Cold Cases KölnDas Rätsel um die tote Joggerin von Refrath

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Eine Collage mit einem alten Fahndungsplakat, einem Porträt der Ermordeten und der Spurensicherung am damaligen Tatort.

Die Leiche von Maria Ida Lukas lag in einem Waldstück nahe der Therme Mediterana in Bergisch Gladbach.

Maria Ida Lukas wurde vor fast 31 Jahren beim Joggen überfallen, vergewaltigt und erdrosselt. Ihr Mann fand ihre Leiche.

Er ist nicht umgezogen seit dem Mord an seiner Frau. Klaus Neumann (Name geändert) wohnt noch immer in dem Haus am Bach, ein paar Hundert Meter von dem Waldstück in Refrath entfernt, in dem Maria Ida Lukas vor fast 31 Jahren beim Joggen überfallen, vergewaltigt und erdrosselt wurde. Ihre Leiche haben Klaus Neumann und sein damals 21-jähriger Sohn fünf Tage später gefunden. Der Täter ist bis heute unbekannt.

Der 76-Jährige lebt jetzt alleine in dem Haus mit dem riesigen Garten am Waldrand und dem überwältigenden Ausblick von der Terrasse. Seine beiden Söhne sind inzwischen ausgezogen. Jedes Mal, wenn er die Treppe nach unten nimmt, kommt Klaus Neumann an einem Bilderrahmen vorbei. Hinter Glas klebt die Teilnahmeurkunde seiner Frau vom London-Marathon 1989. Das Haus, der Ort, die Nachbarschaft – alles muss für ihn voller Erinnerungen stecken, schönen und schlimmen. Nichts für melancholische Gemüter. Aber Wegziehen kam für Klaus Neumann nie infrage. Er neigt nicht zur Schwermut.

96 Prozent aller Mörder werden gefasst – früher oder später

Neumann ist Naturwissenschaftler, er hat lange im Bereich Kernenergie gearbeitet. „Ich bin sachlich, denke logisch und sehr präzise“, sagt er. Umso schwerer fällt es ihm nachzuvollziehen, dass die Polizei nach so vielen Jahren immer noch niemanden verhaftet hat. Klaus Neumann will, dass der Täter endlich zur Rechenschaft gezogen wird.

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„Man hört doch immer wieder, dass eine Tat nach 20 oder 30 Jahren plötzlich aufgeklärt wird.“ Vor allem dank zeitgemäßer DNA-Analysemethoden. 96 Prozent aller Mörder werden gefasst. Meistens kannten Täter und Opfer sich vorher, das erleichtert die Ermittlungen. Aber im Fall Maria Lukas blieb der Durchbruch bisher selbst trotz moderner Kriminaltechnik aus.

Der damalige Tatort liegt in einem schmalen Waldstück neben der Golfplatzstraße. Leicht abschüssiges Gelände, eineinhalb Meter hoch wucherndes Unkraut. Am 24. Juli 1992, einem Freitagabend, bricht die Versicherungsangestellte Maria Ida Lukas zu einem Dauerlauf am Bensberger See auf, dort, wo heute die Badetherme Mediterana steht. Gegen 18 Uhr wird die 46-Jährige zum letzten Mal lebend gesehen.

In den folgenden Tagen macht sich der 21-jährige Sohn zunehmend Sorgen, weil er seine Mutter nicht erreicht. Am fünften Tag nach ihrem Verschwinden informiert er seinen Vater, der zu dieser Zeit von Maria Lukas getrennt lebt. Die beiden Männer gehen die Strecke ab, die die 46-Jährige für gewöhnlich nimmt – ein fünf Kilometer langer Rundkurs in dem Wäldchen zwischen Refrath und Bensberg.

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Zwischen hohen Sträuchern findet der Ehemann die Leiche seiner Frau. Die Polizei geht davon aus, dass der Täter sie ins Gebüsch gedrängt und vergewaltigt hat. Die Beamten finden „Spuren von Gewalt gegen den Hals“. Etwa 20 Zeugen berichten in den folgenden Tagen von verdächtigen Beobachtungen zur Tatzeit. Zwei Spaziergänger wollen einen Mann in Jeans gesehen haben, der einer Joggerin hinterherlief. Ein Autofahrer erinnert sich an einen Mann, der sich in einem Gebüsch eine Strumpfmaske zur Stirn hochrollte. Doch sämtliche Ermittlungen liefen ins Leere.

