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HausmusikWohnzimmerkonzerte bei Kölner Familien

7 min

Robert Semrau mit Sohn Bernhard am Flügel, Matthias mit Geige, Tabea mit Blockflöte und Mutter Annette am Cello

Köln – Wesentlicher Bestandteil in nahezu jedem modernen Wohnraum hierzulande ist der große Flachbildfernseher, vor dem die Familie verharrt wie einst vor der Märchen erzählenden Großmutter. Das Wohnzimmer der Familie Semrau ist anders. Dort ist der Mittelpunkt ein Flügel. Außerdem stehen mehrere Notenständer, ein Cellokasten und ein Korb, in dem Mundharmonikas, Klanghölzer, Glockenspiele, Triangel, Ratschefrosch und eine Melodia lagern, im Raum.

Der zehnjährige Matthias hockt auf einem Cajón, einer selbstgebauten Kistentrommel, während seine sechsjährige Schwester dem Besuch auf einer Sopranblockflöte vorspielt. Bernhard, das älteste Kind, ist laut Angaben von Mutter Annette der Techniker unter den drei Kindern. Er sitzt gerne am Computer. Allerdings nicht nur. In seinem Zimmer befindet sich auch das einstige Digitalpiano seines Vaters. Der Elfjährige hat mit fast sechs Jahren angefangen, Cello zu spielen. Irgendwann sei er „nicht mehr so recht vorangekommen“. Das habe ihn entmutigt, und er verlor die Lust zu üben. „Weil mein Vater Klavier spielt, weiß ich, dass das richtig cool ist.“ Also wechselte er das Instrument und geht jetzt am E-Piano in Richtung Jazz.

Robert Semrau ist Mediziner. Am zweiten Weihnachtstag sitzt er neben dem Weihnachtsbaum im Sessel und wundert sich über das Interesse an seiner Familie. Dass der 44-Jährige sich das fragt, ist nicht verwunderlich. Die Semraus haben eine so enge Beziehung zur Musik, dass sie sich ein Leben ohne nicht vorstellen können.

„24 Stunden Cello am Tag ist nicht meins.“

Robert Semrau hat im Alter von zehn Jahren „freiwillig!“ mit dem Klavierspiel angefangen. Das machte ihm so viel Spaß, dass er überlegte, Musik zu studieren. Heute ist sie für ihn „ein gutes Ventil“, das er braucht, um Abstand vom Beruf zu kriegen.

Seine Frau Annette (44) begann mit neun Jahren, Cello zu spielen und „blieb immer dabei“. Sie spielte im Landesjugendkammerorchester, Studentenorchester und inzwischen im Flora Sinfonieorchester. Eine Weile habe sie mit einem Cello-Studiengang geliebäugelt, dann jedoch festgestellt: „24 Stunden Cello am Tag ist nicht meins.“ Heute ist sie Dramaturgin beim Beethovenfest.

Matthias besucht den Musikzweig am Humboldt-Gymnasium und ist Feuer und Flamme für seine Geige. Gemeinsam mit nur drei anderen Jungs spielt er im Orchester „die Streichhölzer“ gegen die Mehrheit der Mädchen an. Natürlich gebe es Momente, in denen man sich schwer zum Üben aufraffen könne, gibt er zu. „Man muss öfter mal gegen den inneren Schweinehund kämpfen“, stellt Robert Semrau fest. Doch man lernt damit, „Schwierigkeiten zu überstehen und durchzuhalten“. Er und seine Frau wissen aber auch: „Wenn Kinder keine Lust haben, hat es keinen Sinn.“

Tabea, die Sechsjährige, hat ganz viel Lust. Sie besucht seit Sommer die Musikschule in der Nähe ihres Kindergartens und ist mit solchem Elan dabei, dass die auf 30 Minuten beschränkte Unterrichtszeit auf 45 Minuten ausgedehnt wurde. In diesem Jahr ist sie zum ersten Mal aktiv mit dabei, wenn die Familie gemeinsam mit Freunden das traditionelle Neujahrs-Hausmusikkonzert anstimmen. „Das gibt es“, sagt Bernhard, „schon so lange ich denken kann.“ (she)

Lesen Sie auf der nächsten Seite von unserem Besuch bei Familie Reischert aus Porz, wo das Nesthäkchen den Ton angibt.

Harmonisches Ensemble

Erst gibt es Kartoffelsalat und Würstchen, dann „O Tannenbaum“ und „O du fröhliche“. Gemeinsam Musizieren ist fester Bestandteil des Weihnachtsfests bei Familie Reischert aus Porz. In der Hausmusik gibt das Nesthäkchen den Ton an: Der elfjährige Konstantin sitzt am Klavier. Beim Programm hat jeder ein Mitspracherecht: „Wir haben ein großes Buch mit Weihnachtsliedern, jeder darf sich etwas wünschen“, sagt Vater Alexander Reischert, der gemeinsam mit seiner Frau Annett Reischert-Bruckmann singt.

