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Interviem mit Liessem-Sohn„Er musste mit den Parteileuten paktieren“

3 min

Werner Liessem verwaltet das Archiv seines Vaters Thomas, der während der NS-Zeit Kölns oberster Karnevalsfunktionär war.

Herr Liessem, Sie sind 1950 als 16-Jähriger in die Prinzen-Garde eingetreten und waren bis zum Tode Ihres Vaters sowohl in Ihrem Beruf als Handelsvertreter als auch im Karneval an seiner Seite. War die Vergangenheit ein Thema?

WERNER LIESSEM: Wir sind viel in der Eifel gewandert und haben dabei öfters über diese Dinge gesprochen. Aber häufig vermied mein Vater dieses Thema. Genauso wie viele andere. Sein Standpunkt war: Es bringt nichts, darüber zu reden, die Leute haben die Nase voll von der schrecklichen Vergangenheit.

Aber manchmal hat er doch geredet?

LIESSEM: Ja. Da hat er mir erzählt, dass man am Anfang zum Dritten Reich und zu Hitler Vertrauen hatte. Da war einer, der hat gesagt, keiner soll hungern und frieren - und dem habe auch er seine Stimme gegeben. Aber zur Klarstellung: Mein Vater war nie in der NSDAP. Das hat er mir immer so gesagt. Der ist nur in dem nationalsozialistischen Ballon mitgefahren. Zuerst einmal wollte er in Ruhe gelassen werden. Was hätte er denn auch anderes tun sollen? Eine antinationalsozialistische Haltung hätte doch nichts geändert.

Sind Sie sicher, dass Ihr Vater nicht in der Partei war?

LIESSEM: Ganz sicher. In einer Partei konnte er gar nicht sein. Unsere Existenz war die Handelsvertretung und unsere Auftraggeber wie Scharlachberg, Söhnlein und andere wollten, dass wir uns aus der Parteipolitik heraushalten. Mein Vater war gezwungen, sich neutral zu verhalten. Der war nur im Nationalsozialistischen Arbeiterverein. Da ist er reingeschubst worden. Sonst hätte er nirgendwo auftreten können. Nicht in der Öffentlichkeit, nicht im Karneval.

Aber er war mit der Stadtspitze und den Parteioberen gut Freund?

LIESSEM: Er hatte natürlich Kontakte zur Partei. Aber er wollte nicht, dass die NSDAP ihn mit all seinen Fastelovends-Ämtern vereinnahmt und die Organisation des Karnevals übernimmt. Das hat er verhindert.

Das ist ja auch sein Verdienst, zumindest was das Organisatorische angeht. Aber inhaltlich?

LIESSEM: Er musste ja seinen Mitstreitern - teilweise überzeugte Nazis - entgegenkommen. Und er musste mit einigen Parteileuten paktieren. Was hätte er auch machen sollen? Sonst hätten es andere gemacht. Aber schlecht.

Nach der Entnazifizierung hatte er zwei Jahre lang Redeverbot.

LIESSEM: Das stimmt. Aber er hatte keine Probleme mit der Entnazifizierung. Die Amis waren halt scharf auf alles, was Präsident oder Vorsitzender irgendwelcher Vereine war. Und er war in 30 Vereinen. Als Karnevals-Präsident wollte ihn jeder als Mitglied haben. Er war überall ein gern gesehener Gast. Wegen des Redeverbotes war er zuerst nicht wieder Präsident des Festausschusses. Aber er hat versucht, der Besatzungsmacht eins auszuwischen. Im Verbot stand "zu Lande". Daher hat er sich einen Dampfer gemietet und eine Sitzung auf dem Rhein veranstaltet. Das ging zwei-, dreimal gut.

Was geschieht eigentlich einmal mit Ihrem Archiv?

LIESSEM: Ich habe vier Töchter. Die muss ich erst mal fragen. Das Karnevalsmuseum hat mehrfach nachgefragt. Heute bin ich froh, die Unterlagen nicht aus der Hand gegeben zu haben. Es wird immer noch falsch über meinen Vater berichtet. Ich möchte nicht, dass er für Darstellungen herhalten muss, die er nicht verursacht hat.

Das Gespräch führten Carl Dietmar und Norbert Ramme