Ehemann findet die Leiche seiner Frau im Gebüsch

Klaus Neumann erinnert sich noch heute an jedes Detail. Mitten zwischen den Sträuchern lag die Leiche seiner Frau auf dem Bauch, den Kopf zur Straße geneigt. Neumann schaute nicht genau hin, er bewahrte auch seinen Sohn vor dem Anblick. „Ich dachte nur: Sofort weg und die Polizei benachrichtigen. Bloß keine Spuren hinterlassen, sonst verdächtigen die nachher noch mich“, erzählt der 76-Jährige. Sachlich, logisch, präzise.

Tatsächlich bat die Polizei ihn später, seine Jeans herauszugeben. Die Ermittler wollten die Stofffasern mit Spuren vom Tatort vergleichen. „Ich hatte kein Problem damit. Ich verstand das, die mussten das machen.“

Fast jeder im Ort wusste, dass er und Maria Ida Lukas sich wenige Monate vor dem Mord getrennt hatten. Sie war zu einem anderen Mann gezogen. Eifersucht ist ein starkes Tatmotiv. Aber Neumann verstand auch das. Er ließ es über sich ergehen. Dabei stand für die Polizei schnell fest, dass an den Gerüchten nichts dran war. 

29. Juli 1992: Die Spurensuche am Tatort ist mühsam. Behutsam durchkämmen Beamte in weißen Overalls das unwegsame Gelände. Sie finden nichts, was sie entscheidend weiterbringt. Vollkommen unerklärlich für die Ermittler: Die nächsten Wohnhäuser sind keine hundert Meter entfernt, drei Meter neben dem Fundort führt eine Hauptstraße entlang. Auf dem Gehweg daneben führen Spaziergänger ihre Hunde aus. Aber niemand liefert den Beamten eine heiße Spur.

Die letzte Juliwoche war extrem heiß, immer wieder gingen heftige Regengüsse nieder. Fünf Tage lag die Leiche von Maria Ida Lukas im Freien. Keine einfache Arbeit für die Spurensicherung. Und dennoch finden die Beamten auf dem Körper der Toten ein winziges Haar, außerdem eine DNA-Spur an der Jogginghose und einen weiteren Gegenstand, den die Staatsanwaltschaft heute nicht näher benennen möchte.

Fest steht: Mit den damaligen Untersuchungsmethoden lässt sich aus dem sichergestellten Material kein DNA-Profil des Täters erstellen. Das Haar, die Hose und das dritte Fundstück verschwinden in der Asservatenkammer. Der Fall bleibt ungelöst. Vorerst.

Das Waldstück am Bensberger See ist noch immer eine beliebte Joggingstrecke. Die damals mannshohen Bäume ragen heute mehr als zehn Meter in den Himmel, sie wachsen dicht beieinander. Sonnenstrahlen dringen nicht bis zum Boden.

Wenn Klaus Neumann an der Stelle vorbeifährt, mit dem Auto oder auf dem Rad, löse das nichts in ihm aus, sagt er, gar nichts. „Ich wundere mich nur, dass da immer noch Läuferinnen allein unterwegs sind, auch im Dunkeln.“

Kerzengerade sitzt der schlanke Mann am Tisch in seinem Wohnzimmer. Er spricht langsam, seine Worte wählt er mit Bedacht. Vor ihm liegt ein schmaler Aktenordner mit alten Schreiben von der Polizei und ausgeschnittenen Presseartikeln. „Hier“, sagt Neumann und zieht einen fünf Jahre alten Zeitungsschnipsel hervor. „In Diepholz haben sie 2007 einen 43-Jährigen verhaftet. Der hatte 1983 eine Frau überfallen, vergewaltigt und erdrosselt. Ähnlicher Fall.“

Parallelen zu anderen Mordfällen entdeckt

Klaus Neumann schrieb der Polizei in Norddeutschland, bat darum, Übereinstimmungen zu prüfen. Man antwortete ihm: Keine Übereinstimmung. Der 43-Jährige könne die Tat in Refrath nicht begangen haben.

