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Retten oder sterben lassenWann Menschen bei kranken Wildtieren eingreifen sollten

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Weitere Entwicklung zum Buckelwal in der Ostsee

Eine Helferin befeuchtet den Rücken des Buckelwals (Archivbild)

Der Tod des Wals „Timmy“ wirft Fragen auf: Wann ist es richtig, Wildtieren zu helfen und wann schadet es ihnen mehr?

Der Tod des Buckelwals „Timmy“ löste eine Debatte aus. Ist es aber stets ratsam, Tieren in der Wildnis beizustehen? Experten erläutern, in welchen Situationen ein Eingreifen schädlich sein kann.

Die Geschichte des Buckelwals namens „Timmy“ hat in Deutschland über Wochen für Anteilnahme gesorgt. Zahlreiche Menschen beobachteten die letztlich erfolglosen Bemühungen zur Rettung, die mit dem Tod des von Beginn an entkräfteten Säugers endeten. Dieses Ereignis wirft aus ethischer Perspektive fundamentale Fragen auf: Besteht eine moralische Verpflichtung für Menschen, kranken oder verletzten Wildtieren beizustehen? Und erweist sich eine solche Intervention stets als sinnvoll? Experten geben dazu Auskunft.

Ethische Bewertung von Rettungsaktionen für Wildtiere

Die Tierethikerin Judith Benz-Schwarzburg von der Veterinärmedizinischen Universität Wien ist der Ansicht, dass der Fall des Buckelwals in Deutschland eine starke emotionale Reaktion hervorgerufen hat. Im Gegensatz dazu verfolgt Dänemark eine eindeutige Linie: Dort werden Walstrandungen als natürliche Vorkommnisse betrachtet, in die durch menschliches Handeln nicht eingegriffen werden soll. „Dass wir emotional darauf reagieren, wenn ein Tier leidet und dieses Leiden beenden wollen, würde ich grundsätzlich als moralisch gut bezeichnen, solange sich das Mitleid auf die Bedürfnisse und Interessen des Tiers richtet“, äußert die Spezialistin. Allerdings sei es dann entscheidend, auf Basis von Expertenwissen die passenden Schritte einzuleiten. „Ich glaube, vieles ging schief in der Debatte.“

Toter Wal vor dänischer Insel Anholt entdeckt

Die Tierärztin Anne Herrschaft unweit vom toten Buckelwal, der vor der dänischen Insel Anholt liegt.

Felix Suckstorff, ein Tierethiker an der Universität Greifswald, teilt eine vergleichbare Einschätzung. „Wir sollten dem Mitgefühl Raum geben, aber auch den Expertinnen und Experten zuhören.“ Er erkennt keine allgemeingültige moralische Pflicht für Menschen, leidenden Wildtieren beizustehen. „Ich finde es aber auch nicht verwerflich, dies zu tun – wenn ich dadurch nicht noch mehr Schaden anrichte.“

Mögliche negative Folgen von Rettungsversuchen

Bezüglich des Wals gaben Experten mehrfach zu bedenken, dass die permanente Nähe von Personen sowie der Transport für das schwer erkrankte Wildtier unnötigen Stress und Furcht bedeuteten. Zusätzlich erlitt das Tier bei rauher See Blessuren während der Beförderung in Richtung Nordsee.

Darüber hinaus erachtet Judith Benz-Schwarzburg es als problematisch, wenn beispielsweise versucht wird, ein Reh zu bergen, das bei der Jagd durch ein Raubtier verletzt wurde. „Damit unterbricht man ein natürliches Jagdverhalten und auch den Nahrungserwerb“, erläutert die Spezialistin. „Ist es ein Prozess, wo Sterben natürlicherweise vorkommt? Dann haben wir gute Gründe, uns rauszuhalten.“

Die Praxis sieht jedoch anders aus: Regelmäßig werden verletzte Beutetiere von Privatpersonen zum Artenschutzzentrum Leiferde in Niedersachsen gebracht. „Die Realität ist für viele Menschen schwer verkraftbar“, sagt Joachim Neumann von der Einrichtung. „Viele Leute fühlen mit dem Tier mit, sammeln es ein und meinen, das Richtige gemacht zu haben.“ Neumann zufolge könne man in derartigen Situationen den Sinn der Maßnahme diskutieren. Weil die Ursache der Verwundung aber häufig unbekannt sei, wäre es vertretbar, einem wehrlosen Tier Beistand zu leisten.

