Die Eskalation im Nahen Osten lässt die Spritpreise wieder steigen. So blicken Bürger, Unternehmen und Handwerk auf die Herausforderungen.
E-Autos immer beliebterSo reagieren Kölner auf die hohen Spritpreise

Die Anzeigetafel einer Kölner Tankstelle zeigt die Auswirkungen der steigenden Rohölpreise für den Endverbraucher.
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12 Uhr. Das ist die Stunde, die auch an diesem Montag für Autofahrerinnen und Autofahrer geschlagen hat: Dann springen die Spritpreise an den Tankstellen nach oben – in Niehl sind es rund 20 bis 30 Cent mehr pro Liter bei Benzin und Diesel. In den vergangenen beiden Wochen haben die Spritpreise bereits kräftig angezogen. Noch am 30. August war etwa E10 um gut 12 Cent billiger als am Sonntag, Diesel um gut 20 Cent.
Das macht sich auch im Portemonnaie von Helene Eibel bemerkbar. Auf Reisen tankt sie deshalb nicht mehr auf der Autobahn. Sie fahre stattdessen möglichst weit raus, um möglichst wenig zu zahlen. Sie mache sich vor allem um die Menschen Gedanken, die ärmer sind. „Letztendlich wird Autofahren nur noch für Menschen, die privilegiert sind, möglich sein und das ist schrecklich“, so Eibel. Sie findet die hohen Preise vor allem ungerecht: „Die Mineralölkonzerne machen sich die Taschen voll, weil sie wissen, dass das Auto das liebste Kind des Menschen ist.“
Kölner fordern mehr Anreize für den ÖPNV

Helene Eibel befürchtet, dass Autofahren zum Luxus wird.
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Ähnlicher Meinung ist auch die Kölnerin Anna Wittmann, sie würde sich Konsequenzen von der Politik wünschen. „Die Politik sollte ein Auge darauf haben, dass sich die Ölkonzerne nicht weiter bereichern“, fordert sie. Wittmann tankt ihr Auto seit der Preiserhöhung nicht mehr voll, sondern zahlt 50 Euro und schaut, wie lange es reicht. Ihr Auto nutzt sie allerdings so regelmäßig wie zuvor, denn: „Die Tickets für Bahn und KVB sind super teuer. Das lohnt sich auch nicht“, findet sie. Auch Ute Kipping aus Mülheim fordert, dass die Politik Anreize für den Öffentlichen Nahverkehr schaffen solle „und nicht das Deutschlandticket noch mal teurer macht!“ Sie selbst sei zum Glück nicht so abhängig vom Auto: „Sonst würde ich ja einen Rappel kriegen.“

