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HauptschulenDie vergessenen Schulkinder

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Aufgelöst: In der Hauptschule Gereonswall konnten Kinder in kleinen Lerngruppen gefördert werden. Jetzt ist sie geschlossen.

Köln – Wer Schüler mit schlechteren Startchancen gut fördern will, braucht kleine Klassen. Mit diesem Argument stritten Kölner Hauptschulen jahrelang trotz des deutlichen Rückgangs der Anmeldezahlen für den Erhalt ihrer Schulform. Nun sind in einigen Schulen die Klassenzimmer hoffnungslos überfüllt: In zwei Dritteln aller achten Klassen wird der gesetzlich vorgeschriebene Richtwert von 24 Schülern zum Teil deutlich überschritten. Bei den neunten Schuljahren sind es mehr als 40 Prozent. Hintergrund ist unter anderem die Verteilung der Schüler aus den aufgelösten Schulen. „Da hat es in einigen Schulen schon mal ganz schön geknallt“, sagt Angelika Griesinger, Leiterin der Hauptschule Baadenberger Straße in Neuehrenfeld.

„Umgang mit uns ist eine Sauerei“

Der Auftrag der Hauptschulen ist damit noch schwieriger zu erfüllen, als er es ohnehin schon war. „Kein Lehrer will, dass ein Schüler auf der Strecke bleibt. Wenn die Klassen aber größer werden, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass es trotzdem passiert“, sagt Griesinger. Ein Kollege an einer anderen Schule spricht von den „vergessenen Kindern“, die irgendwie versorgt werden müssten, „der Rest für die Restschulen“. Wer zurzeit Hauptschullehrer nach ihrer Stimmung fragt, stößt auf Wut, Resignation und Enttäuschung. „Das ist eine Frechheit, wie mit uns umgegangen wird“, sagt der Lehrer Klaus Kinzel. „So behandelt man keine Leute, die sich täglich einer schwierigen Aufgabe stellen.“

In Köln sind in den vergangenen zwei Jahren elf Hauptschulen geschlossen worden. Zu diesem Schuljahr schlossen die Schulen in der Paul-Humburg-Straße in Longerich, in der Borsigstraße in Ehrenfeld, am Gereonswall, in der Albermannstraße in Kalk und der Mommsenstraße in Sülz. Schüler wurden auf Nachbarschulen verteilt. Sie in bestehende Klassenverbände zu integrieren und dann mit größeren Klassen zurechtzu- kommen ist nicht die einzige Herausforderung, die zurzeit zu bewältigen ist. Kölns Realschulen sortieren nach wie vor Schüler aus. Mit dem Gefühl, als junger Mensch gescheitert zu sein, werden sie zu Hauptschulen geschickt. Außerdem steigt die Zahl der sogenannten Seiteneinsteiger. Das sind Jugendliche mit besonders schlechten Startbedingungen, etwa Einwandererkinder ohne Sprachkenntnisse, die zum Teil noch nicht einmal in der Sprache ihrer Herkunftsländer lesen und schreiben können.

Schulamtsdirektorin Hedwig Imhoff spricht von einer „hohen Belastungssituation für Lehrer“. Die geforderte Integrationsleistung sei „eine heftige pädagogische Aufgabenstellung“. Sie wird nicht kleiner werden: Vor allem die Kölner Hauptschulen werden neben den Gesamtschulen die politischen Vorgaben der Inklusion erfüllen müssen. Erziehungsschwierige Kinder und Lernbehinderte, die heute noch auf eine Förderschule gehen, sollen in die Regelschulen integriert werden. Von guten Bedingungen dafür sind die meisten Schulen weit entfernt. Aufnehmen müssen sie die Schüler trotzdem. Schulleiterin Griesinger war vor ihrem Wechsel in die Baadenberger Straße Chefin der aufgelösten Hauptschule in der Borsigstraße. Sie weiß, wie viel Geduld nötig ist, wenn es darum geht, Bedingungen zu verbessern. „Wir waren vier Jahre Ganztagsschule ohne eine Mensa für die Verpflegung der Schüler. Nun ist die Mensa für 300 Schüler fertig, aber kein Schüler mehr da, der darin essen kann.“

Das Land drückt sich vor klaren Ansagen

Zum Ärger über den zunehmenden Druck im Alltag kommt die nach wie vor unklare Zukunft der Schulform. „Keiner weiß, wie lange es die Hauptschule noch gibt“, sagt Kinzel. Seine Schulleiterin beklagt die Inkonsequenz der Politik: Das Land wolle Schulen, die das gemeinsame Lernen fördern, drücke sich aber vor klaren Ansagen zum bestehenden vielgliedrigen Schulsystem. Denn die Lage bleibt auch für die Schulen schwierig, die die Schließungswellen überstanden haben.

Die Stadt gibt zwar allen Schulen eine vorläufige Bestandsgarantie. „Es ist kein neues Schließungskonzept geplant“, sagt Schuldezernentin Agnes Klein. Die übrig gebliebenen 18 Hauptschulen seien „stabil“. In vielen dieser Schulen traut man dieser Aussage jedoch nicht. Auch wenn der Druck auf einzelne Jahrgangsstufen vielerorts gestiegen ist, bleibt der Gesamttrend ungebrochen: Die Anmeldezahlen für die fünften Schuljahre sinken genauso wie die Gesamtschülerzahlen an den Hauptschulen. In den vergangenen fünf Jahren ist die Schülerzahl von knapp 10 000 auf 6573 gesunken. Bei den Fünftklässlern hat sich die Schülerzahl im gleichen Zeitraum fast halbiert.

Bei den Entscheidungen darüber, welche Schulen geschlossen werden sollten, galt neben der Gesamtschülerzahl auch die Existenz von Parallelklassen im fünften Schuljahr als ein Kriterium. Zum Stichtag dieses Schuljahres konnten acht der übrig gebliebenen Hauptschulen nur noch Schülerzahlen für eine einzige neue fünfte Klasse vorweisen, vier schafften noch nicht einmal mehr die Mindestschülerzahl von 18. Durch verspätete Anmeldungen hat sich die Statistik etwas verbessert. Am Grundproblem ändert das wenig.

Das Land verbietet, dass sich eine Schule selber umwandelt

Ein Beispiel ist die Martin-Luther-King-Schule in Weiden. Seit Jahren arbeitet die Schule an Konzepten für ein neues integratives Schulangebot, mit dem sie sich selbst als Hauptschule abschaffen wollte. Jahrelang hat sie das als eine der Kölner Vorzeigeschulen aus einer Position der Stärke gemacht, nun hat sie die kleinste Eingangsstufe der ganzen Stadt. „Energie, Optimismus und Fleiß“ habe man in die Entwicklung eines neuen Schulangebots gesteckt, sagt Schulleiter Heinz Klein. „All das wird nicht genutzt.“ Das Land verbietet weiterhin, dass sich eine Schule selber umwandelt. Sie muss sich auflösen, damit Neues wie eine Sekundar- oder Gesamtschule entstehen kann. „Das geht so nicht“, sagt Angelika Griesinger. Man könne nicht Lehrer dazu auffordern, an Konzepten für eine bessere Bildung mitzuarbeiten, und sie dann an der Umsetzung nicht beteiligen. Klaus Kinzel hält den Umgang mit seiner Zunft schlicht für „eine Sauerei“.