Bayenthal – Tatsächlich war Justin Hissler aufgeregt, als er seinen Alnatura-Markt im Goltsteinforum ausnahmsweise und für zwei Wochen an Lehrlinge übergab. Statt der Stammbelegschaft führten 15 Auszubildende aus ganz Deutschland den Bio-Supermarkt in Eigenregie. Der Marktleiter hätte sich zurückziehen können, aber er schaute trotzdem ab und zu vorbei. Was er sah, beruhigte ihn. Im Laden lief es rund. „Lehrlingsmarkt“ nennt Alnatura die Aktion, bei der jeder Lehrling meistens im zweiten Ausbildungsjahr so eine Praxisphase durchläuft.
Schon im Vorfeld hatten die angehenden Einzelhandelskaufleute bei einem extra Seminar vereinbart, wer welche Aufgaben übernimmt. „Sechs hatten sich für eine Führungsrolle gemeldet“, erzählt Lisa Feulner, letztlich einigten sie sich auf drei Chefs und eine Chefin, eine davon war sie. Sie hatten die Verantwortung für die Organisation, für den Laden- und den Tresorschlüssel, für die Abrechnung, sie waren Ansprechpartner für „ihre“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. „Aber eigentlich sind wir alle gleich“, sagt die 24-Jährige aus Offenbach. Ein gutes Arbeitsklima hält sie für ausgesprochen wichtig.
Bamdad Rohbani kam aus einer Düsseldorfer Filiale und hatte ebenfalls Chef gespielt. Meistens war er schon um fünf Uhr morgens im Laden, selbst beim großen Sturm in den zurück liegenden Tagen. „Um 5.15 Uhr habe ich dann in Ruhe angefangen“, berichtet der 37-jährige Frühaufsteher, der zuvor im Iran Agrarwirtschaft studierte, 2010 nach Deutschland kam und nun nach seiner Ausbildung gern Marktleiter werden möchte. „Ich habe hier zuerst ein neues Studium begonnen, mich dann aber bewusst für eine Ausbildung entschlossen“, betont er. Andere Auszubildende hatten sich fürs Lager oder für die Kasse, für Obst und Gemüse oder die Drogerieabteilung entschieden. Johannes Rupp wollte am liebsten in der Bäckerei arbeiten. „In dem Bereich habe ich im Frankfurter Markt schon viel Erfahrungen gesammelt“, berichtet der 19-Jährige. Die Backwarentheke ist aber nicht ganz unproblematisch. „Vor allem morgens haben es die Kunden oft eilig“, schildert er. Einmal habe eine Kundin zwölf Brote gekauft und in Scheiben schneiden lassen. Das habe lange gedauert und eine gewisse Ungeduld habe sich in der Warteschlange breit gemacht. „Das hätte man im Verkaufsteam besser organisieren können“, meint Johannes Rupp selbstkritisch.
Klar, mitunter wusste das junge Personal nicht auf Anhieb, wo der spezielle Bioapfelessig oder die Handcreme mit dem Jojobaöl zu finden waren. „Manchmal haben dann die Kunden und wir gemeinsam gesucht“, sagt Lisa Feulner. „Ich habe mich schon gefragt, wo das Stammpersonal ist“, sagt eine Kundin, die die ganze Aktion aber spannend fand.
Insgesamt hätten die Kunden sehr positiv reagiert, bestätigt die Altanura-Referentin Natascha Fischer, die mit zwei weiteren Kolleginnen abwechselnd für Fragen zur Verfügung stand und notfalls Unterstützung anbot. „Für die Auszubildenden war es eine große Herausforderung, die umsatzstarke Bayenthaler Filiale völlig selbstständig zu führen“, erläutert sie. Letztlich soll der „Lehrlingsmarkt“ dazu beitragen, dass die Auszubildenden oder auch Studenten ihr bis dahin erlerntes Wissen anwenden sowie auch die Tücken der Verantwortung für einen eigenen Markt kennen lernen. Selbstbewusstsein und Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sollen auf diese Weise gestärkt werden. Seit zehn Jahren führt Alnatura den Lehrlingsmarkt durch, darüber hinaus bietet die Bio-Supermarktkette auch kulturelle Bildung im Rahmen der Lehre an. „Dennoch ist es nicht einfach, guten Nachwuchs zu finden“, sagt Natascha Fischer. Bislang könnten jedoch noch alle Stellen besetzt werden. Bundesweit gibt es 135 Alnatura-Märkte, gegründet wurde die Kette im Jahr 1984. Die Filiale an der Goltsteinstraße hat vor rund zehn Jahren eröffnet.
Bamdad Rohbani
Natascha Fischer, Alnatura