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Interview zu Ostern„Die Kirche funktioniert nicht anders als der FC“

8 min

Wolfgang Fey liebt den FC und die Grenzerfahrung: Er geht gerne dorthin, wo andere wegsehen oder pauschal urteilen.

Köln – Wolfgang Fey ist ein besonderer Geistlicher. Der Pfarrer von St. Pankratius steht mit FC-Schal am Altar. Er ist nicht nur derjenige, der den Ultras vom 1. FC Köln Auge in Auge ins Gewissen redet. Er gehört auch zu den wenigen Priestern, die noch regelmäßig in einer voll besetzten Kirche predigen.

Herr Fey, Ihre Leidenschaft gehört Gott, den Menschen und dem FC. Was nimmt Sie als Theologe so für den FC ein?

Der Fußball bringt viele Menschen zusammen. Es gibt keinen Ort, wo man Köln besser spüren kann als im Rhein-Energie-Stadion. Besonders vor dem Spiel. Weil der Kölner in besonderer Form zusammenstehen kann. Hier haben Zehntausende eine Stimme und eine Begeisterung. Dabei ist bemerkenswerterweise völlig egal, was unten auf dem Rasen passiert.

Was bringt den Fußball in die Nähe der Religion?

Der Fußball hat wie die Religion eine einende, identitätsstiftende Dimension: Eine Art Haltepunkt, wo sich die Gemeinschaft ihrer selbst versichern kann. Viele erfassen gar nicht, dass hinter der rauen Schale eine innere Dimension steht. Es ist die wortlose Vergewisserung, dass wir miteinander leben können. Menschen einigen sich im Spiel darauf, unter bestimmten Regeln ein Ziel zu erreichen und vorzuspielen, wie das geht. Dazu kommt noch der reizvolle Moment des Unverfügbaren. Im Fußball ist – anders als in der Religion – das Ende offen.

Gleichzeitig steht Fußball für Beschleunigung und Kapitalisierung. Die Belastung ist so hoch, dass Spieler mit 30 dauerverletzt sind. Die Summen, um die es geht, werden immer höher. Haben Sie Angst um die Seele des Fußballs ?

Ich finde das, was da passiert, in vielerlei Hinsicht fragwürdig. Der Bezahlfußball hat sich gefährlich von seinem Kern entfernt. Es geht immer mehr um Geld. Dass heute ein Fünfjähriger, der gescoutet wird, schon alles auf eine Karte setzen muss, wenn er eventuell mal oben mitspielen will, ist absurd.

Sie haben beim FC eine besondere Rolle, da Sie das Problem mit gewaltbereiten Ultra-Fans bekämpfen. Sie sitzen in der Stadion-Verbots-Kommission. Was sind das für Fans, denen Sie begegnen?

Wenn Sie dem Einzelnen gegenübersitzen, sind Sie überrascht. Das sind nicht die als Kleinkind geprügelten Ewiglooser. Ich habe Glatzen erwartet, Gepiercte mit Kutte. Aber das sind bürgerliche, harmlos wirkende, junge Männer. Das Gros ist normal berufstätig. Die tauchen samstags im Schutz der Gruppe in diese Dynamik ein und tauchen danach wieder in ihr normales bürgerliches Leben ab.

Was treibt diese jungen Männer dazu? Woher kommt diese Freude an der Grenzüberschreitung?

Viele sind gestresst vom Alltag und nutzen den Stadionbesuch als Ventil für ihre Aggressionen. Aber auch das Gefühl von Macht, legitimiert durch die Gruppe, spielt eine Rolle. Ich bin immer wieder überrascht, wie unreflektiert sie sind. Viele sehen die Dimension nicht. Wenn man die fragt: „Was meinst Du, was 100 Vermummte, die aggressiv auf den Platz stürmen, bei Familienvätern auslösen?“, sind die ratlos. Die kommen nicht auf die Idee, dass das Angst auslöst. Vielleicht liegt das daran, dass die Randalierer zwischen 18 und 30 Jahren alt sind – unverheiratet, kinderlos und noch ohne Verantwortung im Job. Die sind noch nicht fertig.

Es ist viel Arbeit, mit jedem einzelnen Fan zu sprechen. Jedem, der auffällig geworden ist, ein Stadionverbot zu erteilen, wäre einfacher. Ist das der Weg der Barmherzigkeit, jedem eine Chance zu geben?

Wie soll sich etwas verbessern, wenn ich nur mit Sanktionen draufhaue? Diese Fans sind ja Teil der FC-Familie. Sie sollen das Gefühl haben, dass wir nicht gegen sie sind, sondern nur gegen das, was sie tun. Schließlich wollen wir diese Fankultur aufrechterhalten. Das Stadion ist nicht der Kölner Dom. Die machen ja auch Stimmung. Daher sind pauschale Stadionverbote keine Option. Wenn wir am Ende doch eines aussprechen, ist das für die Betroffenen die Höchststrafe, die sie ungemein trifft.

Macht es dabei einen Unterschied, dass Sie Priester sind?

Ich merke, dass ich viel Erfahrung habe mit Menschen in Ausnahmesituationen. Ich ärgere mich, wenn nur pauschal über „Die Randalierer“ geurteilt wird. Mein Weg ist es, in die direkte Begegnung zu gehen. Dahin, wo sich das Leben an den Kanten bricht. Ich könnte auch mit der Frauengemeinschaft liturgische Tänze machen. Jesus ist immer an dieser Kante entlanggelaufen ist. Da sitzen die Ausgegrenzten, die Sünder. Da geschehen die Wunder, nicht im Wohnzimmer der Bürgerlichkeit.

