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Esthaloco„Ich werde immer rappen“

5 min

Esther Lischka ist die Rapperin Esthaloco.

Manchmal steht die Welt um Esthaloco Kopf. „Está loco – Es ist verrückt“, denkt Esther Lischka, wenn das Jurastudium hakt oder alles mal wieder den Bach heruntergeht. Doch all das, was sie ärgert, und all das, was sie erfreut – und all das dazwischen – kann sie ja auch für ihre Kunst verwerten: Die 28-Jährige ist Hip-Hopperin. Esther Lischka alias Esthaloco rappt – was Frauen eher selten tun. In ihrem Veedel Nippes kennt sie jedenfalls keine andere Rapperin. Und im Rest der Stadt sind ihr nicht viele Frauen bekannt, deren Leidenschaft der Sprechgesang ist.

Esther Lischka alias Esthaloco wurde am 5. Februar 1985 in Nippes geboren – und ist dort aufgewachsen. Die Jurastudentin steckt derzeit im ersten Staatsexamen. Rap ist für sie der Ausgleich zum stressigen Alltag.

Angefangen zu rappen hat Esther Lischka mit 15 Jahren in ihrer Clique, in der viele Kindergartenfreunde ihres Bruders waren. Die Gruppe nannte sich Cologne-Oldskool-Cooperator, kurz COC. „Meistens haben wir uns bei einem von uns zu Hause in Nippes getroffen. Die Jungs haben mich motiviert, zu rappen. Sie haben alles aus mir rausgeholt. Ich war sehr abhängig von der Anerkennung meiner Homies.“ Die Homies, Freunde im Hip-Hop-Sprech, weckten ihren Ehrgeiz. Sie wollte sich beweisen, dass sie es mindestens so gut kann wie die Jungs.

Herr Rappe, zuletzt ist Hip-Hop etwas ins Gerede gekommen, bundesweit kamen Gangsta-Rapper wie Bushido in die Schlagzeilen.

Michael Rappe: Gangsta-Rap thematisiert sehr extrem, oftmals bis zu Karikatur, Machismo, Homophobie, Hedonismus und Frauenfeindlichkeit – aber auch Rassismus und Migrationserfahrungen. Hip-Hop ist eine vielfältige und komplexe Kultur, die sich in Deutschland seit mehr als 30 Jahren entwickelt. Gangsta-Rap ist nur eine Erscheinungsform unter sehr vielen.

Wie ist die Geschlechterverteilung im Rap beziehungsweise im Hip- Hop?

Rappe: Hip-Hop ist eine eindeutig männlich dominierte Kultur. Dadurch spiegelt sie auch gesellschaftliche Verhältnisse wider. Ein aktuelles Beispiel wäre die Diskussion um die Frauenquote in Chefetagen großer Unternehmen. Frauen, die sich in der Hip-Hop-Szene behaupten wollen, müssen sich der üblichen Wettbewerbskultur stellen. Das kann jedoch für eine Rapperin oder eine Tänzerin viel schwerer sein als für Männer.

Warum ist das so?

Rappe: Ein Aspekt ist sicherlich, dass in vielen Formen des Hip Hop das Battle, also die Auseinandersetzung und Positionierung zwischen den Künstlern, im Mittelpunkt steht. Im Rap läuft das einerseits über Prahlereien. Anderseits über Beleidigungen. Zum Beispiel werden der Gegner oder seine Familienmitglieder als schwul oder Mädchen bezeichnet. Ein Mädchen als „Mädchen“ zu beschimpfen, funktioniert nicht. Sie aber Bitch, also Schlampe, zu nennen, ist eine tatsächliche Beleidigung. Für Frauen ist es schwieriger, eine eigene Form kämpferischer Selbstdarstellung zu finden. Oft gehen sie über ihre Skills, ihre Fertigkeiten. Sie versuchen, und das ist ebenfalls kein Hip-Hop-spezifisches Phänomen, über Qualität und Leistung zu punkten.

Wo sehen Sie Rapperinnen in zehn Jahren?Rappe: Ich bin mir sicher, dass Frauen immer wichtiger werden. Rap wird multikultureller, diverser und es werden sehr viel mehr unterschiedliche Themen aufgegriffen. Vielleicht wird es sogar selbstverständlich, über lesbische Liebe oder das Anderssein zu rappen, wie das heute schon Yo! Majesty oder Mykki Blanco tun.

Die Hip Hop-Kultur entstand Anfang der 1970er in US-amerikanischen Inner-City-Ghettos, wie der New Yorker Bronx. Geprägt wurden die Anfänge von Afroamerikanern und Zuwanderern aus den westindischen Inseln, wie Barbados, Jamaika und Puerto Rico. Bestandteile des Hip-Hop sind das Rapping/DJing, das Breaking (Breakdance) und das Writing (Graffiti). In den 1980er Jahren kam diese Kultur nach Deutschland – über den Erfolg der Musik, Medienberichte oder Filme wie Wild Style oder Beat Street.

Michael Rappe ist Professor für Theorie und Geschichte der Populären Musik an der Hochschule für Musik und Tanz in Köln. Seine Forschungsschwerpunkte sind unter anderem die Afroamerikanische Musik, Audiovisualität/Videoclips sowie Popsubkulturen. Im nächsten Semester bietet er ein Seminar zur Geschichte des Hip Hop an.

Heute verfasst Esthaloco ihre Reime mit einem starken Zusammenspiel von Stimme und Melodie. In der Szenesprache heißt das: sie hat Flow. Ihre deepen, also ihre intellektuellen und reflektierenden Texte sprechen den Hörer auf einer persönlichen Ebene an – Esthaloco scheint wie die beste Freundin, die bei der Lösung eigener Probleme hilft. Derzeit rät sie gern dazu, das Leben zu genießen, etwa im Song Lauf! Spring! Tanz!: „Wenn die Welt zu verrückt wird, hab ich dir gesagt, dass ich dich einpack! Warte auf den Tag! Ich hab den Plan, wir starten heute Nacht.“

Abseits festgelegter Genres

Im vergangenen Jahr noch reimte sie über ernsthaftere Themen. Im Song Rosafärbung setzte sie sich mit ihrer Kindheit auseinander. Ein Auszug: „Ich hab mich früher schon gefragt, wieso bin ich anders, wieso hat mich jeder überschätzt? Ach, die kann das! Warum fragt mich abends niemand, wie war’s in der Schule? Keinen hat es interessiert, dass ich das Schuljahr wiederhole!“ Doch diese „negativen Songs“ ziehen sie seit einiger Zeit zu sehr runter: „Ich fühl mich schlecht, wenn ich sie singe.“

Esthaloco macht Musik, die schwer einzuordnen ist. Sie will sich immer neu erfinden, sich niemals festlegen. „Meine Wurzeln sind im Hip Hop, ich werde immer rappen. Ich vermische aber auch Rap, Elektro und Gesang.“ Bei dem Produzenten Dr. Knarf, Inhaber des E.L.E-Studios, nimmt sie ihre Texte auf und feilt mit ihm am Klang. Ist eine Aufnahme zur Veröffentlichung bereit, ist Esthaloco die Anerkennung aus der Szene wichtiger als kommerzieller Erfolg. „Ich bin nicht der Typ, der sich in die Öffentlichkeit drängt.“ Sie sei zufrieden mit ihrer kleinen, aber festen Fangemeinde. Die Musikerin ist auch perfektionistisch: Für einen Auftritt macht sie wochenlang Ausdauertraining – um den Atem für zehn Songs zu halten.