Zum „Daach der kölschen Sproch“ spricht der Arzt und Theologe Manfred Lütz über die Bedeutung des Dialekts.
Interview über die kölsche Sprache„Der Dialekt betont das Gemeinsame von Menschen viel emotionaler“

Manfred Lütz
Copyright: IMAGO/teutopress
Manfred Lütz ist Psychiater, Theologe, Bestseller-Autor und Kabarettist. Im Interview spricht er über den Zusammenhang zwischen kölscher Identität und kölscher Sprache, über die Einsatzfelder des Dialekts und darüber, wie die rheinische Leichtigkeit Konrad Adenauer geholfen hat.
Herr Lütz, Sie sind in Bonn geboren, sprechen selbst kein Kölsch, sind aber Fan des Dialekts und der kölschen Sprache. Warum?
Der Dialekt ist die herzlichere, ursprünglichere Sprache. Hochdeutsch ist im Grunde eine Kunstsprache. Deutschland hatte immer viele Dialekte. Im 19. Jahrhundert wurde aber darauf geachtet, dass es eine amtliche, korrekte deutsche Sprache gab. Diese Abwertung hat dazu beigetragen, dass der Dialekt teilweise ausstirbt.
Was ginge verloren, würde der Dialekt aussterben?
Der Dialekt kann menschliche Gefühle viel ursprünglicher und wärmer zum Ausdruck bringen. Der Dialekt betont das Gemeinsame von Menschen viel emotionaler, als das die Hochsprache kann.
Auch die kölsche Sprache war lange verpönt, galt als Sprache der Unterschicht und der Ungebildeten. Anders als bei anderen Dialekten hat sich das verändert. Was ist in Köln anders?
Dass sich das geändert hat, ist noch nicht lange her. Dazu haben sicher auch die Bläck Fööss und andere kölsche Bands beigetragen. Es gibt kaum eine Stadt, in der so viele Musikgruppen die eigene Stadt besingen. Und die Texte sind meist im Dialekt verfasst.
Die Initiatoren des Aktionstags sagen: Wenn der Dialekt verloren gehe, dann ginge auch viel von der kölschen Identität verloren. Hängt diese Identität tatsächlich so eng mit der Sprache zusammen?
Ja, das glaube ich schon. Gerade die Bands, die die Identität Kölns feiern, würden auf Hochdeutsch vermutlich komisch wirken. „Der Kölner Dom muss in Köln bleiben“ ist auf Hochdeutsch zunächst eine merkwürdige Aussage. Im Kölschen funktioniert sie dagegen sofort: „Mer losse d'r Dom en Kölle“.
Menschen, die heute Dialekt sprechen, beherrschen in der Regel auch das Hochdeutsche. In welchen Situationen bedienen sich die Menschen des Dialekts?
Wenn es um Bodenständiges geht, um die Nachbarschaft oder um Dinge, die einem persönlich nahestehen. Bei theoretischen Debatten über Politik oder die Industriegesellschaft verwendet man ihn eher nicht – jedenfalls dann nicht, wenn man nicht sicher ist, dass alle ihn verstehen. Aber es gibt auch Beispiele, wo der Dialekt in der Politik geholfen hat.
Erzählen Sie!
Mit Konrad Adenauer hat ein Rheinländer die Bundesrepublik Deutschland wesentlich mitbegründet. Durch seine rheinische Art und eine gewisse Leichtigkeit in der Sprache sind wir in der Völkerfamilie vielleicht schneller wieder akzeptiert worden, als es sonst der Fall gewesen wäre. Im Dialekt kann man Dinge sagen, die auf Hochdeutsch fanatisch klingen. Wenn Adenauer sagte: „Die eSPeDe ist dä Unterjang Deutschlands“, nahm man das nicht direkt todernst. Diese lockere Art hat der Politik damals gutgetan.
Nicht jeder Dialekt hat diese Leichtigkeit. Wenn Adenauer Sächsisch gesprochen hätte, hätte er es vermutlich schwerer gehabt.
Das mag sein. Ich möchte keine anderen Dialekte diskriminieren, aber die Wirkung wäre möglicherweise eine andere gewesen. Vor ein oder zwei Jahren gab es eine Umfrage, welcher deutsche Dialekt am beliebtesten ist. Ich hätte auf Bayerisch getippt, weil es an Urlaub, Berge und den Tegernsee erinnert. Aber das Rheinische lag eindeutig vorne.
Dialekt schafft überall eine gewisse Form von Identität und Zugehörigkeit. In Köln hat man das Gefühl, dass das besonders stark ausgeprägt ist. Ist das wirklich so oder täuschen wir uns?
Aus dem Bauch heraus würde ich dieser Einschätzung zustimmen. Ein Bayer spricht einfach Bayerisch. Damit verbinden wir vielleicht nicht unbedingt eine besonders große, eigenständige Identität. Man redet eben so. Beim Schwäbischen ist es ähnlich. In Köln ist die rheinische Sprache jedoch mit einer eigenen Kultur verbunden. Deshalb ist der Kölner Dialekt für die Identität der Kölner besonders wichtig. Eine andere deutsche Stadt, in der das in einem vergleichbaren Ausmaß gilt, fällt mir nicht ein. Auch im Rheinland gibt es keine zweite Stadt mit so stark von Liedern und von der Sprache bestimmter Identität.
Wenn diese Identität so eng mit der Sprache verknüpft ist – müssen wir dann überhaupt Angst haben, dass die kölsche Sprache ausstirbt?
Die Befürchtung der Initiatoren des Aktionstags ist nicht ganz unbegründet. Wenn der Dialekt im Alltag nicht mehr selbstverständlich gesprochen wird, wird er irgendwann selbst zu einer Kunstsprache. Das wäre absurd und schade. Deshalb ist ein Aktionstag, an dem der Dialekt gefeiert wird, sinnvoll.
Wenn wir von Zugehörigkeit durch Dialekt sprechen, dann kann man das auch umdrehen. Kann Dialekt auch eine ausgrenzende Wirkung haben für Menschen, die damit nichts anfangen können?
Ja. Besonders schwierig ist das für Menschen, die noch gar kein Deutsch können. Wie sollen sie Hochdeutsch lernen, wenn im Alltag Dialekt gesprochen wird? Für Dialekte gibt es kaum Lehrbücher oder reguläre Kurse. Für Menschen mit Migrationsgeschichte kann das eine erhebliche Hürde sein.
Ich bin selbst Imi und kann viele kölsche Lieder mitsingen. Wenn ich aber einen Satz auf Kölsch sagen muss, werde ich unsicher. Woran liegt das?
Wenn man eine Sprache nicht kann, kann man sie eben nicht. Dann ist es unangenehm, wenn man auf dem falschen Fuß erwischt wird. Das gilt auch für Französisch oder Englisch.
Beim Aktionstag geht es darum, Kölsch auch zu sprechen, wenn man es nicht beherrscht. Wie kriegen wir das hin?
Wichtig ist, dass wir es probieren, auch wenn wir es nicht perfekt können. Dabei müssen diejenigen, die den Dialekt beherrschen, die anderen ermutigen. Wer es versucht, tut damit etwas, was für die Identität der Stadt wichtig ist.