Dazu spielt Sohn Valentin auf dem Cello. Das Instrument hat es dem 15-Jährigen sofort angetan, als es ihm eine Musiklehrerin zum ersten Mal bei einem Tag der offenen Tür in einer Musikschule vorführte. „Der Klang hat mich fasziniert“, erinnert sich Valentin noch gut, genauso wie an die „Tränen und den Frust“. „Man muss die Finger schon millimetergenau aufsetzen, sonst klingt es schief.“Aller Anfang war schwer, nicht nur für den angehenden Cellisten, sondern auch für seine Familie. „Wir mussten auch schon mal weghören“, sagt Annett Reischert-Bruckmann. Inzwischen spielt Valentin in mehreren Ensembles, unter anderem bei den Dellbrücker Symphonikern, und die Reischerts präsentieren sich bei der Hausmusik als harmonisches Ensemble.Solo im Schul-Musical

Sohn Konstantin blickt an den Festtagen zurück – am Nikolauswochenende sang er in der Trinitatiskirche ein Solo in Benjamin Brittens „Sankt-Nikolaus-Kantate“ – und nach vorn. Mit seinen Mitschülern am Stadtgymnasium Porz steckt er mitten in den Proben für das Musical „Die seltsamen Abenteuer des Don Quijote und Sancho Pansa“, in dem er einen Mönch spielt und ebenfalls ein Solo singen wird. Die Premiere ist im Januar. Trotzdem ist Konstantin auch in den Ferien des Musizierens nicht müde. „Musik und Weihnachten, das gehört einfach zusammen.“ Musik ist eben ein fester Bestandteil im Leben der Reischerts. Die Eltern lernten sich in einem Chor kennen. (asp)

Lesen Sie auf der nächsten Seite wie die achtjährige Lara Klappert zu Weihnachten ihr erstes Duett gespielt hat.

Geigenklänge mit Gesangsbegleitung

Zwei Monate hat Lara Klappert für ihr Weihnachtskonzert geübt. „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ und „Schneeflöckchen Weißröckchen“ sollten schließlich gut klingen. Doch manchmal ist das mit dem Üben gar nicht so leicht. Wenn die kleinen Schwestern Helen und Milla mitsingen. „Dann kann ich mich nicht so gut aufs Spielen konzentrieren“, sagt Lara. Die Achtjährige hat seit einem Jahr Geigenunterricht.

Als sie ihre beiden Lieder beim Adventskonzert der Musikschule vorspielte, hatte sie ganz schön Lampenfieber. „Hat aber alles gut geklappt. “ Da konnte an Heiligabend im Familienkreis auch nichts mehr schiefgehen. „Meine Lehrerin sagt immer, ich soll nicht auf die Geige gucken, sondern auf die Noten.“

Dieses Mal war es für Lara schwerer, nicht auf den Baum und die Geschenke zu gucken. Am Zweiten Weihnachtstag wurde der Kreis der Zuhörer erweitert: Oma und Opa, die Urgroßeltern, Tanten und Onkel kamen zu Besuch. Erstmals spielte Lara ein Duett mit ihrem Cousin. „Durch ihn bin ich zur Geige gekommen“, sagt Lara. Vielleicht spielen die kleinen Schwestern im nächsten Jahr auch mit. Die fünfjährige Helen hat zwar noch keinen Unterricht, aber sie trötet schon leidenschaftlich auf ihrer Flöte. „Und ich will Klavier lernen“, sagt die dreijährige Milla. Bis dahin singen sie weiter mit, wenn Lara Geige übt. (kst)

Lesen Sie auf der nächsten Seite vom Besuch bei Familie Sattler, in der jedes der sechs Kinder ein Instrument spielt.

Erst wird musiziert, dann beschert

In diesem Jahr ist die Musik bei Nike Sattler etwas zu kurz gekommen. Die Familie ist in eine neue Wohnung gezogen, Nike hat die Schule gewechselt. Doch wenn die Mutter eine Musikschule leitet, geht es gar nicht ohne. Alle sechs Kinder spielen ein oder mehrere Instrumente, darunter Fagott, Klarinette, Cello. Die Mutter selbst unterrichtet Geige und Bratsche. Im Wohnzimmer der Sattlers steht ein schwarzer Flügel. Seit zwei Jahren übt Nike darauf. Vorher hat sie vier Jahre Geige gespielt. So richtig für eines der beiden Instrumente entschieden hat sich die Neunjährige noch nicht. „Klavier ist einfacher“, findet sie.

Im vorigen Jahr hatte Nike zu Weihnachten ihren ersten großen Auftritt im Familienkreis. Während sie auf dem Klavier „Es kommt ein Schiff, geladen“ spielte, betraten ihre Eltern und Geschwister singend das Wohnzimmer. „Nike spielte eine Strophe nach der nächsten, während die anderen endlich ihre Geschenke auspacken wollten“, sagt Mutter Bettina Sattler. „Sie war so stolz, dass sie nicht aufhören wollte.“

An Weihnachten müssen sich die Sattler-Kinder in Geduld üben. „Wir singen erst, dann kommt die Bescherung“, sagt Bettina Sattler. Damit nicht alle auf die Geschenke unter dem Baum starren, liegen die versteckt unter einem Tuch. Und Nike bestimmt, wann es gelüftet wird. Dann, wenn die letzten Töne verstummen. (kst)