Besuch in einer Wildtier-Auffangstation

Ein Feldhase sitzt in einer Wildtier-Auffangstation.

Hilfe versus Freiheit: Ein ethisches Dilemma

„Das ist tatsächlich ein Spannungsfeld und nicht leicht aufzulösen“, sagt Suckstorff. Es sei notwendig, Experten hinzuzuziehen, um zu bewerten, wie stark die Interventionen das Tier beeinträchtigen und welche Aussichten auf eine erfolgreiche Wiederauswilderung existieren. Für sozial lebende Arten sei zudem die Wiedereingliederung in die Gruppe von Bedeutung. „Sonst entlasse ich ein Tier in die Freiheit, das zwar keine physischen Schmerzen mehr hat, aber trotzdem leidet.“

Laut Neumann ist die Wiederauswilderung das primäre Ziel für sämtliche Tiere, die im Artenschutzzentrum Leiferde versorgt werden. „Für viele Wildtiere ist das ein irrsinniger Stress, in Menschenhand zu sein.“ Sollte eine Rückkehr in die Wildnis nicht realisierbar sein, sei bei vielen Tieren eine Euthanasie unumgänglich. Er führt das Beispiel eines Bussards an, dessen Knochen bei einem Zusammenstoß mit einem Fahrzeug zertrümmert wurden. „So ein Tier schläfern wir sofort ein, weil wir sehen, der kann nie wieder raus.“

Fledermaus

Wer eine Fledermaus findet und bergen will, sollte stets Handschuhe tragen.

Die Rolle der menschlichen Verantwortung

Für den Tierethiker Suckstorff ist die Sachlage in diesem Punkt klar: „Wenn es einen menschlichen Faktor gab, warum ein wildlebendes Tier leidet, dann gibt es auch eine moralische Pflicht, diesem zu helfen.“ Als Beispiele nennt er ein Reh, das angefahren wurde, oder einen Vogel, der mit einer Fensterscheibe kollidiert ist.

Die Ursache ist jedoch nicht in jedem Fall so eindeutig. „In vielen Fällen hat der Mensch eine indirekte oder auch ganz direkte Beteiligung daran, dass es Wildtieren nicht gut geht“, merkt Benz-Schwarzburg an. Hierzu gehören der Klimawandel, der Schwund von Lebensräumen oder die Verschmutzung der Umwelt. Sie fügt hinzu, dass in der wissenschaftlichen Literatur erörtert wird, inwieweit diese vom Menschen verursachten Faktoren auch zur Strandung von Delfinen und Walen beitragen. „Und deswegen kann man in „Timmys“ Fall, aber auch in vielen anderen Fällen durchaus sagen: Wir haben eine gewisse Mitschuld an der Problematik.“

Ist der Seltenheitsgrad einer Art entscheidend?

Im Nabu-Artenschutzzentrum ist dieser Aspekt nicht von Bedeutung. „Uns ist egal, was das für ein Tier ist. Für uns zählt nur, ob wir das Tier wieder gesund pflegen können oder nicht“, erklärt Neumann.

Besuch in einer Wildtier-Auffangstation

Fütterung eines jungen Eichhörnchens in einer Auffangstation, die eine Frau bei sich Zuhause betreibt.

Aus ethischer Perspektive gibt es laut Suckstorff ebenfalls keine Differenz zwischen einem verletzten Reh und einem lädierten Bartgeier. „Beide Tiere können Schmerzen empfinden und haben einen Grad an Intelligenz.“ Der Umstand, dass viele Personen ein junges Eichhörnchen als niedlicher empfinden als eine Ratte und daher eher zur Hilfe neigen würden, sei „aus ethischer Perspektive aber äußerst ungerecht.“

Besonders bei Jungtieren übertreiben manche Menschen ihre Tierliebe. „Wir schicken häufig Leute mit den Tieren zurück – gerade bei Jungtieren. Da wird wirklich viel eingesammelt“, sagt Neumann. Häufig ist ein scheinbar hilfloser Jungvogel jedoch weder verletzt noch von seinen Eltern im Stich gelassen. Das Team weist die Finder dann an, das Tier exakt an dem Ort wieder auszusetzen, an dem es gefunden wurde. „Viele Leute sind übereifrig. Deswegen sind wir immer froh, wenn die vorher anrufen und die Situation schildern, bevor sie mit einem Tier kommen.“ (dpa/red)

Dieser Inhalt wurde mit Hilfe von KI erstellt.