Köln – Burkan Ilhan kann wieder lachen. Er freut sich sichtlich, als ihn ein Patient auf dem Krankenhausflur erkennt: „Gut gemacht, alles Gute!“, ruft der Mann im Bett Burkan Ilhan zu, als der am Freitagnachmittag die Kölner Uniklinik verlässt. Als Opfer einer gewalttätigen Gruppe kam der 22-Jährige ins Krankenhaus. Als Held, der einen Streit schlichten wollte, ist er gestern entlassen worden.
Den Mann, der Burkan Ilhan am vergangenen Samstag in Bocklemünd mit einem Straßenpoller fast umgebracht hat, hatte die Polizei am Tag nach der Tat festgenommen – dann aber wieder freigelassen. Der 22-Jährige, der danach untergetaucht war, wurde am Freitagabend wieder festgenommen.
Offensichtlich hatten Polizei und Staatsanwaltschaft zunächst nicht nur die Fluchtgefahr, sondern auch die Folgen des Schlags unterschätzt. Anfangs ermittelten die Behörden noch wegen gefährlicher Körperverletzung, nun muss sich der 22-Jährige wegen versuchten Totschlags verantworten.
Nicht nur Burkan Ilhan hat Mut und Zivilcourage gezeigt. Auch sein Vater, seine Brüder Burak und Volkan und sein Cousin Merdi Öztürk gingen dazwischen, als ein 42-Jähriger und dessen 18-jähriger Sohn mit einer etwa siebenköpfigen Gruppe Männer in Streit gerieten. „Es soll dabei angeblich um die Abwicklung eines Rollerverkaufs gegangen sein“, sagt Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer.
Die Familie Ilhan befand sich in der Wohnung von Vater Asker am Kurt-Weill-Weg, als sie am frühen Abend bemerkte, dass der 18-Jährige vor der Haustür geschlagen und getreten wird. „Dann sind wir dazwischengegangen“, sagt Burkan Ilhan. Kurze Zeit später seien die sieben Männer verschwunden, aber mit Verstärkung zurück gekommen – bewaffnet mit Messern, Baseballschlägern und Straßenpollern. „Wir wollen euch umbringen“, hätten die Angreifer geschrien. Dann sei er von einem Poller am Kopf getroffen worden. Die Narbe des couragierten Auszubildenden aus Dünnwald ist 30 Zentimeter lang, 35 Stiche waren nötig, um die Wunde zu nähen.
Der mutmaßliche Täter war zwar am Tag nach der Schlägerei festgenommen worden, die Untersuchungs-Haft blieb ihm jedoch erspart. „Verdunkelungs- oder Fluchtgefahr kam nicht in Betracht“, so Oberstaatsanwalt Bremer. Der junge Mann habe sowohl eine Wohnung als auch einen Arbeitsplatz nachweisen können. Seit Donnerstagnachmittag war der 22-Jährige verschwunden – bis zu seiner erneuten Festnahme. Weil nun wegen versuchten Totschlags ermittelt wird, hat die Kriminalpolizei eine Mordkommission eingerichtet.
„Das Ausmaß der Verletzungen ist erst im Rahmen der Notoperationen offenbar geworden“, erläuterte Bremer die Neubewertung des Falls. Es sei davon auszugehen, dass der Flüchtige den Tod von Burkan Ilhan „zumindest billigend in Kauf genommen hat“. Die Flucht hätte wohl verhindert werden können: Bremer geht davon aus, dass der Täter in U-Haft gekommen wäre, hätte von vornherein der Vorwurf des versuchten Totschlags im Raum gestanden.
Im Internet wird Burkan Ilhans Mut gefeiert. Seine Familie schaltete zeitweilig eine Facebook-Seite, die mehr als 7000 Likes bekam. Auch Oberbürgermeister Jürgen Roters will dem jungen Mann nun persönlich für seine Zivilcourage danken. Was er getan habe sei für ihn nichts Besonderes, sagt Burkan Ilhan: „Das würde ich auf jeden Fall wieder tun.“ Auch Rachegefühle sind dem fußballbegeisterten Dünnwalder offenbar fremd. Was mit dem Täter passiere, solle allein das Gericht entscheiden.
