Cold Case Köln„Karatemord vom Heumarkt“ nach 30 Jahren weiter ungelöst

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Bestatter laden den Leichnam am Tatort in der Nähe des Heumarkts ein, danaben ist ein Fahndungsplakat im Fall Strohe zu sehen. (Collage)

Bestatter am Tatort und ein Fahndungsplakat im Fall Strohe (Collage)

In einer Spätsommernacht 1992 wird Horst Strohe am Heumarkt mit mehreren Tritten brutal getötet. Wer die Tat begangen hat, ist bis heute unklar.

Er solle doch endlich aufhören, sagen sie, endlich Ruhe geben und sich damit abfinden, dass der Tod seines Bruders nie aufgeklärt wird. Nicht mehr nach 30 Jahren jedenfalls. Der Täter sei längst über alle Berge, lebe irgendwo auf der Welt, oder auch gar nicht mehr. Aber Dirk Kremer gibt die Hoffnung nicht auf, dass es doch noch die späte Gerechtigkeit geben kann. „Es geht mir nicht aus dem Kopf. Und wenn ich etwas angefangen habe, dann kann ich es nicht mehr bleiben lassen“, sagt er heute im Gespräch mit dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Irgendwo in der Stadt oder an einem anderen Ort auf der Welt, so geht seine Hoffnung, könnte jemand sein, der seit 30 Jahren ein Geheimnis mit sich herumträgt und so viel später nach diesem grausamen Tötungsdelikt endlich reinen Tisch machen will.

Der 13. September 1992 ist ein für den Spätsommer eher ungemütlicher Samstag. In der Nacht hat es etwas geregnet, das ganze Wochenende über ist es kalt. In der Kölner Altstadt wird trotzdem gefeiert, Horst Strohe, 54 Jahre alt, ist an dem Abend wohl wie so oft in der bei Schwulen beliebten Kneipe „Stiefelknecht“ im Karree zwischen der kleinen Kirche Sankt Martin und der KVB-Bahnhaltestelle.

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Mir ist nicht wichtig, dass jemand dafür ins Gefängnis kommt. Ich möchte endlich Klarheit.“
Dirk Kremer, Bruder des Getöteten

Dazu, wie genau Strohe den Abend verbringt, gibt es viele Fragezeichen. Er verkehrte häufig im „Stiefelknecht“, sagt sein Bruder heute. Die Gegend südlich des Heumarkts war schon damals in der Szene bekannt für ihre Bars und Discos. Die Vermutung, dass Strohe dort einen Liebhaber gesucht oder sogar gefunden haben könnte, liegt nahe. Ob er aber die Bar in der Nacht tatsächlich in dessen Begleitung verlässt, ist unklar.

Klar ist nur, dass er in der Nacht auf den 13. September zwischen 0.20 und 0.50 Uhr nahe der Bushaltestelle Am Malzbüchel Opfer eines tödlichen Angriffs wird. Der Täter läuft auf Strohe zu, springt in die Luft, streckt ihn mit einem Tritt gegen den Kopf nieder. Dem Opfer, das am Boden liegt, tritt er gegen die Brust und den Hals. Strohe stirbt noch am Tatort. Es ist ein brutaler Akt der rohen Gewalt mitten auf der Straße. Der Täter flieht und ist bis heute nicht gefasst. Noch in der Tatnacht erhält Kremer einen Anruf seines Vaters: „Der Horst wurde umgebracht.“

„Karatemord am Heumarkt“ titeln die Zeitungen tags drauf und berichten von Ermittlungen der Polizei in Vereinen für Kung-Fu, Kickboxen und Taekwondo. Wer einen Mann gezielt tot tritt, so die Annahme der Ermittler, muss die Bewegungen wohl lange eingeübt haben. Viele Fragen sind damals wie heute aber offen: Wurde Strohe gezielt angegriffen oder war er ein Zufalls-Opfer? Welches Motiv hatte der Täter? Handelte er aus Schwulenhass? Und vor allem: Wer ist der Täter?

Drei Zeugen sahen Mord am Heumarkt

In der Mordnacht habe Strohe „sexuelle Handlungen an sich vorgenommen“, berichten die Zeitungen nach der brutalen Attacke. Dass das in Verbindung mit der Tat steht, ist denkbar, aber unklar. Kremer berichtet heute, dass lediglich Strohes Hosenstall offengestanden haben soll, die Blase aber nicht entleert war. Ob er sich selbst befriedigt hat oder vorhatte, dies zu tun, ist demnach unklar.

