50 Meter KölnDer Tod und das Lachen

Rechtsmediziner, Präparatorin
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Ehrenfeld – Friedhofschef Peter Lejeune und Bestattungshelfer Jörg Oppenau sitzen im Büro des Friedhofs Melaten und fachsimpeln gemütlich über Gräber, als ein Zitronenfalter zur Tür hereingeflattert kommt. „Ah, das ist mein Schwiegervater Walter, der vor drei Monaten gestorben ist“, sagt Lejeune. „Komm zu uns, Walter, schön, dass du wieder da bist.“ „Ruhig, Peter, ganz ruhig“, sagt Oppenau.
Lejeune grient. Der Schelm mit dem Schnäuzer und dem Krempenhut kann nicht nur über den Schmetterling als Symbol der Auferstehung wunderbar erzählen. Das Leben, sagt er, sei bloß eine Zwischenstation. Die Kunst bestehe darin, zu sein, statt zu suchen, und dem Tod neugierig zu begegnen. „Wie es danach weitergeht, erfahren wir sowieso erst im Moment des Todes. Wozu also vorher Energie verschwenden?“ Lejeune (61), der fest an ein Leben danach glaubt, lacht. Oppenau (48), der glaubt, dass es mit dem letzten Atemzug vorbei ist, sagt gespielt resigniert: „Du wärst besser Pfarrer geworden.“ „Das sagt meine Frau auch immer“, sagt Lejeune.
Beerdigungen im Stundentakt
50 Meter Köln heißt unsere Serie, in der die Redaktion die Vielfalt der Stadt ergründet. Nachbarn, die dem ersten Anschein nach Welten trennen, sprechen über ihren Alltag – regelmäßig im Lokalteil. (uk)
Der Zitronenfalter flirrt über den Schreibtisch, auf dem die Zettel mit den Grabräumungszeiten liegen. Vorarbeiter Oppenau telefoniert bei Dienstantritt um 6.45 Uhr die abzuräumenden Gräber an die Bestatter durch – „wer nicht zahlt, fliegt raus“, sagt Lejeune. Wenn Grabschmuck und Steine entfernt sind, heben die Bestattungshelfer, die früher Totengräber hießen, die Gruben aus; die Doppelgräber 2,50 Meter tief, die Einzelgräber 1,80 Meter. Die Beerdigungen finden im Stundentakt statt. Bis zu zehn pro Tag.
In der Kühlkammer des benachbarten Instituts für Rechtsmedizin am Melatengürtel wird ein Leichnam in weißer Plastikhülle angeliefert. „Was für ein Brocken“, sagt ein Bestatter. Sein Kompagnon antwortet mit einem Girren. An den silbern glänzenden Kühlzellen hängen rosafarben die Zettel mit Namen und Gewicht der Verstorbenen. Eine Fliegenklatsche baumelt an einem rollbaren Metalltisch. „Seit ich hier arbeite, verbinde ich mit Fliegen etwas anderes als vorher“, sagt Rechtsmediziner Thomas Kamphausen, und begrüßt mit einem lustigen Spruch Denise Pönisch, die als Sektions- und Präparationsassistentin Dienst tut und soeben eine Leiche in einer Kühlzelle verstaut hat.
„Herr Kamphausen lacht eigentlich immer“, sagt Pönisch, die den Ärzten beim Obduzieren hilft. Ihre Arbeit findet sie spannend. „Keine Leiche ist wie die andere. Mit der Feststellung von Todesursachen helfen wir den Ermittlern. Und wir haben viel Spaß.“ Obwohl es manchmal – wie jetzt – riecht, wie es riecht, wenn Fleisch verwest. Das ist auch für Oppenau eine der unangenehmsten Begleiterscheinungen: Der Geruch, wenn Gräber erst kürzlich Bestatteter umgebettet werden müssen. Thomas Kamphausen erlebt das, wenn Leichen exhumiert werden; und wenn er Tote begutachtet, die seit Wochen in einer Wohnung lagen. „Ich rate meinen Studenten, tief durch die Nase einzuatmen, man gewöhnt sich nach fünf Minuten an den Geruch“, sagt der 38-Jährige. Lächelnd. Leichen, fügt er hinzu, als er die blutleeren Gesichter der Reporter sieht, seien für ihn nichts Erschütterndes. „Das ist ja unser Alltag hier. Das ist ganz normal.“
Ganz normal, die Leichen von Unfallopfern, Ermordeten oder Kindern aufzuschneiden, das klingt kühl. Aber eine sachliche Perspektive ist ja nötig, anders geht es nicht. Frösteln macht das Lachen und die Sachlichkeit wohl nur, weil man selbst den Tod immer mit dem Verlust geliebter Menschen verbindet.
