Nicht ohne meine Silke – Bis dass der Puppentod uns scheidet
Irgendwann hatte Silke die Schnauze voll. Ich hatte so lange versucht, sie zu füttern, bis nichts mehr in ihren Schnullermund hineinpasste – und auch nichts mehr herauskam. Meiner geliebten Puppe nichts, aber auch gar nichts zu essen zu geben, hatte ich nicht übers Herz gebracht. Aber das war später. Als Silke mir 1985 vom Christkind gebracht wurde, war sie sauber wie ein Baby-Popo, rotwangig und kahlköpfig – weshalb ich gleich auch noch eine Mütze dazubekam. Silke hatte blaue Augen mit schwarzen Klimperwimpern und war mein allerschönstes Weihnachtsgeschenk. Und ich war die beste Puppenmutter der Welt. Ohne Silke ging ich nirgendwo hin.
Kurz nachdem ich Silke bekommen hatte, fuhren wir in den Skiurlaub – selbstverständlich nicht ohne Silke. Ich war für einen Skikurs angemeldet, den ich aber nicht ohne mein Puppenkind machen wollte. Es gab viele Tränen, bis ich und meine Mutter uns schließlich darauf einigten, dass Silke auf der Treppe mit Blick auf die Tür des Ferienhauses auf meine Rückkehr warten würde. Irgendwann riss Silkes Puppenkopf vom Stoffkörper ab. Es hat eine Weile gedauert, mich davon zu überzeugen, dass sie deshalb nicht tot war.
Sie wurde ins Bonner Puppenkrankenhaus gebracht. Eine hochgeheime Einrichtung. Ich durfte sie dort nicht einmal besuchen. Dabei hatte Silke mich doch auch ins Krankenhaus begleitet und mich getröstet. Silke wurde mit Hilfe des Puppendoktors und dank meiner Pflege wieder gesund. Viel gebracht hat ihr das nicht, denn so ein Puppenleben ist kurz. Um ehrlich zu sein: Ich weiß nicht, wo Silke heute ist. Vermutlich liegt sie seit Jahrzehnten bei meinen Eltern im Keller. Und hat die Schnauze immer noch voll von mir.JASMIN KRSTESKI
Das zerstörte Traumauto
Heiligabend 1987. Ich hatte seit Wochen an nichts anderes denken können. Und ich bekam ihn tatsächlich: Den ferngesteuerten Porsche Cabrio! Das grenzenlose Glück währte allerdings nur etwa zehn Minuten – bis mein zu diesem Zeitpunkt ebenfalls achtjähriger Cousin aus Versehen darauf hüpfte und die Frontscheibe in ein Puzzle aus Plexiglas verwandelte. Seine anschließenden Bemühungen, sie mit Tesafilm und Klebstoff zu kitten, hatten mäßigen Erfolg.
Ich will nicht sagen, dass diese unschöne Geschichte seitdem zwischen uns stand. Ganz vergessen hatte ich sie aber nicht.Und er offenbar auch nicht: Letztes Weihnachten stand er plötzlich vor meiner Tür, in der Hand ein schuhkarton-großes Geschenk, das er mir mit einem feierlichen „Entschuldigung noch mal“ überreichte: Ein neuer ferngesteuerter Porsche Cabrio!
Ich weiß nicht, wann ich mich mehr über das Auto gefreut habe, 1987 oder 2012. FELIX OHMES
Versteckt unter dem Monchichi
Ich war sechs oder sieben Jahre alt und wollte unbedingt eine Kassette von Abba haben. Der Wunsch fühlte sich so dringend an , dass es mich am ganzen Körper kribbelte, wenn ich nur an die bevorstehende Bescherung dachte. „Super Trouper“ hieß damals, Ende der 70er Jahre, mein Lieblingslied, und die Enttäuschung war groß, als der begehrte Tonträger nicht unter dem Baum lag. Stattdessen fand sich neben anderem Spielzeug ein zu der Zeit unter Gleichaltrigen sehr angesagter Riesen-Monchichi. Als ich diesen – auf Aufforderung meiner entnervten Eltern hin – endlich aus seinem Weidenkorb-Bettchen hob und einen Blick unter sein Kopfkissen riskierte – oh, herrliches Weihnachtswunder, was kam zum Vorschein? Die Kassette! Fast schade, dass sich das Verlangen nach Musik heute schon mit wenigen Klicks im Internet befriedigen lässt. Die Zeiten der kribbligen Vorfreude sind endgültig vorbei. Das Leben ist ein Wunschkonzert – dem Internet sei dank...LIOBA LEPPING
Erinnerungen zwischen zwei Buchdeckeln
Letztes Jahr lag ein uralter Schmöker unter dem Weihnachtsbaum. „Von deinem Opa“ stand auf dem Geschenkpapier, darin eingewickelt ein altes vergilbtes DDR-Märchenbuch. Der Umschlag war abgegriffen, ein paar Seiten hatten schon Eselsohren. Irgendwas wie „Wer tiefe Wurzeln hat, braucht den Wind nicht zu fürchten“ stand in der Widmung. Ich war komplett verwundert. Und dann passierte etwas Seltsames: Schon die erste Seite – „Das kalte Herz“ von Wilhelm Hauff – versetzte mich auf der Stelle 20 Jahre zurück. Nicht nur die Worte waren mir so vertraut, sondern auch dieser eigenartige Duft, den die alten Seiten beim Aufschlagen des Buches verströmten. Ich erinnerte mich sofort: Wie mein Opa mir nächtelang diese Märchen vorlas. Wie er mich irgendwann dazu brachte, selbst die Geschichten auf den gelblichen Seiten zu lesen. Wie er etwas später meine selbst gekritzelten Geschichten rigoros mit dem Rotstift bearbeitete – Deutschlehrer eben. Wie er mich, als ich dann Germanistik studierte und tausend Fragen hatte, jedes Mal in seine Bibliothek zitierte – und ich immer an diesem Märchenbuch vorbeikam. Danke für diese Zeitreise. Und für die Wurzeln.MARTIN GÄTKE
Hund mit Zeichen
Mein schönstes Geschenk war ein großer Plüschhund, als ich etwa fünf Jahre alt war. Schon vor Weihnachten hatte ich ihn bei uns gesehen, meine Mutter versicherte mir aber, der sei für meine Cousine. Ich war ganz traurig, denn ich mochte ihn so gerne. An Heiligabend lag der Hund dann unter dem Weihnachtsbaum. Ich habe direkt wiedererkannt, dass es derselbe war, er hatte nämlich einen kleinen Fleck am Bein, mein „Geheimzeichen“. Ich habe mich so gefreut, dass ich fast geweint habe.INA SPERL
