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„Der Ton wird immer aggressiver“

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Der Wiener Platz ist eines der Dauerbrenner-Themen für Norbert Fuchs.

Herr Fuchs, im Herbst jährt sich zum 30. Mal der Tag, an dem Sie das erste Mal zum Bezirksvorsteher – heute heißt das Bezirksbürgermeister – gewählt worden sind. Können Sie sich noch daran erinnern?

Ja, das war noch in der Stadthalle Mülheim. Dort tagte die Bezirksvertretung seit der Neubildung der Stadtbezirke im Zuge der Kommunalreform 1975 und bis zur Eröffnung des neuen Bezirksrathauses 1997. Ich war ja schon seit 1984 Mitglied der Bezirksvertretung. Mein Vorgänger Günter Neumann hatte aber 1989 vor, für den Rat zu kandidieren und musste deshalb auf eine Kandidatur für den Stadtbezirk verzichten. Mich aber nominierte die SPD als Listenführer der Kommunalwahl 1989 und somit als Kandidaten für das Amt des Bezirksvorstehers.

Hatten Sie Startschwierigkeiten?

Nein. Mein Vorteil war ja, dass ich schon fünf Jahre Erfahrung mitbrachte und wusste, wie das Geschäft läuft. Ich war als Bezirksvertreter in den Bereichen Verkehr und im Sanierungsbeirat für den Mülheimer Norden aktiv. Hier ging es darum, die Folgen des Wegbrechens der Industrie vor Ort – wie hohe Arbeitslosigkeit – in den Griff zu bekommen. In dieser Zeit entstand unter anderem das Wohngebiet auf dem ehemaligen Böcking-Gelände. Ich hatte auch schon viele persönliche Kontakte im Stadtbezirk aufgebaut, die mir die Arbeit erleichterten. Zu denen gehörte auch die Hausbesetzerszene, die damals sehr aktiv war.

Gibt es in diesen 30 Jahren Themen, die Dauerbrenner waren oder sind?

Da ist zum Beispiel der Wiener Platz. Der wurde zwar Mitte der 1990er Jahre umgestaltet und die Galerie und das Bezirksrathaus sowie die neue U-Bahn wurden gebaut, doch er ist bis heute noch nicht fertig. Außerdem sind Sauberkeit und die Anwesenheit beispielsweise von Alkoholkranken ein ständiges Ärgernis. Als unendliche Geschichte entpuppte sich auch die Diskussion um die zukünftige Nutzung des ehemaligen Güterbahnhofs. Hier läuft endlich etwas.

Wurden auch Fehlentscheidungen getroffen?

Wir hatten 1989 beschlossen, dass die Deutz-Mülheimer Straße in das Werksgelände der Deutz AG im Mülheimer Süden einbezogen wird: Die Hallen des Unternehmens zogen sich entlang beider Straßenseiten, und der Werksverkehr kreuzte sie dauernd. Es gab dann einen riesigen Protest der Anlieger aus der Stegerwaldsiedlung. Die fühlten sich von Mülheim abgeschnitten. Damit nicht genug, hieß es plötzlich auch: Deutz verlegt seine Großmotorenproduktion nach Philadelphia.

Gab es Veränderungen bei Ihren Arbeitsbedingungen?

Die gibt es sehr wohl. Es heißt zwar immer, die Bezirke sollen gestärkt werden. Doch das Gegenteil ist der Fall. Für die Kölner Oberbürgermeisterin hat ein Bezirksbürgermeister vor allem Repräsentationsaufgaben. Das stimmt aber nicht, auch weil ich sowohl mit Beschwerden überschüttet als auch für Missstände verantwortlich gemacht werde. Der Ton wird dabei in letzter Zeit immer aggressiver. Man wird angegangen, wie es das früher nicht gab. Ich verstehe meine Rolle aber als die eines Vermittlers zwischen Bürgern und der Stadtverwaltung und als Lobbyist für Mülheim. Leider beobachte ich auch, dass die Strukturen der Verwaltung anders geworden sind: Ich habe sie noch nie als so chaotisch empfunden wie in den letzten Jahren. Und: Nach einem Lichtblick im Zuge von „Mülheim 2020“ sehe ich, dass die rechtsrheinischen Stadtbezirke immer mehr abgehängt werden. Jüngstes Beispiel sind die Pläne der Stadt Köln, das Krankenhaus Holweide zu schließen.

Sie üben das Amt eines Bezirksbürgermeisters ehrenamtlich aus. Wie war das mit Familie und Beruf zu vereinbaren?

Mein Arbeitgeber hat zwar engagierte Arbeit und großen Einsatz verlangt, mir aber immer den notwendigen Freiraum gelassen. Was die Familie angeht, haben mich meine Frau und meine Kinder immer unterstützt. Ohne diese Voraussetzungen hätte ich das Amt nie gut ausfüllen können.

ZUR PERSON

Norbert Fuchs (70) wurde in Opperzau (Sieg) geboren, ist in Buchforst aufgewachsen und lebt in Mülheim. Er ist seit 1981 Mitglied der SPD. 1984 wurde Fuchs erstmals in die Bezirksvertretung gewählt und ist seit 1989 Bezirksbürgermeister von Mülheim. Mit 30 Amtsjahren ist er der dienstälteste Bezirksbürgermeister Kölns. Bevor er in den beruflichen Ruhestand ging, hat Norbert Fuchs als Leiter des Fachbereichs Gesundheitspolitik bei einem großen Pharma-Unternehmen gearbeitet. Fuchs ist verheiratet, hat drei Kinder sowie drei Enkel. (aef)