Klettenberg – Ein roter Kater, der in der Erdgeschoss-Wohnung ein und aus geht, ein Zigarre rauchender Blockwart-Typ namens Willi Schneider, eine einbeinige Joggerin und Radio-Redakteurin und eine ältere Frau, die von Hartz IV lebt und neben dem roten Kater noch ein ganzes Rudel streunender Katzen versorgt – dazu kommt noch die Café-Besitzerin Henry, die von morgens bis abends backt, wenn sie nicht gerade mit ihrem Guru-artigen Partner Gunter in einer mit Spiegeln und Glas-Phalli ausgestatten Wohnung – ja, was eigentlich treibt?
Die verschrobene Hausgemeinschaft eines Hinterhauses im Prenzlauer Berg setzt den Ton für eine Geschichte um die Leiche eines seit 20 Jahren verschollenen Jungen, die ausgerechnet von der unbedarften Caro entdeckt wird. Caro lebt im vierten Stock des Vorderhauses, in einer hippen Altbauwohnung, bis ihr Freund, der bestaussehendste Orthopäde Berlins, sie mit sieben Umzugskartons vor die Tür setzt, beziehungsweise sie sich im Hof, einer düsteren Zwischenwelt zwischen Vorder- und Hinterhaus , wiederfindet.
Dass ausgerechnet die unselbständige Caro, die mit ihrem Mann gleich ihr ganzes Leben verliert, in einem Klokabuff auf halber Treppe im Hinterhaus die Leiche eines Kindes entdeckt, ist der Auftakt zu einer Krimi-Handlung mit Wendungen und Kniffen, die den Leser bis zur Auflösung nach 304 Seiten bestens unterhält.

Lioba Werrelmann lebt in Klettenberg und hat in ihrem Krimi auch ihre Katze in einer Nebenrolle verewigt.
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Lioba Werrelmann legt mit Hinterhaus ihren ersten Krimi vor. Die WDR-Redakteurin, die fünf Jahre selbst als Hauptstadt-Korrespondentin in einem Hinterhaus im Prenzlauer Berg gelebt hat, wollte eigentlich wieder ein Sachbuch schreiben. In ihrem ersten Buch hatte sie über ihren angeborenen Herzfehler geschrieben. Doch dann hatte sie die Idee zu ihrem ersten Krimi. „Ich hatte diese Frau getroffen, die im Krimi als Mandy-Monika auftaucht, die als Kind in der DDR im Wochenheim gelebt hat. Es hat mich interessiert, was das mit den Kindern macht“.
Kinder berufstätiger Eltern wurden schon im Säuglingsalter unter der Woche ins Heim gebracht, gängige Praxis im Arbeiter- und Bauernstaat. Hinzu kam das Thema sexueller Missbrauch, mit dem Werrelmann sich auch schon journalistisch beschäftigt hatte.
In wenigen Monaten floss die Geschichte um den verschollenen Jungen und die Verstrickungen der Mieter des Hinterhauses in diesen fast vergessenen Mordfall aus ihr heraus. Die letzten vier Wochen schloss sich die 49-Jährige quasi in ihrer Wohnung ein, um die Einflüsse von außen zu minimieren. „In der heißen Phase kann ich mich dann wirklich mit nichts anderem beschäftigen. Auch wenn nicht alle Freunde dafür Verständnis hatten“, erinnert sich Lioba Werrelmann.
An ihren Computer heftete sie eine Liste mit all den Hinweisen, die sie im Text verteilte, um am Ende abhaken zu können, dass alle offenen Erzählstränge auch aufgelöst werden. „In Hinterhaus wollte ich anders als in mein Herzbuch nichts Persönliches reinpacken, die Protagonisten sind alle frei erfunden, es gibt höchstens gewisse Parallelen“, schmunzelt die gebürtige Jülicherin, die in Klettenberg wohnt.
Dass Caro einen Job als Radio-Moderatorin hat etwa, oder der „bestaussehende Orthopäde Jens“, der sich nach einem längeren Doppel-Leben quasi durch die Hintertür davonmacht, solche Männer hat Lioba Werrelmann auch schon im realen Leben kennen und fürchten gelernt. „Jens ist der Prototyp des feigen Mannes“, sagt Werrelmann. Und dass die Bäckerstochter eine wesentliche Hauptrolle mit einer stets kuchenteigverschmierten Gastronomin besetzt, kommt wohl auch nicht von ungefähr. „Ich liebe Kuchen, und das Café, über das ich schreibe, samt der stillenden Macchiato-Mütter und SUV-fahrenden Väter, gibt es im Prenzlauer Berg natürlich zuhauf.“
DER KRIMI
Lioba Werrelmann: Hinterhaus Bastei Lübbe, 304 Seiten, 10 Euro
Lioba Werrelmann, Autorin