Abo

„Lehre fällt völlig weg“Werden Kölner Medizinstudenten in der Krise ausgenutzt?

4 min
Klinik Merheim

Das Krankenhaus in Merheim, eine der drei städtischen Kliniken.

Köln – „Natürlich ist das Infektionsrisiko für uns höher“, sagt Lukas Schulte: „Aber ich denke, dass uns die strengen Sicherheitsvorschriften gut schützen.“ Der 25-Jährige studiert Medizin in Witten.

Doch statt an digitalen Vorlesungen und Seminaren teilzunehmen, hat er sich gemeinsam mit 14 Kommilitonen bereiterklärt, in der Corona-Pandemie am Klinikum Merheim auszuhelfen. Das Projekt ist eines von vielen, insgesamt haben Hunderte Medizinstudenten angeboten, Krankenhäuser in Köln praktisch zu unterstützen.

Ein unnötiges Risiko

„Wir wurden zwei Tage lang eingeführt, haben Lagerungstechniken kennengelernt, eine Hygieneeinweisung bekommen“, sagt Schulte. Die Studenten bekommen eine kleine Entschädigung und können es sich so leisten, ihre Nebenjobs kurzzeitig ruhen zu lassen. „Für mich wäre es finanziell sonst schwierig geworden.“ Seinen Lernplan muss er zu großen Teilen ruhen lassen, statt im eng durch getakteten Medizinstudium weiter zu kommen, behandelt er Patienten mit einer hoch ansteckenden Lungenkrankheit.

Aber wofür das alles? Viele Operationen und Behandlungen wurden verschoben, die Zahl der Corona-Infizierten ist dank der schnellen Maßnahmen längst nicht so hoch, wie noch vor einigen Wochen befürchtet. „Ich bin auf der Lungenintensivstation eingesetzt und assistiere bei ärztlichen Tätigkeiten, habe dabei direkten Kontakt zu Corona-Patienten. Der Arbeitsaufwand ist hier auf jeden Fall erhöht, aber wir sind gut vorbereitet. Es wäre fatal, Panik aufkommen zu lassen“, sagt Schulte.

Situation in Kölner Uniklinik „gut im Griff“

Doch nicht jede Klinik hat eine Lungenintensivstation. Auch an der Kölner Uniklinik und beim Gesundheitsamt haben Medizinstudenten ihre Hilfe angeboten und unterstützen nun bei organisatorischen Aufgaben. Gerd Fätkenheuer, Infektiologe an der Uniklinik, freut sich über die Bereitschaft des medizinischen Nachwuchses. Er sagt aber auch: „Zur medizinischen Versorgung von Patienten sind Studenten als Unterstützung in Köln aus meiner Sicht bislang nicht nötig. Das haben wir sehr gut geschafft, wir haben die Situation in den Kliniken gut im Griff.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Und doch gibt es zahlreiche Projekte, bei denen Medizinstudenten präventiv in die Patientenversorgung eingebunden werden. Die Folge: Weniger Zeit für das eigene Studium und ein hohes Risiko, selbst an Covid-19 zu erkranken. Ist es das wert? „In der Klinik selbst sehe ich die Mithilfe der Studenten eher kritisch“, sagt Alexandra Jahnz. Sie ist selbst Medizinstudentin in Köln, befindet sich im zehnten Semester, ist „also Gott sei Dank nicht vom Hin und Her beim Examen betroffen“. Gemeint ist das „M2“, der entscheidende zweite Abschnitt der ärztlichen Prüfung. Dass dieser regulär stattfindet, wurde nach wochenlanger Ungewissheit erst kurzfristig entschieden. Suboptimal, findet die 30-Jährige: „Man ist nervlich sowieso ziemlich strapaziert und geht damit dann in die Prüfung.“

„Die Lehre fällt völlig weg“

Doch nicht nur Freiwillige wie Lukas Schulte, auch Studenten in ihrem Praxisjahr könnten bald zur Bekämpfung der Pandemie eingesetzt werden. Jahnz sieht das skeptisch: „Diese speziellen Patienten in dem angedachten Szenario müssen von entsprechend erfahrenem und geschultem Personal betreut werden. Studenten können und dürfen das gar nicht leisten. Eingesetzt werden sie dann als Lückenfüller, für Hilfsarbeiten – noch mehr als ohnehin schon. Jeder möchte helfen, alle möchten ihren Teil beitragen. Doch die Lehre fällt dabei völlig weg, obwohl sie ein sehr wichtiger Teil des praktischen Jahres ist.“

Ist die Corona-Krise also nur ein Vorwand, um Studenten als günstige Hilfskräfte für das Gesundheitssystem zu rekrutieren, obwohl kein Bedarf besteht? So weit würde Jahnz nicht gehen: „Wir erleben ja eine ganz neue Situation, in der auch Oberärzte vor völlig neuen Herausforderungen stehen, und wir alle lernen gemeinsam dazu.“ Außerdem sei von Seiten der Uni angekündigt worden, mit Corona-Fehlzeiten großzügig umzugehen – und möglichst viele Prüfungen online durchzuführen.

Kölner Uni: Studierende Eltern übersehen?

Und trotzdem werden die Probleme der Studenten aus ihrer Sicht nicht ernst genug genommen: „In der Realität ist aktuell für Lehre keine Zeit. Zumindest für die allermeisten.“ Außerdem bemängelt die zweifache Mutter, dass „studierende und arbeitende Eltern aktuell einfach übersehen werden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: ernsthaftes Lernen ist ohne Kinderbetreuung nicht möglich“.

Deutlich entspannter erlebt Lukas Schulte die Situation: „Im Nachhinein hat die Uni ermöglicht, dass wir die Zeit im Klinikum als einmonatiges Wahlfach angerechnet bekommen.“ Im Nachhinein, er hätte es also – wie viele seiner Kommilitonen – auch ohne eigenen Nutzen gemacht. Wer Medizin studiert, tut dies eben zumeist nicht aus Langeweile oder Probierlaune, sondern aus einem Altruismus heraus, der sich besonders in der Krise offenbart. Es liegt an den Universitäten und Kliniken, diese Haltung zu honorieren.