Köln – Gionatan F. drückte elfmal ab, als der Mann vor ihm stand, der ihn „platt machen“ wollte. Sieben Schüsse trafen Nevzat D. am 21. September 2012 in und vor dem Bistro Deluxe in Kalk. Der 47-Jährige verblutete auf dem Weg ins Krankenhaus.
Mit Spannung erwarteten Freunde und Familie von Gionatan F. am Freitag das Urteil. Der 28-Jährige muss wegen versuchten Totschlags in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung für drei Jahre in Haft. Die Vorsitzende Richterin der 11. Großen Strafkammer erkannte an, dass Gionatan F. in Notwehr geschossen hat. „Die Situation war sehr bedrohlich. Seine Panik und Angst sind nachvollziehbar“, sagte sie.
Gefürchteter Erpresser
Nevzat D. war in Kalk und Vingst ein gefürchteter Schutzgelderpresser. Er war muskulös, 100 Kilogramm schwer und galt als aggressiv und äußerst brutal. „In der Halbwelt wusste jeder Türsteher, dass man sich mit ihm besser nicht anlegt“, sagte die Richterin. Seine Lebensgefährtin und Mutter seiner beiden Kinder beschrieb ihn vor Gericht als liebevoll und lustig. „Vielleicht hatte er zwei Gesichter“, sagte die Richterin.
Nevzat D.s Vorstrafenregister umfasst 17 Einträge – Bedrohung, Nötigung, Beleidigung und etliche Körperverletzungen. Wenn jemand ein teures Auto hatte, ging er zu dem Besitzer und erpresste bis zu vierstellige Summen. Sieben Jahre war Ruhe – so lange war Nevzat D. im Gefängnis. Als er im vergangenen Jahr entlassen wurde, sprach sich das schnell herum. Er ließ überall verlauten, dass er seinen Ruf wiederherstellen wolle.
Gionatan F., Teilhaber des Bistro Deluxe, rückte in den Blick des Schutzgelderpressers. Er ließ ihm ausrichten, dass er ihm die Beine brechen werde. Gionatan F., der laut psychiatrischem Gutacher eine „große Klappe“ hat, gab sich nach außen unbeeindruckt, bekam aber Angst. Als er am späten Abend des 21. Septembers den blauen Audi A3 von Nevzat D. vor seinem Bistro sah, packte ihn die Panik und er lief zum Lagerraum, wo eine Waffe lag. Der Raum war abgeschlossen, aber der eher kleine Gionatan F. stand offenbar so unter Adrenalin, dass er die Tür mit seinem Oberkörper einstieß und sich die Pistole schnappte.
Inzwischen stand Nevzat D. im Bistro und befahl Gionatan F., mit ihm vor die Tür zu gehen. Als der meinte, man könne sich ja auch im Laden unterhalten, packte er ihn am Arm und rief: „Ich mach dich platt.“ Gionatan F. riss sich los, sprang zurück, zog die Pistole aus seinem Hosenbund und schoss. Da laut Rechtsmediziner bereits der erste Schuss tödlich gewesen sein könnte, und dieser in jedem Fall in Notwehr abgefeuert wurde, wertete die Kammer die Tat als versuchten Totschlag.
Die Richterin hob den Haftbefehl auf. Gionatan F. ist frei, bis er seine Strafe antreten muss. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, die Verteidigung hatte einen Freispruch gefordert und könnte Revision einlegen. F.s Familie begrüßte ihn klatschend und johlend auf dem Flur des Landgerichts.