Ute Kipping aus Mülheim ist zum Glück nicht so abhängig von ihrem Auto.
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Unternehmen können die Benzinpreise bislang kompensieren
Auch der Handelskonzern Rewe beobachtet den starken Anstieg der Spritpreise. Internen Anpassungsbedarf sehe man aktuell aber nicht, teilt ein Sprecher des Kölner Unternehmens mit. „Wir sind flexibel aufgestellt, sodass der Einfluss der Spritpreise durch verschiedene Maßnahmen aktuell gut kompensierbar ist. Für unsere Kundinnen und Kunden gibt es daher keine Auswirkungen.“ Die Logistik arbeite zudem „seit Jahren mit hoher Effizienz: automatisierte Tourenplanung, telematikgestützte Fahrdaten und ein diversifizierter Fuhrpark mit zahlreichen alternativen Antrieben – darunter E-Lkw und Wasserstofffahrzeuge“. Dank dieser Systeme legten die Fahrer bereits „sehr wenige unnötige Kilometer“ zurück.
Die Auswirkungen auf die Mitarbeiter in der Verwaltung seien ebenfalls überschaubar. „Wir verfügen über bewährte, flexible Arbeitsregelungen, die mobiles Arbeiten und digitale Zusammenarbeit bereits sinnvoll ermöglichen. Deshalb sehen wir derzeit keinen Anlass, unsere bestehenden Regelungen für Verwaltungsmitarbeitende zu verändern“, teilte der Sprecher weiter mit. Ähnlich verhält es sich beim Gothaer-Konzern. Der Kölner Versicherer erlaube seinen Mitarbeitern flexible Home-Office-Regelungen, dank derer Arbeitswege seltener zurückgelegt würden, sagte eine Sprecherin.
Handwerk bekommt die gestiegenen Spritpreise stark zu spüren
Die gestiegenen Spritpreise belasten vor allem das Handwerk stark, darunter mobile Gewerke mit vielen Fahrten zu Kunden und Baustellen, wie Sanitär, Heizung, Klima (SHK)- oder Elektro-Betriebe. Das betrifft laut der Handwerkskammer zu Köln (HWK) im Stadtgebiet 480 SHK-Betriebe und rund 570 Elektro-Betriebe. Ein Sprecher der HWK teilt dieser Redaktion mit: „Gerade für Betriebe mit größeren Fuhrparks ergeben sich durch die hohen Spritpreise immense Mehrkosten.“ Er verweist außerdem auf die in den vergangenen Jahren gestiegenen Energiekosten, die das Handwerk ohnehin schon belasten. Thomas Radermacher, Präsident der Handwerkskammer zu Köln, hofft auf Entlastungen durch die Politik und sagt: „Schnelle Lösungen für das komplexe Problem sind zwar nicht in Sicht. Dennoch darf die Politik den steigenden Preisen an den Tankstellen nicht einfach nur zusehen, sondern muss sich um Lösungen zur Abfederung bemühen.“
Die hohen Spritpreise lassen Autokunden derweil umdenken: E-Autos werden attraktiver. Diesen Effekt bemerkt auch ein namhaftes Kölner Autohaus, das namentlich nicht genannt werden möchte. Fast die Hälfte der Aufträge im April seien auf E-Autos zurückzuführen, heißt es dort. Das seien so viele wie noch nie gewesen. Entsprechend sei das Angebot zuletzt massiv mit E-Autos aufgerüstet worden. Vor allem Unternehmen mit großen Fuhrparks setzen verstärkt auf E-Mobilität.
Elektroautos werden immer beliebter
„Im August wurden in Deutschland 68.930 reine Elektroautos neu zugelassen, 75,1 Prozent mehr als im Vorjahresmonat“, sagt Holger Küster, Geschäftsführer des Automobilclubs ACV. „Ihr Anteil an allen Pkw-Neuzulassungen lag bei 32,4 Prozent. Dieser starke Zuwachs hat mehrere Ursachen, etwa die Förderung, aber auch ein breiteres Angebot und zunehmend bezahlbare Modelle.“ Aus den Zulassungszahlen allein lasse sich kein direkter Zusammenhang mit den Spritpreisen ableiten. „Es ist aus Sicht des ACV jedoch plausibel, dass hohe Benzin- und Dieselpreise den Kostenvergleich zugunsten des Elektroautos verschieben und den aktuellen Trend zusätzlich verstärken“, so Küster.
Ähnlich äußert sich Dirk Wasmuth. Der Geschäftsführer der Arbeitgeber Köln, sagte dieser Redaktion: „Auch wir beobachten derzeit, dass die Elektromobilität in Deutschland zunehmend an Fahrt gewinnt. Die hohen Spritpreise sehen wir zwar grundsätzlich kritisch, sie scheinen den Umstieg auf elektrisch betriebene Fahrzeuge aber zu beschleunigen. Entscheidend ist für uns aber, dass die steigende Nachfrage nach Elektrofahrzeugen vor allem den Produktionsstandort Deutschland stärkt, Arbeitsplätze sichert und neue Beschäftigungsperspektiven in unseren Unternehmen eröffnet. In der Elektromobilität liegen große Chancen für Innovation, Wertschöpfung und Beschäftigung – vorausgesetzt, wir schaffen die richtigen Rahmenbedingungen, damit diese Chancen auch am Standort Deutschland genutzt werden.“
„Die Kraftstoffpreise in Deutschland bewegen sich spätestens seit dem Ende des Tankrabatts auf einem sehr hohen Niveau. Besonders auffällig ist die Reaktion auf die Entwicklung am Rohölmarkt: Als der Ölpreis nach seinem Höchststand im Frühjahr deutlich zurückging, blieb die Entlastung an den Tankstellen in mehreren Phasen deutlich hinter dieser Entwicklung zurück“, sagt Küster. Nun habe sich die Situation gedreht. „Die Rohölpreise steigen infolge der erneuten Eskalation im Nahen Osten wieder kräftig, und binnen kurzer Zeit sind auch Benzin und Diesel deutlich teurer geworden. Dass ein solcher Ölpreisschub die Kraftstoffpreise beeinflusst, ist nachvollziehbar. Die Preisentwicklung darf aber keine Einbahnstraße sein“, sagt Küster.
Aus Sicht des ACV zeige sich in den vergangenen Monaten wiederholt ein problematisches Muster: Verschlechtern sich die Bedingungen auf den Rohöl- und Beschaffungsmärkten, werden die Auswirkungen für Autofahrer sehr schnell spürbar. Entspannt sich die Lage wieder, komme die Entlastung an den Zapfsäulen häufig deutlich langsamer an. „So verfestigt sich ein Preisniveau, das bereits vor dem jüngsten Ölpreisanstieg ausgesprochen hoch war. Viele Menschen können darauf nicht einfach mit weniger Autofahren reagieren. Sie sind für den Arbeitsweg, die Familie oder ihren Alltag auf das Auto angewiesen und müssen die höheren Preise bezahlen“, so der ACV-Chef. Gerade deshalb müssten günstigere Marktbedingungen ebenso konsequent an die Verbraucher weitergegeben werden wie steigende Belastungen.

Peter Grüne aus Niehl hat sich vor kurzem einen Hybrid-Wagen zugelegt. Innerhalb von Köln fährt er aber meistens Fahrrad.
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Peter Grüne aus Niehl setzt derweil aufs Spritsparen: „Ich habe mir jetzt ein neues Hybrid-Auto geholt, das bringt wirklich was.“ Innerhalb von Köln fahre er nur E-Bike, denn beim Auto gebe es ja noch eine zusätzliche Problematik: „Die Parkpreise sind noch teurer als die Spritpreise“, sagt er und lacht. Und für die öffentlichen Verkehrsmittel zahle er genau so viel wie für sein Auto: „Wenn ich für eine Fahrt mit dem ÖPNV zehn Euro zahle, kann ich auch Auto fahren“, sagt Grüne und fügt noch an: „Dann entscheide ich mich natürlich für die bequemere Variante.“
