Zum 40. Tschernobyl-Jahrestag zeigt die Alte Wursterei in Ehrenfeld erneut das preisgekrönte Drama „Störfall“ nach Christa Wolf.
40 Jahre TschernobylDas Kölner „disdance project“ zeigt erneut das Drama „Störfall“

Paula Scherf und André Lehnert von „disdance project“ laden zum gesellschaftskritischen „Störfall“ in die Alte Wursterei.
Copyright: Thomas Dahl
„Die Bedrohung nicht im äußeren Feind sehen, sondern im eigenen Innern. Ist dies die allerutopischste von allen Utopien?“, fragt Schriftstellerin Christa Wolf in ihrer 1987 erschienenen Erzählung „Störfall. Nachrichten eines Tages“. In der Geschichte sieht sich die Hauptdarstellerin in parallelen Geschehnissen mit der Atomkatastrophe von Tschernobyl und einer lebensgefährlichen Gehirnoperation des Bruders konfrontiert. 2021 gestaltete das Kölner „disdance project“ den Stoff zu einer preisgekrönten Bühnenfassung, die mittels digitaler Echtzeit-Befragung das Publikum und seine Sichtweisen integrierte.
Anlässlich des 40. Jahrestages des Reaktorunfalles in der Ukraine wird das Stück Ende April sowie voraussichtlich im Herbst dieses Jahres in der „Alten Wursterei“ an mehreren Terminen im Format einer multimedialen Tanz-Theater-Videoproduktion neu aufgeführt. „Das Werk ist angesichts weiterer Castor-Transporte mit Atom-Müll und der neu aufkommenden Diskussion um die Weiternutzung der AKWs zur Stromgewinnung hochaktuell“, sagt Regisseur André Lehnert. Demnach stellen sich weiterhin Fragen zur Verantwortung atomarer Energien, die mit der Abschaltung der letzten drei deutschen Kernkraftwerke im Frühjahr 2023 zumindest in der Bundesrepublik eigentlich als beantwortet galten.
Aufbau eines Bewusstseins-Archivs
Choreografin und Schauspielerin Paula Scherf sieht Wolfs Text sowohl aus einer philosophischen als auch aus einer neurologischen Perspektive. „Was bedeutet verantwortungsvoller Umgang mit Technik eigentlich? Vielleicht hat sich unser unbeschäftigter Gehirnteil tatsächlich in eine manisch-destruktive Hyperaktivität geflüchtet“, greift Scherf eine der Thesen des Werks auf. Das Ensemble von „disdance project“ transferiert die darin verdichtete Atmosphäre von Hoffnung und Untergang als wunderlichen wie verwirrenden Tanz der Extreme.
Die Produktion versteht sich jedoch als konstruktiv. „Wir fragen in den Aufführungen konkret, was der Einzelne gegen die drohenden Gefahren – nicht nur in Bezug auf zukünftige Super-GAUs – machen kann, was man zum Leben denn braucht und auf was verzichtet werden könnte“, so Scherf im Gespräch mit dieser Zeitung. Im Zuge der interaktiven Performance laste jedoch kein Druck auf den Zuschauern. Die Teilhabe erfolge natürlich freiwillig und anonym via Smartphone. Zuvor erhalten die Besucher eine Freischaltung für die betreffende Homepage. Mit rund 60.000 Bekundungen aus den vergangenen Jahren sei damit ein umfangreiches Bewusstseins-Archiv zu den Problemen der Zeit entstanden, berichten die Theatermacher.
„Störfall“, „disdance project“, Alte Wursterei, 24./25. April 20 Uhr, 26. April 18 Uhr, 14. November 20 Uhr, 15. November 18 Uhr, Pettenkoferstr. 4, 50823 Köln, Regie/Video/Sound/Programmierung: André Lehnert, Choreografie/Tanz/Schauspiel: Paula Scherf, Karten-Telefon: 0221 16909379, www.disdanceproject.de
