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Die Tricks der BetrügerWie eine Kölner Rentnerin 18.000 Euro verlor

Lesezeit 6 Minuten
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Immer wieder werden Seniorin Opfer einer Telefonbetrugsmasche.

Köln – Sie hat noch den „Tatort“ geguckt und ist dann ins Bett gegangen. Um kurz nach Mitternacht am frühen Montagmorgen klingelt ihr Telefon. „Hier ist die Polizei“, meldet sich ein Mann, „Weber mein Name. Schließen Sie die Fenster und schauen Sie, ob in Ihrem Haus alles in Ordnung ist.“ Das ist es – noch jedenfalls. Nur 18 Stunden später wird im Leben von Gertrud Brenner gar nichts mehr in Ordnung sein.

Der Anruf hat die Rentnerin aus dem Tiefschlaf geholt. Brenner, 78 Jahre alt, alleinlebend, setzt sich im Bett auf, sie muss erst einmal ihre Gedanken sortieren. „Wir haben soeben zwei Rumänen festgenommen“, fährt der Anrufer fort, „Einbrecher. Die hatten 140 Kontoauszüge bei sich und eine Liste, wo auch Ihr Name draufsteht. Haben Sie Kontakt zu Rumänen? Wurden Sie beobachtet oder verfolgt? Ist Ihr Kontostand okay?“ Brenner versteht nicht ganz, aber sie steigt aus dem Bett. Sie ist jetzt in Sorge.

Ein paar Minuten später sitzt sie am Tisch und blättert durch ihre Kontoauszüge, mitten in der Nacht. „Alles in Ordnung“, bestätigt sie und nennt dem wildfremden Mann am Telefon sogar ihren Kontostand: 18.000 Euro. Es hätte nicht viel gefehlt, erinnert sich die Ärztin im Ruhestand heute beim  Gespräch in ihrem Wohnzimmer in Köln-Brück, dann hätte sie Herrn Weber sogar das Du angeboten. „So nett war der. So fürsorglich. Er sagte immer wieder, das sei alles nur zu meinem Besten. Tatsächlich war der nur unheimlich raffiniert.“

Auszug aus der Polizeistatistik:

Dienstag, 29. Juni 2021, 17.14 Uhr, Köln-Grengel, Hegelstraße: Anruf falsche Polizeibeamte, angeblich Einbrecher festgenommen  (Versuch). 18.40 Uhr, Altstadt-Süd, Vor den Siebenburgen: Anruf falsche Polizeibeamte: Ausfragen nach Wertgegenständen (Versuch). 20.00 Uhr, Köln-Ehrenfeld, Fröbelplatz: Trickdiebstahl, weibliche Person bietet sich bei 85-Jähriger als Putzhilfe an und gelangt so in die Wohnung (Tat vollendet).

Mehr als drei Millionen Euro Beute voriges Jahr in Köln

Mehr als 700 Trickbetrügereien zum Nachteil alter Menschen hat die Polizei dieses Jahr in Köln schon registriert, manchmal bis zu 40 in einer Woche – vorwiegend übers Telefon, seltener an der Haustür. Die Zahlen sind seit Jahren alarmierend. Allein im Vorjahr haben Betrüger in Köln mehr als drei Millionen Euro Beute gemacht bei Menschen, die älter sind als 65, die meisten älter als 75. Die Polizei geht davon aus, dass sie aber nur von höchstens jedem zehnten Anruf überhaupt erfährt.

Lesen Sie hier die weiteren Folgen unserer Serie zur Telefonmafia:

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Es dürfte inzwischen im ganzen Land niemanden mehr geben, der noch nie vom Enkeltrick gehört hat oder von Schockanrufen, von angeblichen Lotteriegewinnen, falschen Polizisten oder vermeintlichen Wasserwerkern und Putzfrauen, die sich Zutritt zu einer Wohnung erschleichen, um Diebstähle zu begehen. Aber dennoch: Die Taten reißen nicht ab. Zurzeit dominiert in Köln wieder die Masche mit dem Enkeltrick: Die Anrufer geben sich als naher Verwandter aus, der dringend Geld benötigt. Oder als Arzt, der das Leben eines nahen Verwandten retten möchte und Geld für die Behandlung braucht.

Täter scheitern in über 90 Prozent der Versuche

Auch wenn die Betrüger in mehr als 90 Prozent aller Versuche erfolglos bleiben – immer wieder gelingt ihnen dann doch der eine Coup, der einen Menschen am Ende eines langen Lebens finanziell ruiniert und mitunter eine ganze Familie schwer erschüttert zurücklässt. „Wenn Sie hören, dass die Täter eine 85 Jahre alte Frau dazu bringen, auf einen Stuhl zu steigen, um ihr gesamtes Erspartes aus dem Versteck im Lüftungsschacht zu holen, das noch der verstorbene Ehemann dort deponiert hatte, dann ist das nur schwer zu ertragen“, sagt Kriminalhauptkommissarin Ina Westerhoff. Es gibt Fälle, in denen sich die Betrogenen aus Scham das Leben genommen haben. Montag, 28. Juni 2021, 11.40 Uhr, Altstadt-Süd, Martinsfeld: Anruf falscher Staatsanwalt wegen angeblichem Pfändungsbeschluss (Versuch). Sonntag, 27. Juni, 21 Uhr, Altstadt-Nord, Heumarkt: Trickdiebstahl in Wohnung, Täterin wollte angeblich Zettel für Nachbarn hinterlassen (Tat vollendet).

