Poker mit Wartelisten450 Plätze an Kölner Gymnasien zu wenig

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Schule Symbol

Schüler im Unterricht. (Symbolbild)

Köln – Es sind nicht viele Eltern in die Aula des Gymnasiums Kreuzgasse gekommen. Die meisten wollten sich das wohl nicht antun. Mit anzuschauen, wie aus dem großen Plastikeimer die Losnummern gezogen werden, die darüber entscheiden, ob das eigene Kind den so ersehnten Platz auf dem Wunschgymnasium bekommen hat.

Schulleiter Lüder Ruschmeyer hat diesen auch für ihn selbst enorm belastenden Weg gewählt, weil er, wie er sagt, „maximale Transparenz“ für die Eltern haben möchte in einem „unsäglichen Verfahren“. Keiner solle hinterher auch nur den leisesten Zweifel haben, dass alles ehrlich zugegangen sei.

Schulen und Eltern unter Druck

120 Plätze hat er zu vergeben, 255 Anmeldungen sind eingegangen, 40 Plätze davon werden an Geschwisterkinder vergeben. Wer nicht da war, bekommt das Ergebnis so mitgeteilt, wie die anmeldenden Familien an allen anderen Schulen: Am 14. März werden die Briefe zeitgleich an alle Eltern abgeschickt, in denen dann steht, ob und wo es mit dem ersehnten Schulplatz geklappt hat. Dabei stehen die Familien – ebenso wie die Schulen – durch das erstmals so durchgeführte Anmeldeverfahren mit Mehrfachanmeldungen in diesem Jahr unter ganz besonderem Druck.

Riesige Anmeldeüberhänge

Schon jetzt ist klar, dass, wie vorher befürchtet, riesige Anmeldeüberhänge entstanden sind. An beliebten Kölner Gymnasien wurden nach Recherchen des Kölner Stadt-Anzeigers teilweise drei Mal so viel Kinder angemeldet als Plätze da sind. Die meisten Schulen sehen das Losen als einzige Chance, unter diesen Bedingungen ein rechtssicheres Verfahren durchzuführen. An wie vielen Schulen die Eltern ihre Kinder durchschnittlich angemeldet haben, sagt die Stadt nicht.

Auch zu sonstigen Zahlen wurde nichts bekanntgegeben. Zu den Spitzenreitern dürfte sicher die Kölner Familie gehören, die ihr Kind an gleich 15 Kölner Schulen angemeldet hat, um viele Loschancen und damit eine möglichst breite Auswahl zu haben. Aber auch Anmeldungen an fünf oder sechs Schulen waren keine Seltenheit.

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Anders als von der Stadt ursprünglich geplant und kommuniziert, sollen die Eltern nun aber doch nicht nur die Zusagen geschickt bekommen. Allen Kindern, die an einer Schule, an der sie angemeldet haben, keinen Platz bekommen haben, wird in einem Ablehnungsschreiben ihr Wartelistenplatz mitgeteilt. Dann haben die Eltern die Qual der Wahl. Man kann es auch ein nervenaufreibendes Pokerspiel nennen, das dann beginnt: Nimmt man einen Platz an der Schule an, die nicht die absolute Wunschschule war, wenn man an seiner Wunschschule auf Wartelistenplatz 10 steht und hofft, dort doch noch nachzurücken?

Denn es ist durch die Überhänge sicher, dass viele Familien mehrfaches Losglück haben und Plätze zurückgeben werden. Die Entscheidungsfrist geht bis zum 23. März. Spätestens dann müssen die Eltern einen Platz angenommen haben. Und zwar durch eine aktive Rückmeldung. Wer sich nicht zurückmeldet, verwirkt seinen Platz.

Plätze für Nachrücker

Die Stadt appelliert an alle Eltern, möglichst zügig die Annahme eines Platzes zurückzumelden und nicht bis zum letzten Tag der Frist zu warten. Nur dann könnten die nicht wahrgenommenen Plätze im Verfahren zügig und sukzessive an Nachrücker von der Warteliste weitergegeben werden. Die Stadt hat den immens belasteten Schulen eigens ein zentrales Programm geschrieben, damit die Mehrfachanmeldungen überhaupt managen können:

Sobald eine Familie, die mehrfaches Losglück hat, einer Schule zusagt, werden die andere Plätze des betreffenden Kindes automatisch freigegeben und über die Warteliste sofort weitergegeben. Wenn alle bis zum letzten Tag warten, befürchtet die Stadt Überlastung und Chaos an den Schulen.

Es fehlen 15 Schulklassen

Neben dem riesigen Anmeldeüberhang und dem komplizierten Management des Verfahrens gibt es aber derzeit ein noch viel gravierenderes Problem: Es gibt auch in diesem Jahr nicht genug Gymnasialplätze, um alle Kinder zu versorgen. Dem Vernehmen nach fehlten nach Auswertung der Anmeldungen in diesem Jahr 450 Gymnasialplätze. Das entspricht 15 Schulklassen oder der Kapazität von knapp vier vierzügigen Gymnasien.

Derzeit beraten Schulleitungen, Stadt und Bezirksregierung, welche Schulen Mehrklassen bilden, um das aufzufangen. Schon wieder kann man sagen: In den vergangenen Schuljahren wurden bereits 117 sogenannte Mehrklassen eingerichtet, um die Nachfrage zu befriedigen. Im letzten Jahr waren es neun und Schuldezernent Robert Voigtsberger hatte damals schon betont, dass das System an seine Grenzen stoße, da Zusatzklassen eigentlich nur eingerichtet werden dürften, wenn es genug Fachräume für den Unterricht gebe.

„Ich werde das beanstanden“

Bei Eltern und an den Schulen erzeugt das ganz viel Wut. „Die Kinder sind doch nicht vom Himmel gefallen“, sagt ein Vater, dessen Kind einen hinteren Wartelistenplatz zugelost bekommen hat. „Ich werde das beanstanden.“ Eine andere Mutter ist unheimlich erleichtert, weil ihre Tochter ausgelost wurde. „Ich merke, wie sich eine Spannung löst, die schon seit Monaten auf mir lag“, sagt sie hinterher.

Schulleiter Ruschmeyer findet das alles „unerträglich“, was da mit Kindern und Familien gemacht wird. Familien, die bei der Vergabe leer ausgehen, werden in eine zweite Runde gehen müssen: Die betroffenen Eltern bekommen eine Liste mit Schulen, an denen es noch freie Plätze gibt. Dort können sie dann vom 31. März bis 4. April ihr Kind anmelden. Bis zum 30.4. soll das Anmeldeverfahren dann nach Angaben der Stadt „weitgehend abgeschlossen sein".

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