Vingst – Das Kreuz ist das wichtigste Symbol im Christentum. In der biblischen Geschichte ist es durch die Kreuzigung Christi von zentraler Bedeutung. Und seit der Entstehung des christlichen Glaubens begleitet es den gläubigen Menschen wie seine täglichen Gebete. So steht das Kreuz denn auch im Zentrum der Kreuzwege, die in zunächst sieben, später in fünfzehn bildlichen Darstellungen seit dem Ende des 15. Jahrhunderts den Betenden den Leidensweg Jesu Christi bis zu seiner Erlösung in der Auferstehung vergegenwärtigen sollen. Ob und wie die Bedeutung des Kreuzwegs in der heutigen Zeit eine Veränderung erfahren hat, soll eine Ausstellung in der Kirche St. Theodor sichtbar machen.
Dort treffen gleich zwei Kreuzwege, ausgedrückt in ganz unterschiedlicher Darstellungsform, aufeinander. Den einen hat der in Köln lebende Künstler Alo Renard (Jahrgang 1944) vor mehr als einem Jahrzehnt gemalt. Der andere wurde im Jahr 1980 von dem lange in Esslingen bei Stuttgart lebenden Grafikdesigner, Fotografen und Maler Anton Stankowski (1906-1998) gestaltet, der vor seinem Studium an der Essener Folkwangschule in den 1920er-Jahren bereits eine Lehre als Kirchenmaler absolviert hatte. Verschiedener als die Bildformen beider Künstler können künstlerische Ansätze nicht sein: Hat Renard seine 16 Szenen auf 15 Bildern in traditioneller figürlicher Malerei mit expressiven Zuspitzungen entwickelt, kommt die menschliche Figur in den 14 Kreuzweg-Stationen in Stankowskis Konzept einer konstruktiven Grafik überhaupt nicht vor. Schonungslos prallen die unterschiedlichen Sichtweisen aufeinander und stoßen die Betrachter mitten in das Problem des veränderten Menschen- und Lebensbildes in Kunst und Gesellschaft der letzten hundert Jahre.
Bei Renard steht der Mensch in seiner Körperlichkeit im Zentrum. Wir sehen Menschen, die dem Körper Gewalt zufügen und am Beispiel von Christus sehen wir den Körper, dem Gewalt zugefügt wird. Das erschreckt, das macht betroffen, erregt sogar Mitleid. Ganz im Sinne des traditionellen Kreuzweges bringt Renard über die Leiden Christi das grundsätzliche Drama menschlichen Leidens zum Ausdruck, dem sich niemand entziehen kann. Wir sehen, wie Christus das schwere Kreuz auf seinem Rücken schleppt, wie ihm Nägel durch die Unterarme geschlagen werden und wie die Menschen klagen und trauern, die ihn lieben.

Für Anton Stankowski gibt es in seinen 14 Stationen zum Kreuzweg nur ein einziges Zeichen: das Kreuz.
Copyright: Repro: Kisters
Renard gelingt es dabei, mit wenigen bildlichen Hinweisen Bezüge zum aktuellen Leiden in der Welt herzustellen, in der immer noch und immer wieder Menschen zu Opfern werden.
Bei Stankowski ist die Menschengestalt des Christus nicht nur aus dem Zentrum der Darstellung verschwunden, es gibt in seinem Kreuzweg überhaupt keinen Bezug zur menschlichen Figur mehr. Es gibt dort nur noch ein Kreuz, das aus unterschiedlichen geometrischen Farbflächen verschiedener Größe zusammengesetzt ist. In der Mitte befindet sich ein gelbes Quadrat, das im ersten Bild sehr klein, im letzten Bild den größten Raum einnimmt und leuchtet wie die Sonne.
Es gibt in allen Bildern nur ein Zeichen, das Kreuz, dessen Gestalt im Wechsel der Bilder nie aufgegeben, aber variiert wird.
Der Mensch spielt keine Rolle mehr in diesem Szenario, nurmehr die abstrakte, auf die Kreuzgestalt ausgerichtete Struktur zählt. Die Wahrnehmung wird festgelegt auf diese Struktur, aus der sie nicht fliehen kann. Es gibt Unterschiede in der Kraft des Kreuzes, aber keine Ablenkung davon. Zeigt sich darin das Ausgeliefertsein des Menschen in der nüchternen-technischen Struktur moderner gesellschaftlicher Funktionsprozesse, die von Anonymisierung und Entsinnlichung bestimmt sind? Und zeigt sich darin der Übergang von einer Kunst, die an die menschliche Figur gebunden war, zu einer Kunst der Abstraktion und Theoretisierung, deren gleichzeitige Befreiung und Sinnverwirrung den Menschen ebenso zusetzt wie sie ihnen Möglichkeiten eröffnet?
An der Nahtstelle beider so unterschiedlichen Kreuzwege wirft die Ausstellung unweigerlich solche Fragen auf. Das Kreuz erweist sich in beiden Ansätzen als verlässliche Gestalt. Bei Renard belebt es in der Konfrontation mit körperlichen Tatsachen das Wissen um Tradition und Geschichte, führt zu Betroffenheit und zum Verlangen nach einem Ausweg, einer (Er-)Lösung.
Bei Stankowski entfaltet die kalte Poesie der Flächen-Konstruktionen ein grundsätzliches Nachdenken über Zeichen und Systeme, die letztlich einen Mangel an echtem Leben aus Fleisch und Blut offenbaren. Renards Bilder stoßen uns unmissverständlich auf den Leib, der wir selber sind und für den der Leib Christi in der biblischen Geschichte steht.
Stankowskis Struktur-Bilder deuten an, dass unsere Erfahrungen möglicherweise von Strukturen und ihren Gesetzen bestimmt werden, die mächtiger sind als unsere bewusste Existenz. Wenn er dabei sichtbar macht, wie das Kreuz als Gestalt und Zeichen auf einzigartige Weise den Unterschied von abstrakt-konstruktiver und gegenständlicher Kunst aufhebt, bekräftigt das nur die besondere Bedeutung des Kreuzes für die menschliche Existenz.
An Palmsonntag, 5. April, findet um 17 Uhr eine Reflexions- und Diskussionsveranstaltung zur Kreuz-Thematik statt, an der Pfarrer Franz Meurer, der Autor Martin Stankowski und der Kunsthistoriker Guido Schlimbach teilnehmen.
Kirche St. Theodor, Burgstraße 42, geöffnet sonntags 12-13 Uhr, bis 10. April
