Trübe Stimmung vor dem StadionEuropapokalfinale in Köln – und niemand geht hin

Kaum Menschen vor den Kölner Stadion während das Finale der Europa League ausgespielt wird.
Copyright: Uli Kreikebaum
- Im Kölner Rhein-Energie-Stadion hat am Freitagabend das Finale der Europa League stattgefunden.
- „Showdown in Köln“ schrieb das Sportportal kicker.de in seinem Liveticker, doch vor dem Stadion war von einer Show nichts zu spüren.
- Ein paar Fans kamen trotz der strikten Corona-Maßnahmen aber doch.
Köln – Zwei der besten Fußballmannschaften Europas spielen das Finale um einen wichtigen Pokal, und niemand geht hin. Es geht nicht nur keiner hin, weil keiner hin darf, daran haben sich die Menschen fast gewöhnt. In der großen Stadt, in der es stattfindet, weiß kaum jemand von dem Spiel.
Das Liebespaar, das am Abend durch den Stadtwald weht, weiß es nicht, der alte Mann, der auf einer Bank sitzt und Zeitung liest, zuckt mit den Schultern. Der Jogger im FC-Trikot, der regelmäßig die Spiele seines Heimatvereins verfolgt, sagt: „Ach so, ja, interessiert mich aber nicht.“ Die Männer, die Bier trinkend auf der Stadionvorwiese sitzen, sagen: „Ne, wir sind nicht wegen des Spiels hier.“ Auf der Wiese kicken Hobbymannschaften, sie tragen orangene Leibchen wie die Ordner vor dem Stadion, auf deren Rücken ein Uefa-Pokal abgedruckt ist. Die Orangewesten erinnern daran, dass hier heute ein Fußballspiel ausgetragen wird, keine Uefa-Fahne, keine Werbung, kein Müll deutet auf das Finale der Europa League zwischen Inter Mailand und dem FC Sevilla hin. Die „Stewards“, wie auf ihren Leibchen steht, laden den Abend mit ein wenig Bedeutung auf, die sonst niemand spürt.
Ein paar Fans vor dem abgeriegelten Stadion
Fernando, der aus Sevilla angereist ist und durch den Bauzaun ein Foto vom Stadion machen will, weisen die Westen barsch zurecht: „Bitte räumen sie den Zaun, sofort!“ Über Funk melden sie den Fan, der dem abgeschirmten Stadion nahe gekommen ist. Als ein Fotograf ein Foto mit den Rücken zweier Ordner macht, fordert einer der Fotografierten lauthals, die Bilder seien sofort zu löschen; der Chef des Sicherheitsdiensts wird ausfällig und ruft die Polizei. Ist halt sonst nichts zu tun.Die Fans, die vor dem abgeriegelten Stadion stehen, werden immerhin fast alle für Interviews von spanischen und italienischen Sendern gebraucht. Es sind ungefähr zehn. Ein paar mehr sind gekommen, um einen Blick auf die Mannschaftsbusse zu erhaschen. Eine halbe Stunde vor dem Anpfiff ziehen sie wieder ab.
Den Anpfiff hört man von draußen. „Showdown in Köln“ schreibt das Sportportal kicker.de, und tickert nach 13 Minuten, als es 1:1 steht, von einem „rassigen Spiel“. Fernando sagt, er habe gehofft, dass es hier zumindest eine kleine Leinwand gebe, schade, und starrt auf sein Handy.
Kölner Inter-Fans sehen nicht glücklich aus
Der neunjährige Sevilla-Fan Remo, mit seiner Mutter Sandra auf der Stadionvorwiese picknickend, findet es interessant, „dass man bei den Spielen jetzt die Spieler und Trainer schreien hört“. Leider sei hier kaum etwas zu hören. Familie Apostolo, Kölner Inter-Fans, sieht nicht glücklich aus. „Es ist ein Finale, aber man merkt nichts davon“, sagt Giovanni Apostolo, „und den Mannschaftsbus haben wir auch verpasst.“
„Weltklasse-Spiel“, heißt es um 21.30 Uhr im Internet, da sind Remo, seine Mutter und die Apostolos schon wieder weg. Hardcore-Fan Fernando pfeift nach dem Ausgleich der Spanier mit einer Plastiktröte Richtung Stadion. Die Ordner zucken kurz auf. Drei Jugendliche grölen „1. Fußballclub Köln“ in die Nacht, ein Schwarm Krähen fliegt auf der Suche nach einem Schlafplatz über die Stadionvorwiese, unbeachtet von der Drohne eines Fernsehsenders, die aus der Luft den „Showdown“ filmt.
