Ehrenfeld – Ein trauriger Jahrestag: Am 10. November ist es genau 75 Jahre her, dass an der Ecke Hüttenstraße/Venloer Straße 13 junge Menschen hingerichtet wurden. An derselben Stelle hatte gut zwei Wochen zuvor schon einmal eine Hinrichtung stattgefunden.
Elf Zwangsarbeiter aus Polen und der Sowjetunion wurden gehenkt. Gerichtsverfahren gab es keine. Auch in diesem Jahr wird mit einem Schweigemarsch durch Ehrenfeld an diese Verbrechen des Naziregimes, verübt durch Geheime Staatspolizei (Gestapo) und SS, erinnert.
Es ist ein schon traditioneller Akt, bei dem mehrere Verbrechen der Nationalsozialisten in Ehrenfeld in Erinnerung gerufen werden. BezirksbürgermeisterJosef Wirges, das Kuratorium Edelweißpiraten Ehrenfeld und das Bündnis „Köln stellt sich quer“ laden zur Teilnahme ein. Am Sonntag, 10. November, um 16 Uhr beginnt der Marsch in der Körnerstraße 101. Dort befand sich vom 18. September 1927 bis zum 9. November 1938 die Ehrenfelder Synagoge.
Sie wurde in der Pogromnacht zerstört. Nach einer Ansprache von Miguel Freund, Vertreter der Synagogengemeinde Köln, wird sich der Teilnehmerzug durch die Körnerstraße, Venloer Straße und Ehrenfeldgürtel zur Bartholomäus-Schink-Straße begeben. An der heutigen Gedenkstätte für die im Oktober und November 1944 Ermordeten findet die Abschlusskundgebung statt. Josef Wirges und der Kölner DGB-Vorsitzende Witich Roßmann werden sprechen. Den musikalischen Rahmen gestalten das Markus Reinhard Ensemble und Rolly und Benjamin Brings.
„Mehr denn je ist es wichtig, dass wir alle unsere Stimme erheben“, sagt Bezirksbürgermeister Josef Wirges. Er hofft, dass wie im vergangenen Jahr mehr als 1000 Teilnehmer der Veranstaltung das nötige Gewicht verleihen werden.
Gerade in Ehrenfeld ist das Interesse an der Geschichte des Widerstands gegen das NS-Regime groß. Die sogenannte „Ehrenfelder Gruppe“ aus ehemaligen Zwangsarbeitern, Deserteuren und unangepassten Jugendlichen, zu denen auch Edelweißpiraten gehörten, wurde wegen diverser Sabotageakte im August und September 1944 gnadenlos verfolgt.
Das Thema hat Buchautor Frank Maria Reifenberg in seinem Briefroman „Wo die Freiheit wächst“ aufgegriffen. Das im Sommer erschienene Buch wurde jetzt im Buchsalon Ehrenfeld im Rahmen einer szenischen Lesung präsentiert.
Rund 50 Zuhörer verfolgten die ergreifenden Passagen, die vom Autor selbst sowie Maren Gottschalk und Gerlis Zillgens – ebenfalls Autorinnen und Sprecherinnen – vorgetragen wurden. Protagonistin Lene ist eine 16-jährige Auszubildende, die im Kriegsjahr 1942 Briefkontakte zu einer Freundin und ihrem Bruder pflegt.
Im vorgetragenen Buchausschnitt wurde der schmale Grat zwischen Sehnsucht nach Normalität und der ständigen Angst um das eigene Leben und dem Nahestehender deutlich. Roter Faden in dieser auf Fakten basierten Romanfiktion ist die zarte Beziehung des Mädchens zu einem der damals unangepassten Jugendlichen.
In erster Linie ist es ein Jugendbuch, das sich dem dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte widmet. Reifenberg betonte: „Seit dem Wahlergebnis aus Thüringen wissen wir wieder ganz genau, weshalb wir solche Bücher schreiben.“ Und warum sie gelesen werden sollten.
Josef Wirges, Ehrenfelds
Bezirksbürgermeister
DAS BUCH
Frank Maria Reifenberg: Wo die Freiheit wächst, Briefroman zum Widerstand der Edelweißpiraten, 384 S., illustriert von Felicias Horstschäfer, Ars Edition, 12,99 Euro