Ihre Kirche ist sonntags voll. Das ist – auch in Köln – die Ausnahme. Warum ist das Stadion samstags voll und die meisten Kirchen sonntags leer?

Weil die Kirche aus der Lebenssituation von Menschen in die Nischen abgedriftet ist. Ich muss fragen, was die Menschen heute fragen und ersehnen. Innerkirchliche Debatten über wiederverheiratete Geschiedene sind für die meisten uninteressant, ebenso wie das, was vor 40 Jahren in meinem Theologiestudium wichtig war. Es fehlt der Mut, etwa Leute auf Grenzsituationen hinzuweisen oder in solche reinzugehen. Wie etwa den Tod. Ich treffe 60-jährige Söhne, die ihre 90-jährige Mutter beerdigen und tief betroffen sagen, ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich war nie mit dem Tod konfrontiert. Da sind sie wieder, die Bruchkanten...

Sie meinen, es fehlt an Seelsorge im eigentlichen Sinne...

Ich bin in einem total behüteten Beamten- und Angestelltenmilieu groß geworden. Dann war ich als Kaplan fünf Jahre in Wuppertal im sozialen Brennpunkt und habe Situationen mit Menschen erlebt, die ich vorher für unfassbar gehalten habe. Ich habe nächtelang gekotzt, weil ich die Bilder nicht verkraften konnte. Trotzdem hatte ich das tiefe Gefühl, hier gehöre ich hin. Dahin, wo Menschen in Ausnahmesituationen geraten. Wenn wir das nicht wagen, wenn wir diese Kraft als Kirche nicht haben, dann sind wir eben da, wo wir jetzt sind.

Die Liebe zum FC wird in Köln quasi vererbt: Der Vater nimmt den Sohn mit ins Stadion, und der Sohn spürt emotional, was das bedeutet. Genau das gelingt Kirche nicht mehr...

Das hat uns der FC voraus. Kirche funktioniert nämlich nicht anders als FC: Ich brauche jemanden, der mich mitnimmt. Das schafft Bindung und die gelingt nicht mehr. Stattdessen starren wir auf die Mangelsituation bei den Priestern und fragen uns, was die wenigen jetzt machen sollen. Die Priester sind aber nicht die Kirche. Wenn wir dieses Delegationschristentum – Hauptsache, es gibt noch einen, der die Oma beerdigt – weiter vorantreiben, hat sich Kirche in zehn Jahren komplett marginalisiert.

Ihr Beispiel zeigt ja, dass die Botschaft sich glaubwürdig über Menschen transportiert. Warum spielt die Kirche stattdessen Angsthasenfußball und stellt sich hinten rein: Man legt immer größere Einheiten zusammen. Das nennt man wolkig Sendungsraum Köln-Mitte und erzählt den Gläubigen, dass die Qualität in keinem Fall schlechter wird. Das ist die Form der Unehrlichkeit, die man auch von Unternehmen kennt, die fusionieren.

Das ist Managersprech in der Kirche. Die jetzige Situation ist von Aussterben und Überlebenskampf geprägt. Die Kirche hat im Moment keine Kraft, zu antworten. Meine Loyalität hindert mich daran, bestimmte Deckel aufzumachen. Wir sind kaputt beraten und kaputt gecoacht. Am Ende geht es um Glaubwürdigkeit. Die innere Kostbarkeit der Kirche sind Menschen, die ihren Glauben leben und daraus mit ihrem Leben eine Antwort geben. Wenn ich die nicht berühren kann, können wir uns all die Supervisionen und Weiterbildungen zum Führen und Leiten sparen.

Ist es nicht unendlich kraftraubend, in einem solchen Rahmen seinen Dienst zu tun?

Mich belastet das alles sehr. Man absolviert eine 60- bis 70-Stunden-Woche und quält sich mit der Frage, wie das hier alles weitergehen soll. Wer soll mit meinen Kommunionkindern den Weg in zehn Jahren weitergehen? Aber ich muss mich davon frei machen und im Heute Gott suchen und ihn im Moment bezeugen. Ostern ist im Sinne des Neuen Testaments ein Aufstehen im Jetzt. Jesus wollte nicht auf das Jenseits vertrösten, sondern im Jetzt befreien.

Ostern verkündet die Kirche die Auferstehung des Leibes. Dem mündigen Christen des 21. Jahrhunderts können Sie das aber nicht mehr ernsthaft verkünden. Hapert es auch an dem Mut, den Glauben aus der Zeit heraus zu übersetzen, ohne den Kern zu verraten? Wie erklären Sie zum Beispiel die Auferstehung?

Wenn ein Mensch stirbt, spüren wir sehr intensiv, dass dieser Mensch und das, was er uns geschenkt hat, einmalig ist. Auferstehung meint, dass diese auch göttlich manifestierte Einmaligkeit mir unverlierbar erhalten bleibt. Ostern meint aber auch die Auferstehungskraft in unserem Leben, eine Ermutigung gegen die Lebensangst: Du kannst aufstehen und dein Leben wenden. Trau dich zu leben. Es ist eine große innere Freiheit, die aus dem Osterglauben erwachsen kann.

Glauben Sie an die Auferstehung des FC oder gar an das Wunder des Klassenerhalts?

Der Klassenerhalt wäre für mich kein Wunder, sondern ein Riesenglück. Wichtig ist, die Saison mit Moral in Ehren zu Ende zu bringen. Und soviel ist sicher: Das Stadion bleibt voll und die Fans bleiben treu.