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Das Leben einmal ganz anders sehen

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Riehl – Es ist lange her, dass die Künstler Kriemhild Becker und Heinz Breloh die Idee hatten, das alte Waagehaus am Eingang zu den Riehler Heimstätten in einen Kunstort zu verwandeln. Beide, die Fotokünstlerin und der Bildhauer, arbeiteten im großen Atelierhaus auf dem Gelände von Kölns größter Senioreneinrichtung. Und sie waren seit jeher der Überzeugung, dass es nicht auf die Größe von Kunstwerken ankommt, sondern darauf, sie spannungsreich in Szene zu setzen. Nachdem das gerade einmal zwei Quadratmeter große Waagehaus nach dem Tod von Becker und Breloh lange Zeit künstlerisch ungenutzt blieb, wurde „Kölns kleinste Galerie“ vor kurzem unter dem Motto „Mensch Kunst!“ als Ausstellungsort wiederbelebt.

In Veränderung zum früheren Konzept, das ausdrücklich vorsah, die künstlerische Arbeit am Raum zu orientieren, wird das Waagehaus jetzt als schlichter Präsentationsort für Bilder und Skulpturen benutzt. Darüber hinaus ist er inzwischen mittels Graffitimalerei von außen als Stätte malerischer Kreativität sichtbar kenntlich gemacht. Derzeit stellt im Innern des kleinen Flachgebäudes die Künstlerin Franziska Vogt ihre Malerei aus. Das sind größtenteils kleinformatige Gemälde, in denen die „Kinder Afrikas“ und der weibliche Körper die Themen sind.

Der verletzliche Leib

Künstlerin Franziska Vogt hat erst seit zwei Jahren die Malerei auf Leinwand für sich entdeckt.

Der menschliche Leib erscheint auf diesen Bildern als namenlose, zumeist dunkle Kontur im Zeichen von Erotik, Verletzlichkeit und Spiritualität. Er wird sichtbar im Zustand der Versehrtheit und in seiner Sehnsucht, die zum anderen Menschen drängt. Und wir sehen ihn in tänzerischen Haltungen zwischen Konzentration und Dynamik, aber auch als eine winzige, schwarze Gestalt am Abgrund.

Die in Koblenz geborene Malerin, die seit langem in Köln wohnt, bringt in ihren Bildern auch ihre eigenen Schicksalsschläge zum Ausdruck. Große persönliche Krisen haben sie vor einigen Jahren überhaupt erst zur Malerei auf Leinwand gebracht. Seitdem ist das selbsttherapeutische Potenzial der freien bildnerischen Arbeit zu einem verlässlichen Bestandteil ihres Lebens geworden.

Gerade diese existenzielle Dimension berührt in der Ausstellung sehr. Solche Kunst mitten im Alltags zu präsentieren, schafft unweigerlich die von den Initiatoren des Kunstprojekts Waagehaus anvisierte Spannung. Man wird ohne Vorbereitung und Absicht durch einen flüchtigen Blick aus der Gewohnheit herausgeholt – mitten hinein in eine Möglichkeit, das Leben und sich selbst für einen Augenblick ganz anders zu sehen. Waagehaus in den SBK-Betrieben Riehl, Einfahrt Hertha-Kraus-Straße, neben dem Haus Ahorn, geöffnet täglich 7 bis 21 Uhr, bis 23. August