Vingst – Es gibt Werke von Künstlern, die fast alle Menschen in der Region kennen, weil sie an Orten im öffentlichen Raum vertreten sind, die wir täglich passieren. Wie die Wandbemalung an den beiden Eisenbahnunterführungen, die Mülheim und Buchforst miteinander verbinden, wo der Künstler Klaus Tenner mit zwei Kollegen bereits vor Jahren zeigte, wie schlichte Industriearchitektur und malerische Gestaltung eine sinnvolle Verbindung miteinander eingehen können. Wie aufmerksam der in Langel lebende Maler (Jahrgang 1964) seit drei Jahrzehnten die Architektur unserer Umgebungen wahrnimmt, zeigt jetzt eine Ausstellung mit seinen Gemälden.
Vor allem Brücken und Eisenbahnunterführungen zeigt er in ganz unterschiedlichen Perspektiven. Als realistischer Maler, der seine technischen Fertigkeiten im Studium an den Kölner Werkschulen erlernte, offenbart er ein ausgesprochen feines Gespür für den Zusammenhang von Gesamtgestalt und Einzelheiten. Ein Brückenbogen erweist sich als atemberaubende Form. Ein schlichter Sockel, auf dem die Brückenkonstruktion ruht, wird als geheimnisvoller Block sichtbar.
So wie der Künstler bei der Betrachtung vor Ort bezaubert war vom Kontrast heller und dunkler Zonen, warmen und kalten Lichts und vom Spannungsfeld von Schwere und Leichtigkeit, gibt er sein Erlebtes malerisch weiter. Mit den Augen folgen wir der Wölbung einer Brücke, die wir trotz der Kenntnis des Bauwerks nie zuvor so gesehen haben. Aus dem scheinbar banalen Straßenverlauf, der unter einem Gewölbebogen hindurch führt, wächst die Vorstellung, dass auf der andere Seite ein Geheimnis liegen könnte.
Leichte malerische Verschiebungen und Vernebelungen sorgen für sanfte Wahrnehmungs-irritationen. In der Betrachtung wollen oder müssen wir Schräglagen ausbalancieren, die fragmentarische Konstruktion vervollständigen und hinter dem Nebel die Klarheit fortsetzen. Tenners abgetönte Farben kommen den Wahrnehmungen des Alltags sehr nahe. Zugleich erinnern uns seine farbigen Zuspitzungen jedoch an die oft vergessene Erdverbundenheit der Kultur, von der wir auch in der scheinbaren Naturferne industrieller Architektur nicht abzuschneiden sind. So machen die Stahl-Verstrebungen der Brücken gleichermaßen die Gewalt des menschlichen Bauens und ein erstaunliches Weitegefühl mitten in der engen Großstadt spürbar. In Tenners Kompositionen wird die vertraute Stadt teilweise fremd.
Tatsächlich strömt immer wieder ein Hauch des Fantastischen aus seinem Realismus. Das gilt ganz besonders für das Motiv eines Zerstörungsszenarios, das Bilder der Erinnerung an das im Zweiten Weltkrieg zerstörte Köln mit unheimlichen Zukunftsvisionen verknüpft. Tenner entfaltet die zarte expressive Freiheit und Leichtigkeit, die der Realismus braucht, um Bewegung in die Statik unserer gewohnten Sicht auf industrielle Architektur zu bringen. „Es gibt viel schlimme Architektur, aber es gibt auch viel schöne Architektur. Und es gibt morbide Architektur, in der das zunächst Hässliche unfreiwillig schön wird“, beschreibt Tenner eine grundsätzlich anachronistische Erfahrung, die er malerisch ins Bild bringen will.
Dass wir nach dem Besuch einer solchen Ausstellung die gewöhnliche Umgebung erst einmal mit anderen Augen betrachten, belegt die Kraft solcher Bilder.
Pfarrkirche St. Theodor, Burgstraße 42, geöffnet So 12-13 Uhr, bis 25.11.
