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Gentrifizierung in NippesMieter kündigen Widerstand gegen Erweiterungspläne in Top-Lage an

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Hausgemeinschaft in Nippes, fünf MIeter schauen in die Kamera

Die Hausgemeinschaft kündigt Widerstand gegen die Pläne des Eigentümers an. (Archivbild) 

In Nippes schwelt seit bald drei Jahren ein Streit zwischen einer Hausgemeinschaft und dem neuen Eigentümer.

Der Kölner Mieterverein sprach bereits vor zweieinhalb Jahren von einem „selten erreichten Grad von Unverfrorenheit“. Da hatte ein neuer Eigentümer den meisten der langjährigen Mieter eines Nippeser Mehrfamilienhauses in bevorzugter Lage gekündigt, sie mit Abmahnungen überzogen, auch einer schwer an Krebs erkrankten 84-jährigen Frau gekündigt.

Die Hausgemeinschaft hatte sich gegen den neuen Eigentümer formiert, Anwälte eingeschaltet, Mieten wegen nicht erledigter Sanierungen und dauerhaft entkernter Balkone gemindert. Einer der Mieter, Clemens Erbach, hatte den Eigentümer seinerseits verklagt, die seit Jahren nicht nutzbaren Balkone wieder nutzbar zu machen – und war in erster Instanz erfolgreich. Mit einer neuen Wendung des Eigentümers könnte dieses Urteil nun konterkariert werden.

Nach einer Sanierung vor drei Jahren soll nun Tabula Rasa gemacht werden

Kurz vor Weihnachten erhielten die Mieterinnen und Mieter des Hauses ein Schreiben, in dem der Eigentümer ankündigte, sämtliche Balkone ab dem 1. März abreißen zu wollen. Auch der Dachstuhl und die Dachwohnungen sollen abgerissen werden, um das Haus um drei Etagen aufzustocken. In diesem Zug würde in einigen Wohnungen ein Zimmer wegfallen, da sich die Grundschnitte änderten, Küchen- und Bad-Fenster müssten zugemauert werden, alle rückwärtigen Fenster, die vor drei Jahren erst saniert worden waren, würden entfernt und erneuert, das bisherige Treppenhaus falle weg und werde durch ein neues an anderer Stelle ersetzt. Mit erheblichen Lärm- und Staubbelastungen sei zu rechnen.

Keiner der Mieterinnen und Mieter des Hauses hat der Duldung der weitreichenden Sanierung und Erweiterung des Hauses zugestimmt, alle widersprechen. „Sollten die Arbeiten tatsächlich dennoch beginnen, werden wir ebenfalls raten, juristisch vorzugehen“, sagt Hans Jörg Depel, Geschäftsführer des Kölner Mietervereins.

Wenn man die Hartnäckigkeit dieses Vermieters betrachtet, kann man nur den Kopf schütteln. Da wird scheinbar jede Möglichkeit genutzt, um Mieter mürbe zu machen
Hans Jörg Depel, Geschäftsführer des Kölner Mietervereins

„Wenn man die Hartnäckigkeit dieses Vermieters betrachtet, kann man nur den Kopf schütteln. Da wird scheinbar jede Möglichkeit genutzt, um Mieter mürbe zu machen.“ Zum Glück, sagt Depel, habe das bei vielen nicht funktioniert. „Ein Mietverhältnis ist ein Dauerschuldverhältnis, das sollten beiden Parteien klar sein. Ein Mietverhältnis sollte nicht eskalieren. Hier allerdings denken wir: Auf einen groben Klotz gehört auch ein grober Keil.“

Vor drei Jahren, erinnert sich Clemens Erbach, hatte der Streit mit dem seinerzeit neuen Eigentümer begonnen. Der hatte das Haus einrüsten lassen, um es zu dämmen, den Dachstuhl zu erneuern und die Balkone zu sanieren. Bauschutt und Müll lagerten über viele Monate im Garten – so dass dieser nicht mehr nutzbar war. Mieterhöhungen wurden mit Modernisierungen begründet, Abmahnungen mit Schuhen im Hausflur. Viele Mietparteien stritten gerichtlich mit dem Eigentümer, der im Immobilienbereich eines städtischen Tochterunternehmens tätig ist, einige zogen aus. Nachdem der „Kölner Stadt-Anzeiger“ über den Fall berichtet hatte, schlossen sich andere Medien an. Die Hausgemeinschaft hielt zusammen – das tut sie nach der jüngsten Ankündigung einer Erweiterung, die einem Neubau nahekommt, erst recht.

Von außen betrachtet lässt sich der Eindruck gewinnen, dass da jemand mit Kanonen auf Spatzen schießen möchte
Mieter Clemens Erbach

„Das Dach wurde erst vor drei Jahren saniert, auch die Fassade ist gedämmt worden“, erinnert sich Erbach. „Vor diesem Hintergrund sind die Mieter nicht verpflichtet, sich an den Kosten für diese erneute Modernisierung und Vergrößerung zu beteiligen. Von außen betrachtet lässt sich der Eindruck gewinnen, dass da jemand mit Kanonen auf Spatzen schießen möchte.“ Dazu, dass die Mieter klein beigeben und ausziehen, sagt Erbach, werde es nicht kommen: „Wir sind in den vergangenen Jahren zusammengerückt und werden uns nicht kleinkriegen lassen.“

Jüngst haben die Mietparteien des Hauses die Nachbarn in einem Brief über die neuen Pläne des Eigentümers informiert – nach den Belastungen durch die Sanierungen der vergangenen Jahre erneut Lärm, Verschattung der Straße, Wegfall von Parkplätzen. Die Mieter wollen den Druck auf die Bauaufsicht erhöhen, auch, weil das Haus mit hohem Grundwasserstand auf lockerem Untergrund stehe.

Interessant ist, dass die Stadt bereits vor mehr als einem Jahr dem Antrag, das Dach abzureißen und um drei Vollgeschosse aufzustocken, zugestimmt hat, der Eigentümer aber erst jüngst die Mieter über seine Pläne informiert hat. Sieben zusätzliche Wohnungen könnten so entstehen.

Noch offen sei die Entscheidung über einen weiteren Bauantrag des Eigentümers, wonach zusätzlich ein Anbau mit drei weiteren Wohneinheiten entstehen soll, teilt die Stadt auf Anfrage mit. 

Der Eigentümer äußert sich auf eine Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ nicht. Mit Widerstand gegen seine Pläne muss er weiterhin rechnen.