPhone. Eltern können ihren Kindern auch die alte Digitalkamera schenken. Denn Kinder sind fasziniert von Fotos und bekommen so neue kreative Aufgaben. Aber natürlich müssen Eltern auch immer darüber sprechen, was man mit Fotos machen darf. Vor allem im Internet. Probleme rund um die Mediennutzung müssen besprochen werden.
Ist die Erziehungsarbeit durch technische Möglichkeiten wie das Smartphone umfangreicher geworden?
Felling: Nein, sie ist nicht mehr geworden. Aber die technischen Entwicklungen sind so schnelllebig, dass viele Eltern sich abgehängt fühlen. Vor 20 Jahren gab es noch nicht einmal Handys, 2013 sind zum ersten Mal mehr Smartphones als Tasten-Handys verkauft worden. Die Kinder werden damit groß. Das ist etwas anderes. Aber die Themen in der Erziehungsarbeit sind gleichgeblieben, nur das Feld hat sich verändert. Es geht um die Balance von Vertrauen und Kontrolle, Verantwortung abzugeben und Kinder stark zu machen. Ein Smartphone zu kaufen und zu verschenken reicht nicht – Eltern müssen dran bleiben und viel mit den Kindern sprechen. Auch über Dinge im Internet, die nicht kindgerecht sind.
An welchen Verhaltensweisen meines Kindes merke ich denn, dass es bereit für ein Smartphone ist?
Felling: Wenn es sich an Regeln halten kann. Verschenken Eltern ein Smartphone, sollten sie auch einen kleinen Vertrag mit dem Kind aushandeln. Darin steht, wie sie das Gerät nutzen und mit den Bildern umgehen. Aber es geht nicht nur um Verbote. Über das Internet kann man den Kindern auch die ganze Welt näher bringen und ihnen zum Beispiel Musik abseits des Mainstreams zeigen.
Aber so ein Smartphone ist natürlich auch ein extrem teures Geschenk ...
Felling: Ja. Die Kinder sollten auch an den Kosten beteiligt werden und etwas von ihrem Taschengeld beisteuern. Das kann ja an anderer Stelle wieder erhöht werden, aber nur so lernen Kinder mit Geld umzugehen. So ein 400-Euro-Gerät kann verloren und kaputt gehen oder gar geklaut werden. Und ein Kind besitzt nichts anderes, weder Klamotten noch Spielzeug, was so teuer ist.
Wenn ich mich aber jetzt trotzdem dafür entscheide, dem Kind ein neues Smartphone zu schenken – worauf sollte ich beim Kauf achten?
Felling: Beim Gerät sollte man schauen, dass es einen geringen SAR, also Strahlungswert hat. Wir vergessen gerne, dass Handys und Smartphones strahlen. Ein Wert unter 0,7 Watt pro Kilogramm gilt als strahlungsarm. Natürlich kann man über die Software auf den Geräten auch gewisse Sperrfunktionen einrichten. Dafür gibt es auch spezielle Apps. Auf klicksafe.de gibt es eine sehr gute und umfangreiche Übersicht zu Schutzeinstellungen.
Viele Eltern finden aber vielleicht auch die Ortungsfunktion von Smartphones gut.
Felling: Solche Ortungsdienste gab es auch schon bei alten Handys. Aber Eltern sollten bedenken: Man weiß dann zwar wo das Handy ist, aber nicht zwangsläufig auch, wo das Kind ist. Denn wenn Kinder verstanden haben, dass die Eltern die Ortung eingeschaltet haben, dann lassen sie das Gerät gerne mal bei Freunden liegen. Ich bin generell kein Freund davon, in der kindlichen Lebenswelt NSA zu spielen. Für Kinder ist das ein großer Vertrauensbruch. Man sollte einfach besser kommunizieren.
Wenn ich zu Weihnachten nun kein Smartphone verschenkt habe, und mein Kind mich fragt, warum. Was entgegne ich?
Felling: Einerseits kann ich vielleicht mit dem zu jungen Alter des Kindes argumentieren. Andererseits spielt der Preis natürlich eine Rolle. Vielleicht kann man ja überlegen, über das Jahr gemeinsam zu sparen. Und außerdem: Wenn ich als Kind nur mit den Fingern schnipsen muss und meine Eltern mir alles kaufen was ich will – dann ist das keine gute Vorbereitung auf das Leben.
Das Gespräch führte Angela Sommersberg