Tobias Gemein schickte die erste inklusive Mädchenmannschaft der Stadt Köln ins Rennen.
Premiere in KölnTobias Gemein eröffnet inklusive Mädchenmannschaft

Kölns Sportperson des Jahres Tobias Gemein eröffnete am Freitag die erste inklusive Mädchenmannschaft in Köln. Hier am Ball die siebenjährige Thea.
Copyright: Martina Goyert
Tobias Gemein geht in die Hocke, schaut dem Mädchen in die Augen und nickt ihr aufmunternd zu. Dann rollt der Ball, ein kurzer Kontakt, ein Schuss – Tor. Das Mädchen mit Down-Syndrom jubelt, lacht und strahlt. Es ist eine von vielen Szenen an diesem Freitagabend in der Soccerworld in Lövenich. Gemein hat nach eigenen Angaben die erste inklusive Mädchenfußballmannschaft der Stadt gegründet und dabei einen Ort geschaffen, an dem Mädchen mit und ohne Beeinträchtigung nicht nebeneinander, sondern miteinander spielen.
Großer Andrang beim ersten Training
Das ist im deutschen Vereinsfußball alles andere als selbstverständlich. Selbst dort, wo es Inklusionsmannschaften gibt, spielen meist Jungen. Für Mädchen mit Beeinträchtigung fehlt oft ein passendes Angebot. Gemein wollte das ändern. Unterstützung beim Auftakttraining erhielten die Mädchen von Spielerinnen der Futsal Panthers Köln. Sie halfen bei Übungen, gaben Tipps, feuerten an.

Die 19-jährige Flavia (l.) im Training mit anderen Mitspielerinnen.
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16 Interessierte kamen zum ersten öffentlichen Probetraining. Einige haben körperliche oder geistige Beeinträchtigungen, andere nicht. Sie liefen, dribbelten, passten, schossen, fielen hin und standen wieder auf. Pass- und Schussübungen gingen in ein Spiel über, erste Zurückhaltung wich spürbarer Freude. Was an diesem Abend immer wieder zu hören war: Lachen, Anfeuerungsrufe und vor allem ein Wort — Spaß.
Genau darin liegt der Kern des Projekts. Mit seinem Verein All Inclusion Sports, im Mai 2025 in Bonn gegründet und inzwischen auch in Köln aktiv, steht Gemein für ein klares Motto: „Miteinander statt nebeneinander“ und „Erlebnis statt Ergebnis“. In Bonn hat der Verein wenige Wochen zuvor nach eigenen Angaben ebenfalls die erste inklusive Mädchenmannschaft der Stadt gegründet.
Alle sind willkommen
Dass Tobias Gemein heute für genau eine solche Haltung steht, hat einen fachlichen sowie persönlichen Hintergrund. Der 24-Jährige studierte Kindheitspädagogik mit Schwerpunkt Inklusion, trainierte jahrelang eine Inklusionsgruppe bei Hertha Bonn und wurde 2024 mit dem Ehrenpreis des Bonner Sports ausgezeichnet. Vor wenigen Wochen wurde er zudem als Person des Kölner Sports 2025 geehrt. Sein wichtigster Antrieb ist jedoch privater Natur: seine jüngere Schwester, die selbst mit einer geistigen Behinderung lebt. „Ich glaube, sie wäre begeistert gewesen, wenn es so etwas früher für sie gegeben hätte“, sagt er.
Die neue Mannschaft ist bewusst offen angelegt. Kinder mit Rollstuhl, Sehbehinderung, Down-Syndrom, Fluchterfahrung oder aus Heimen sollen hier ebenso willkommen sein wie Mädchen ohne diagnostizierte Einschränkung. Rund 60 Prozent der Teilnehmenden haben eine Beeinträchtigung, rund 40 Prozent nicht. Für Gemein ist diese Einteilung aber nicht das Entscheidende. „Wir sehen das Kind als Ganzes“, sagt er. Begleitet wird das Training von vier Trainern, viele mit sonderpädagogischem Hintergrund. Der Monatsbeitrag liegt bei zehn Euro.
„Fußball ist mehr als nur Sport“
Für Gemein ist Fußball mehr als Sport. „Fußball ist eine Sprache, die jeder spricht, unabhängig von Herkunft, Religion, Nation. Kinder, die sich auf dem Schulhof hänseln würden, nehmen sich plötzlich in den Arm.“ Der frühere Nationalspieler und Star von Real Madrid, Toni Kroos, habe das kürzlich treffend formuliert, sagt er: Es gibt nichts, was die Gesellschaft so widerspiegelt wie eine Kabine.
Seinen Appell richtet Gemein auch an Eltern von Kindern ohne Beeinträchtigung: „Haltet euch nicht am Begriff Inklusionsmannschaft fest. Wer einmal vorbei gekommen ist, ohne überhaupt das Wort gehört zu haben, hat sein Kind sofort angemeldet.“ Vielleicht brauche man diesen Begriff irgendwann gar nicht mehr. Einfach eine Mannschaft.

Die erste inklusive Mädchenmannschaft beim ersten Training.
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Gemein will deshalb nicht nur eine Mannschaft aufbauen, sondern ein Beispiel setzen. Andere Vereine sollen sehen, dass inklusiver Fußball für Mädchen möglich ist und funktioniert. Im Mai fährt All Inclusion Sports zum Fußballfreunde-Cup West auf dem DFB-Campus in Frankfurt – als eine von nur vier Mädchenmannschaften beim bundesweiten Inklusionsturnier. Künftig trainiert das Team jeden Freitag von 16.30 bis 17.30 Uhr in Lövenich.
Weitere Informationen unter www.all-inclusion-sports.de