Im Alter lassen Misstrauen und Urteilsfähigkeit nach

„Jedes einzelne Opfer hätte noch am Abend vorher behauptet: Ich falle da niemals drauf rein“, sagt Kriminalhauptkommissar Joachim Ludwig. „Und das sind ja keine dummen oder naiven Menschen.“ Aber: Im Alter lasse häufig das Misstrauen nach, eine beginnende oder fortgeschrittene Demenz kann das Urteilsvermögen zusätzlich einschränken.

Seit fast 20 Jahren bekämpft Ludwig bei der Polizei Köln so genannte SÄM-Delikte, Straftaten zum Nachteil älterer Menschen. Er weiß: „Wer sagt, so etwas könne ihm nie passieren, der hat keine Vorstellung davon, was Emotionen auslösen können.“ Etwa wenn plötzlich ein angeblicher Arzt anruft und behauptet, die Tochter hänge mit Corona am Beatmungsgerät und brauche 30 000 Euro für ein Medikament – und zwar jetzt! Sofort! Sonst stirbt sie! Und dann, tja, dann passiert es eben. Er habe mal einen Spruch gelesen, sagt Ludwig: Wenn Emotionen und Verstand gegeneinander kämpfen, gewinnen immer die Emotionen.

78-jähriges Opfer: „Er hat mich in seinen Bann gezogen“

Gertrud Brenner erinnert sich im Rückblick an Momente, die sie stutzen ließen zu einem Zeitpunkt, als es noch nicht zu spät war. Am Morgen nach dem mitternächtlichen Anruf meldet sich der angebliche Polizist erneut. „Arbeiten Sie etwa schon wieder?“, entfährt es ihr überrascht. „Haben Sie bei der Polizei keinen Schichtdienst?“ Aber der Mann, der sich Weber nennt, wiegelt ab. Dieser Fall sei ihm sehr wichtig, Überstunden seien jetzt egal. Von welcher Wache er anrufe, will die 78-Jährige wissen. „Stolkgasse“, kommt es prompt zurück. Tatsächlich liegt dort die Innenstadtwache, das weiß Gertrud Brenner. „Er hatte auf alles eine plausible Antwort, er hat mich in seinen Bann gezogen.“

Ein paar Stunden und weitere Telefonate später bricht sie schließlich zur Bankfiliale auf – alles zu ihrer Sicherheit, wie Kommissar Weber nicht müde wird zu betonen. Sollten misstrauische Bankmitarbeiter fragen, was sie mit so viel Geld vorhabe, solle sie einfach antworten, sie hätte die Handwerker im Haus, die verlangten einen Vorschuss. Und sie solle sich die Namen der Mitarbeiter merken, die steckten nämlich mit den rumänischen Einbrechern unter einer Decke. Webers Botschaft: Alle wollten an ihr Geld, alle seien korrupt – nur ihm, Weber, könne sie jetzt noch vertrauen.

Das Geld übergibt Gertrud Brenner dem Täter vor einer Kirche

Brenner hebt 18000 Euro ab. In der Bank stellt niemand eine Nachfrage. Über Handy lotst der falsche Polizist die Rentnerin zu einer Kirche um die Ecke. Dort nimmt ein Komplize den Umschlag entgegen. Der vermeintliche Kollege müsse die Scheine im Labor noch auf Echtheit überprüfen, erklärt Herr Weber, am Abend bringe er ihr das Geld zurück. Natürlich hat sie ihre 18000 Euro nie wieder gesehen.

Der Verlust habe sie schwer getroffen, sagt die 78-Jährige heute, „aber zum Glück nicht finanziell ruiniert“. Dass sie den Tätern auf den Leim gegangen sei, ärgere sie. Aber sie schäme sich nicht, sie hadere auch nicht. „Ich kannte diese Masche nicht“, sagt sie. „Und dieser Mann am Telefon war wirklich gut geschult.“ Freitag, 25. Juni, 17 Uhr, Zündorf, Auf dem Loor: Anruf Gewinnversprechen, vor der Auszahlung müssten Notarkosten überwiesen werden (Versuch). 13.30 Uhr, Köln-Neuehrenfeld, Eisheiligenstraße: Enkeltrick, Schockanruf, Tochter hat Verkehrsunfall verursacht, sitzt in Haft, braucht Geld für Kaution (Versuch).

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