Parallelen fielen Neumann auch zu einem Mordfall auf, der in der Nähe von Köln spielt. Der Täter wurde gefasst und verurteilt. Auch die Polizei prüfte diese Spur. Es gebe tatsächlich auffällige Ähnlichkeiten zwischen beiden Fällen, berichtet ein Ermittler. Aber es bleiben Indizien, es gibt keinen einzigen Beweis. Und der Verdächtige streitet alles ab.

Am 5. April 2007 liegt ein Brief von der Staatsanwaltschaft Köln bei Neumann im Briefkasten – ein Hoffnungsschimmer: „...teilen wir Ihnen mit, dass die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen wieder aufgenommen hat, da sich neue Anhaltspunkte ergeben haben“, heißt es in dem Schreiben.

Ein Ermittler, der bei der Mordkommission für die Bearbeitung alter, ungelöster Mordfälle zuständig ist, hatte die Jogginghose, das Haar und das dritte Fundstück zum Landeskriminalamt nach Düsseldorf geschickt. Mit den neuen Methoden konnten die Spezialisten an der Jogginghose eine männliche DNA entschlüsseln. Neumann wird zum Speicheltest gebeten, er soll als Träger ausgeschlossen werden.

230 Männer mussten zur Speichelprobe

Der Test ist erwartungsgemäß negativ. Auch der Abgleich mit weiteren Verwandten und Freunden von Maria Lukas bringt keinen Treffer, ebenso wenig der Vergleich mit den Datensätzen verurteilter Straftäter aus dem Computer des Bundeskriminalamts.

Die Polizei bittet weitere 230 Männer zur Speichelabgabe: Bekannte, Arbeitskollegen und all jene, die sich am Abend der Tat in der Nähe aufgehalten haben. Deren Personalien hatte die Polizei seinerzeit notiert. Die Speichelabgabe ist freiwillig, zwingen kann die Polizei niemanden. Es besteht kein dringender Tatverdacht. 150 Männer kommen der Bitte nach, manche wollen nicht, einige sind inzwischen gestorben, andere nicht auffindbar. Letztlich ist allerdings nicht einmal eindeutig klar, ob es die DNA des Täters ist.

Die Untersuchung des Haares ist deutlich komplizierter. Es ist ein Haar ohne Wurzel. Daraus ein DNA-Profil zu erstellen, erfordert eine aufwendige chemische Analyse. Aber es gelingt. Es ergibt sich zwar kein vollständiges DNA-Bild. Aber das Haar enthält ausreichend Informationen, um sie mit den Profilen der Freiwilligen zu vergleichen. Aber auch hier: kein Treffer.

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Bleibt der dritte Gegenstand, der in der Nähe der Leiche lag. Aber bislang ist es den Experten nicht gelungen, eine eindeutige DNA-Spur daraus zu gewinnen.

Klaus Neumann ist mit seiner Geduld allmählich am Ende. Er zweifelt an der Strategie der Polizei, hat viele Fragen. Warum dauern die DNA-Analysen so lange? Warum wechseln die Sachbearbeiter bei Polizei und Staatsanwaltschaft ständig?

Eine letzte Möglichkeit sieht Klaus Neumann noch, er sagt: „Auch nach so vielen Jahren hoffe ich, dass endlich irgendjemand sein Schweigen bricht.“ Es ist vielleicht die einzige Chance. Aber auch das ist schon vorgekommen.


Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ stellt ungelöste Kölner Mordfälle aus den vergangenen 33 Jahren vor. Die Folgen erscheinen samstags und donnerstags in der Zeitung. Online sind alle acht Folgen abrufbar unter ksta.de/coldcases

Zeuginnen und Zeugen, die Angaben zur Tat, zum Täter oder zur Täterin machen können, werden gebeten, sich bei der Polizei Köln zu melden – entweder telefonisch unter 0221/229-0, per E-Mail an poststelle.koeln@polizei.nrw.de oder auf einer Polizeiwache.

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