„Es ist gut, fröhlich zu sein“
Jörg Oppenau sagt, an die täglichen Toten gewöhne sich zumindest der Kopf, der Körper weniger. Oppenau, ein stattlicher Mann mit gutmütigem Blick, ist 48 und seit 19 Jahren Bestattungshelfer. „Meine Knie, der Rücken und die Hüften sind kaputt“, sagt er. Manchmal wiegen die Särge, die er mit drei Kollegen trägt, über 300 Kilo. Am schlimmsten für den Rücken ist das Herablassen der Kisten in die Grube. Das ist auch für die Hinterbliebenen der schwerste Moment. „Manche wünschen sich, nicht so tief gelegt zu werden“, sagt Lejeune. „Manche liegen zu Lebzeiten hier zur Probe.“ „Die meisten liegen aber irgendwann unten“, sagt Oppenau. Sie lachen. Falter Walter ist zur Tür herausgeflogen, Lejeune wird ernster. „Es ist gut, fröhlich zu sein hier. Wir lachen bestimmt mehr als anderswo. Man muss nur wissen, wann – und wann nicht.“ Wenn der Sarg herabgelassen wird, sicher nicht: Oppenau sieht dann in die Gesichter der Trauernden. „Vor allem bei jungen Menschen schaudert es einem.“
Das Lachen, das in der sterilen Rechtsmedizin wie auf dem blühenden Friedhof gelacht wird, ist auch ein Lachen gegen den Tod. „Man muss Distanz wahren, sonst geht man schnell kaputt“, sagt Kamphausen. „Man muss optimistisch sein“, sagt Lejeune. Wer keinen Abstand wahren könne, arbeite nicht lange hier, sagt Oppenau. So geht es auch den Studenten in der Rechtsmedizin. Einigen vergeht das Lachen, anderen nicht.
Man darf sich Obduktionssaal und Friedhof nicht als Stätten ständigen Witzemachens vorstellen. „Es geht darum, die Menschen würdevoll zu verabschieden“, sagt Lejeune. Kamphausen spricht von „professioneller Empathie“.
Die Frage ist: Wie nehmen Menschen, die ständig mit Toten beschäftigt sind, den Tod wahr? „Ich betrachte die Körper, die ich sehe, eher nicht als Menschen“, sagt Oppenau. Pönisch spricht von Körpern, die sie aufschneide, aber nicht als Personen wahrnehme. „Das war nur bei meiner ersten Leiche so. Da weiß ich heute noch, wie sie aussah.“
Wenn der Tod lebendige Gesichter bekommt
„Die Leichen, die in die Rechtsmedizin kommen, sind grau und kalt, für mich sind das entseelte Körper“, sagt Kamphausen. „Schwerer ist es, wenn die Toten nach einem Gewaltverbrechen noch warm sind.“ Und wenn die Angehörigen ins Leichenschauhaus kommen, um Abschied zu nehmen. Dann bekommt der Tod lebendige Gesichter.
Oppenau hat seine Anzugsuniform, die ihn schützt, Kamphausen trägt im Obduktionssaal Arztkittel, im Büro Designerkleidung. „Unser Chef trägt immer Kittel. Für mich ist der Kittel eher eine nützliche Verkleidung.“ Er schaut aus dem Fenster seines Büros auf den Friedhof. Ein Eichhörnchen flitzt über die Mauer. Wenn eine Bestattung in der Nähe ist, hört er manchmal Blasmusik. Er tippt auf die Heizung und fragt: „Kennen Sie die Geschichte, dass der erste Leiter unseres Instituts von hier Kaninchen geschossen hat? Irgendwann fand man die Patronenhülsen in der Heizung. Unser Chef erzählt die Geschichte gern.“
Thomas Kamphausen, leitender Oberarzt für forensische Radiologie, sieht aus wie ein Model, und ist das Gegenteil von oberflächlich. Gewandt spricht er über sein Fach, das ihm anfangs „suspekt“ gewesen sei, über Todesursachen, die Arbeit mit Kriminalbeamten, „für die wir den medizinischen Sachverstand liefern, ohne selbst zu ermitteln wie Börne im Tatort“ oder die Forschungserkenntnisse zum plötzlichen Kindstod. Offen redet er über sein Verständnis von Leben und Tod. Er sagt: „Mein Glaube an ein Leben danach ist hier schnell verloren gegangen. Ich glaube nur an die Gegenwart.“ Und: „An die Freude daran.“ Er leuchtet. Das Charisma hat Thomas Kamphausen mit Peter Lejeune gemein; auch die Unerschrockenheit. Und den Witz.