Ein Spaziergänger sagt, man könne das Stadion doch abreißen und Wohnungen bauen, sei doch eine gute Lage hier, wozu noch ein Stadion für 50 000?, da ruft ein Fan im Mailand-Trikot „Forza Inter!“Mailand hat das 2:2 erzielt. Lloris ist heute morgen aus Mailand nach Köln geflogen, stolz zeigt er sein Ticket. Warum nur? „Weil ich bei jedem Europacup-Endspiel von Inter in den vergangenen 15 Jahren dabei war“, sagt er, „auch 2010 in Madrid, als Inter gegen Bayern gewonnen hat“, vor 75 000 Zuschauern übrigens. Das Kölsch schmecke übrigens nicht schlecht, sagt er. Man hört es seiner schweren Zunge an. Und wie das jetzt sei, ein Abend vor einem abgeriegelten Stadion? „Tja, traurig“, sagt Lloris, „eine Schande. Aber man muss auch durch so traurige Zeiten mit seinem Verein durch. Ich wollte nicht weglaufen. Ich wollte hier sein.“ Beuys hätte gesagt: Jeder Fan ist Künstler.
Keine Dramatik und kein Rausch ohne Fans
Inter Mailand steht mit seinen Stürmern Romelu Lukaku und Lautaro Martinez für das, was Kritiker als „Abkopplung des kommerzialisierten Fußballs von der normalen Lebenswelt“ bezeichnen: Hochgejazzte Superstars, Millionengehälter, eine Szene, die sich kaum mehr in das Mäntelchen von Anstand und Moral hüllen muss, da es weithin hingenommen wird, dass der Markt die Gehälter doch hergebe.Und jetzt? Spielen Lukaku und Martinez, Messi und Lewandowski und Neymar ohne Zuschauer. Und ohne das Licht der Fans leuchten die Stars nicht mehr. Sie spielen nicht schlecht, denkt man, aber das allein ist es ja nicht. Nur die Fans machen ein Fußballspiel zum Spektakel, auf das man sich spätestens auf der Fahrt zum Stadion freut. Nur sie machen Fußballer zu Stars. Ohne die Fans fehlt: die Dramatik, der Rausch, die Zerstreuung. Und eigentlich will man ja genau das gerade jetzt: sich zerstreuen, ablenken, berauschen.
Gello, eingefleischter FC-Köln-Fan, der zufällig mit ein paar Freunden da ist, kommt eine Idee: „Man könnte über den Zaun klettern“, feixt er, und deutet auf einen Ordner, der vor dem Marathontor halb eingenickt ist. „Könnte funktionieren, aber ich bin zu alt, zu langsam.“ Schade, ein Versuch hätte der Spannung vor dem Stadion gut getan. Der italienische Fan, der Radio hört, dabei Rad fährt und jede Szene kommentiert, ist nur ein kurzer Hingucker, ein Spaziergänger erinnert mit seinem traurigen Hundeblick ein wenig an Lionel Messi, das wäre eine Geschichte: der gegen Bayern gefallene Superstar ist verrückt geworden und hat sich in Köln verirrt. Am Playa, der Beachvolleyball-Bar der Sporthochschule, läuft zwar Fußball, aber es scheint niemanden zu interessieren. Eine Frau, die mit ihrem Hund Gassi geht, sagt, auf den Fußball ohne Zuschauer angesprochen: „Ist doch schön, kein Lärm und kein Müll, haben Sie schonmal die Stadionwiese während eines Spiels ohne Müll gesehen?“
Das könnte Sie auch interessieren:
Ein Kollege, FC-Fan durch und durch, sagte jüngst, er gucke sich momentan lieber Spiele der Kreisliga an, vor Ort: „Da können einige auch ganz gut kicken.“ Er war kürzlich beim Kreispokal in Brühl, zweite Runde, 17:16 nach Elfmeterschießen, „ein ziemlich spannendes Spiel.“
Drinnen tost es wieder leise, Sevilla hat das 3:2 erzielt, ein Eigentor von Superstar Lukaku. Fernando bläst in seine Tröte, er wolle jetzt noch ein bisschen in die Stadt gehen, um zu feiern, sagt er nach dem Abpfiff. Eigentlich mit Inter-Fan Lloris, die beiden haben sich vor ein paar Minuten beim Kölsch verbrüdert, aber Lloris ist eingeschlafen, friedlich liegt er auf einer Bank vor dem Stadion.