Mindestens drei Zeugen, da sind sich die Ermittler einig, sehen den Angriff. Einer beobachtet den Täter aus dem Fenster seiner Wohnung und gibt bei der Polizei eine Beschreibung: Etwa 20-30 Jahre alt, ungefähr 1,80 Meter groß, kurze, dunkle Haare. Er soll eine helle Hose und ein helles Hemd mit aufgedrucktem Schlangenlinienmuster getragen haben. Es gibt Hinweise darauf, dass der Täter aus einer Gruppe heraus gehandelt hat. Die anderen beiden Zeugen verschwinden und werden sich trotz einer ausgelobten Belohnung von zunächst 3000 und später 8000 Mark bis heute nicht bei der Polizei melden.

Ermittler hoffen auf Hinweise im Fall Horst Strohe

Strohe, der die meiste Zeit seines Lebens und bis zu seinem Tod in Riehl nahe des Zoos wohnte, lebte immer in der Ungewissheit, wer sein leiblicher Vater war. „Er hat es nie zu 100 Prozent rausbekommen“, sagt Kremer. Der gelernte Elektriker war als IT-Mitarbeiter im Rechenzentrum der Sparkasse angestellt, liebte Motorräder und alte Möbel. Drei Mal im Jahr flog er ans Mittelmeer, fuhr im Sommer mit dem Camper an die Sieg.

Dass er schwul war, begriff Strohe schon in der beginnenden Pubertät. Seine langjährigen Partnerschaften behielt er meist für sich. Köln galt zwar damals schon als Anziehungspunkt für viele Schwule, aber ein Outing erforderte trotzdem noch großen Mut – was womöglich auch die potenziellen Zeugen von einer Aussage abgehalten hat. Eindringlich appellierte die Polizei an die beiden sowie an weitere, bisher unbekannte Passanten und Nachbarn, sich zu melden. Und hofft nun in einer freien, emanzipierten Gesellschaft auf eine sehr späte, aber womöglich entscheidende Aussage.

Strohe, so berichtet sein Bruder heute, habe sich etwa ab Ende der 1980er unwohl damit gefühlt, sich „in seinen Beziehungen dominieren zu lassen“. Beziehungen seien ihm danach immer stärker unheimlich geworden. „Zum Schluss hatte er nur noch diverse Liebhaber“, sagt Kremer.

Besonders häufig soll Strohe zuletzt einen 15 Jahre jüngeren Liebhaber getroffen haben. Im „Stiefelknecht“ war Strohe „bekannt und beliebt“, sagt sein Bruder. Er sei keiner dieser alten Haudegen gewesen, von denen seinerzeit viele dort verkehrten, sondern „eher der seriöse Typ“.

Mord am Heumarkt einer der schwierigsten für Kölner Ermittler

Für die vor einem Jahr gegründete „Cold Case“-Einheit der Kölner Polizei ist der Fall wohl einer der schwierigsten. Wie bei fast allen anderen ungelösten Kapitalverbrechen ist hier auch keine klare Beziehung zwischen Täter und Opfer erkennbar. Und: Die Spurenlage ist extrem dünn. Keine Fasern, keine DNA. Eine TV-Fahndung Jahrzehnte nach der Tat blieb erfolglos.

Selbst wenn nach mehr als 30 Jahren jemand sein Gewissen erleichtern will, könnte der Täter – sofern er überhaupt noch lebt – ohne Strafe davonkommen. Wenn Ermittler oder Richter die Tat als Totschlag einstufen, wäre sie inzwischen verjährt. „Das ist extrem unbefriedigend, und man fühlt sich sehr hilflos“, sagt Kremer. „Aber mir ist nicht wichtig, dass jemand dafür ins Gefängnis kommt. Ich möchte endlich Klarheit.“

So wie sie die Angehörigen der an Karneval 1988 am Friesenplatz getöteten Petra Nohl bekommen haben. Nach knapp 35 Jahren meldete sich ein Zeuge vor wenigen Monaten auf einen im Fernsehen ausgestrahlten Fahndungsaufruf – und gab der Mordkommission den entscheidenden Hinweis.

Die Ermittler hoffen, dass auch im Fall Strohe ein Mitwisser oder Zeuge jetzt sein Gewissen erleichtert und zur Aufklärung beiträgt. „Die Spurenlage ist sehr mau. Deshalb sind wir darauf angewiesen, dass uns jemand sein wie auch immer geartetes Wissen preisgibt“, sagt Mordermittler Markus Weber.


Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ stellt ungelöste Kölner Mordfälle aus den vergangenen 33 Jahren vor. Die Folgen erscheinen samstags und donnerstags in der Zeitung. Online sind alle acht Folgen abrufbar unter ksta.de/coldcases.

Zeuginnen und Zeugen, die Angaben zur Tat, zum Täter oder zur Täterin machen können, werden gebeten, sich bei der Polizei Köln zu melden – entweder telefonisch unter 0221/229-0, per E-Mail an poststelle.koeln@polizei.nrw.de oder auf einer Polizeiwache.

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